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Ellsworth Kelly, geboren am 31. Mai 1923 in Newburgh, Orange County, New York, gestorben am 27. Dezember 2015 in Spencertown, New York

Mit 92 Jahren ist Ellsworth Kelly, einer der bedeutendsten Vertreter der „Farbfeldmalerei“, kurz nach Weihnachten in seinem Haus in Spencertown gestorben. Präsident Barack Obama hatte ihm im Jahre 2013 die National Medal of Arts der Vereinigten Staaten verliehen. Dieser Wertschätzung entspricht es, dass der Künstler im Jahre 2008 im Rahmen des FAPE-Programms (The Foundation for Art and Preservation in Embassies) den zentralen Innenhof der Botschaft der Vereinigten Staaten in Berlin mit der Skulptur „Berlin Totem“, einer 12 Meter hohen Edelstahl-Säule, gestaltete. Auch für den Deutschen Bundestag hat Ellsworth Kelly an herausragender Stelle eine Installation geschaffen, und zwar die „Berlin Panels 2000“. Diese vier Aluminium-Objekte setzen an der Westfassade des Paul-Löbe-Hauses ein markantes Zeichen - als klar konturierte Farbfelder in Blau, Schwarz, Rot und Grün.

Ellsworth Kelly gehörte zu der Generation von Künstlern in Amerika, die nach dem Zweiten Weltkrieg neue Wege zu einer von europäischen Traditionen befreiten Kunst suchten. Die „New York School“ begründete mit Malern wie Jackson Pollock, Robert Motherwell, Mark Rothko, Barnett Newmann und Ad Reinhardt sowohl den abstrakten Expressionismus als auch die Hard-Edge-Malerei. Ellsworth Kelly hingegen, geprägt durch einen sechsjährigen Studienaufenthalt in Frankreich, setzte sich mit der Abstraktionsentwicklung in Europa auseinander, indem er die Ansätze von Kasimir Malewitsch und Paul Klee, von Constantin Brancusi, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp aufnahm und daraus sein Konzept der „unpersönlichen Betrachtung der Form“ (E.K.) entwickelte. Zunächst gestaltete er Arbeiten unter Einbeziehung des Zufallsprinzips, um auf diese Weise seine Kunst von der Aufgabe, subjektive und emotionale Momente wiederzugeben, zu befreien. Schließlich entwickelte er einfache geometrische Großformen, sei es als Leinwände, als Reliefs oder als Skulpturen, mit klar geschnittenen Kanten und farbkräftigen, monochromen Oberflächen. Diese Objekte haben keine über sich selbst hinausweisende Bedeutung, sie bilden weder sichtbare Realität noch subjektive Emotionen ab, es sind vielmehr sich selbst genügende Objekte, die lediglich ihre Form und ihre Farbe im Kontext zur Umgebung bzw. zum Hintergrund dem Betrachter präsentieren.

Mehrteilige Objekte, wie die „Berlin Panels 2000“, setzen sich in dieser Logik aus autonomen Einzelformen zusammen, die durch die farblich variierte Wiederholung ihre Unabhängigkeit von jeder außerbildlichen Beziehung bestätigen. Zugleich wird die Wand auf diese Weise Teil der Installation: als Träger der Bildelemente und zugleich als Teil des „Bildraumes“, zumal der Betrachter alle vier Elemente immer wieder ins Auge fasst und die Formen der vier Rauten miteinander vergleicht. Sie wirken nahezu identisch, tatsächlich aber weichen die Winkel dieser sog. „Diamond Shapes“ geringfügig voneinander ab. Kelly hat die vier Farbfelder in einem tänzerisch-eleganten Rhythmus auf der Fassade verteilt, so dass sie mit den vorgegebenen Linien der Treppenläufe zu spielen scheinen. So stimmt seine Installation, in der jedwede „Hierarchie zugunsten einer Demokratie der unbegrenzten Möglichkeiten ausgehebelt“ (Georg Imdahl) wird, auf den freien und wachen Geist des Hauses ein. Der Besucher, der das Paul-Löbe-Haus betritt, wird weitergeleitet in die Halle, in der der französische Künstler François Morellet mit seinen autonomen Farb- und Formobjekten, vier leuchtenden Neongirlanden, Ellsworth Kellys Konzept kongenial variiert.

Text: Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages