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Einen Monat vor seinem 81. Geburtstag ist der Bildhauer und Installationskünstler Jannis Kounellis gestorben. Er galt als einer der international bedeutendsten Künstler Griechenlands. Seine Heimat hatte er jedoch bereits im Jahre 1956 verlassen und ein Kunststudium in Rom begonnen. Nach eher konventionellen malerischen Anfängen entwickelte er, hierin dem mit ihm befreundeten Joseph Beuys vergleichbar, Installationen und Skulpturen aus Alltagsmaterialien, die vielfach auf seine Herkunft aus einer Hafenstadt anspielten. Mit der Verwendung diesen »armen«, d. h. alltäglichen Materialien wie Kohle, Eisen, Holz, Leinen, Teer, rostigem Metall, Erde oder auch Feuerflammen wurde er zu einem der bahnbrechenden Künstler der Bewegung der Arte Povera. Kounellis fand bereits früh auch in Deutschland Anerkennung. So ist beispielsweise in „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, dauerhaft sein Raumkunstwerk „Tragedia Civile“ (1975), die „bürgerliche Tragödie“, installiert. Der Besucher spiegelt sich schemenhaft in einer mit Blattgold belegten Wand, vor der ein Kleiderständer steht, auf dem ein abgetragener Mantel und ein Hut hängen, während an der Seitenwand eine flackernde Öllampe hervorragt – rätselhafte Zeichen der Vergänglichkeit der menschlichen Existenz vor einer Folie der golden leuchtenden Ewigkeit.

Diesem künstlerischen Ansatz, sich mit bildmächtigen „einfachen“ Materialien an die Deutung der letzten Dinge zu wagen, entsprach es, dass Kounellis die Einladung der israelischen Druckerei Har-El aus Tel Aviv/Jaffa annahm und 12 Papierarbeiten zum Thomas-Evangelium schuf – allein mit dem Material Sand, also einem gewöhnlichen und doch für das Umfeld der biblischen Überlieferung sehr symbolträchtigen Material. Im Atelier von Har-El ist die Technik entwickelt worden, die den Druck solcher Graphiken mit Sand erlaubt: das Terragraph-Verfahren.

Der Text des Thomas-Evangeliums ist apokryph, ist also nicht als Teil der Bibel anerkannt, und wurde erst im Jahre 1942 in der ägyptischen Wüste entdeckt. Er enthält in koptischer Übersetzung 114 Aussprüche Jesu und wurde im zweiten Jahrhundert nach Christus von Didymus Judas Thomas aufgeschrieben. Har-El hat diesen Text ins Hebräische übersetzt und die vier Werkgruppen zu je drei Blättern in Jaffa gedruckt. Kounellis hat dazu Bilder in den Sand gezeichnet, einfache und doch geheimnisvolle Zeichen, die gewöhnliche Gegenstände, kosmische Symbole oder kabbalistische Chiffren zeigen – wie sie im Thomas-Evangelium auch angesprochen werden. So findet sich ein Kreis, in den die Namen von „Jesu“ und „Tomas“ eingeschrieben sind. Eine Linie trennt „anima“ und „corpo“, Seele und Körper. Verschiedene Zeichen für den Kosmos symbolisieren das Geistige, hingegen der Fisch, die Vögel und der Baum das Lebendige. Die Himmelsleiter und das Sternenbild des »Kleinen Bären« sind kosmische Zeichen und finden ihr Pendant in den Zeichen, die die Welt des Menschen beschreiben - durch die Licht und Erkenntnis spendende Petroleumlampe oder ein Haus. Den Abschluss bilden die Köpfe der 24 Propheten in Israel, die das Kommen Jesu ankündigten.

So ist auf diesen zwölf Blättern der gesamte Kosmos von Himmel und Erde geheimnisvoll umfangen, in den Sand genau jener Wüste gezeichnet, in der die Schriftrollen Jahrhunderte lang geborgen waren. Der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages erwarb die Graphik-Mappe im Jahre 2012 für die Kunstsammlung des Deutschen Bundestages.

Das Thomas-Evangelium, 12 handsignierte Originalgraphiken, Auflage 21/ 38, im Siebdruck- und Terragraph-Verfahren mit rotem Sand im Atelier von Har-El in Jaffa/Tel Aviv von Hand gedruckt von Nissim Ben-Nun und Rachel Haelion-Meseritz, 2000.

Text: Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages