Themenausgabe
Jürgen Engert
MAUERBAU
Die Insel West-Berlin hatte sich trotz allem als Festland gefühlt - bis zum 13. August 1961
Sonntag, 13. August 1961. Ausschlafen! Telefonklingeln schreckt auf. Die Redaktion. Die Stimme des Chefs vom Dienst. "Dalli, dalli! Es geht los! Die machen den Laden dicht!" Am 31. Juli 1961 hatte die Zeitung die Schlagzeile gehabt: "Verzweiflungsplan Pankows: Sektorengrenze abriegeln." Ein guter
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Susanne Kailitz
13. AUGUST 1961
Zwei DDR-Bürger zogen aus dem Mauerbau gegensätzliche Konsequenzen
Als die Mauer gebaut wurde, waren weder Paula Möbius noch Hartmut Richter dort, wo sie nach Ansicht der DDR-Führung eigentlich hätten sein sollen: Während die damals 20-jährige Möbius mit ihrer Mutter Urlaub in Köln machte, verbrachte der zwölf Jahre alte Richter seine Ferien wie üblich bei
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Ernst Elitz
EXODUS
Politische Repression und
wirtschaftlicher Mangel trieben unter dem Ulbricht-Regime Millionen DDR-Bürger
in den Westen. Bis zum Bau der Mauer war das geteilte Berlin das letzte Schlupfloch aus dem Sozialismus
Als im August 1961 die Flüchtlingszahlen in Berlin Tag für Tag neue Rekorde brachen, war die Abschottung der 1.381 Kilometer langen Demarkationslinie zwischen Ost- und Westdeutschland schon vollzogen - vorerst ohne Todesstreifen und Selbstschussanlagen. Berlin war der letzte Notausgang aus dem
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Karl-Heinz Baum
DIE MAUER
28 Jahre lang zeigte sie das hässliche Gesicht des SED-Diktatur
Im Januar 1961 ist Sigrid Paul glücklich. Ihr Sohn ist geboren. Doch etwas stimmt nicht mit ihm. Als die Ärzte im Ostsektor Berlins nach zehn Wochen immer noch rätseln, bringt die Mutter ihn in den Westteil der Stadt. Dort brauchen die Ärzte drei Tage, um den Zwerchfellriss festzustellen. Sie
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Peter Pragal
OPFER
Auch heute ist nicht vollständig geklärt, wie viele Menschen an den innerdeutschen Grenzen ums Leben gekommen sind
Sie wollten politischer Repression entfliehen oder hofften auf mehr Wohlstand oder strebten zu Angehörigen im anderen Teil Deutschlands - die Gründe, aus denen Menschen der DDR den Rücken kehren wollten, sind so vielfältig wie die Umstände, bei denen viele von ihnen an den innerdeutschen Grenzen zu
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Alexander Heinrich
VORSPIEL
Lange warb die DDR-Führung in Moskau vergeblich für den Mauerbau. Erst im Sommer 1961 dachte der Kreml um
Die Lage ist besorgniserregend, der Ton des Gesprächs ist barsch: "Beim Mais bin ich Fachmann", rüffelt Kreml-Chef Nikita Chruschtschow den Genossen Walter Ulbricht am Telefon, "Sie dagegen akzeptiere ich nicht als solchen." Im Gespräch der beiden Staats- und Parteichefs am 1. August 1961 geht es um
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Jochen Thies
REAKTIONEN
Wie Frankreich und Großbritannien ließen die USA den Sowjets im Ost-Sektor Berlins freie Hand. Selbst Bonn protestierte nur verhalten
Europa befand sich in den Sommerferien, als in Berlin am 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer begonnen wurde. Kein westlicher Staatsmann brach seinen Urlaub ab. Aus heutiger Sicht unvorstellbar, ließen auch in der Bundesrepublik die Reaktionen lange auf sich warten. Zwar hatte der BND Anfang August
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Götz Hausding
FLUCHT
Abenteuerliche Tunnelbauten, gefälschte Pässe, Verstecke in Diplomaten-Wagen: Ein Entkommen aus der DDR war ohne westliche Fluchthelfer selten möglich. Die SED diffamierte sie als Menschenhändler
Es gab den Flug der Familien Strelzyk und Wetzel mit dem selbstgebauten Heißluftballon über die grüne Grenze. Es gab die Fahrt des Bernd Böttger mit einem von ihm entwickelten Mini-U-Boot durch die Ostsee. Dazu kamen noch spektakuläre Fluchten mit eigens umgebauten Autos, in Lautsprecherboxen und
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Peter Pragal
MARIENFELDE
Das West-Berliner Notaufnahmelager war über Jahrzehnte Anlaufstelle für Flüchtlinge und Übersiedler aus der DDR. Mehr als 1,3 Millionen Menschen durchliefen das »Nadelöhr«
Der Raum ist klein und karg möbliert, mit Originalstücken aus den 1950er Jahren: Zwei eiserne Doppelstockbetten, ein schlichter Tisch mit vier Stühlen, ein Schrank, eine Kommode, auf der ein alter, ramponierter Koffer liegt. In der Erinnerungsstätte des einstigen Notaufnahmelagers Berlin-Marienfelde
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Jan Eisel
ENTSPANNUNG
Unter dem Motto »Wandel durch Annäherung« versuchte Bonns neue Ostpolitik Verbesserungen für die Menschen im geteilten Deutschland zu erreichen
Der Mauerbau 1961 war für die Berliner ein Schock. Über Nacht teilte er Familien und Freundschaften. Behinderungen bei Ein- und Ausreisen wurden zum politischen Druckmittel Ost-Berlins. "Mit Drohungen und Schikanen haben die in Pankow residierenden Machthaber einer fremden Besatzungsmacht uns an der
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Eckart D. Stratenschulte
KURT NEUBAUER
Der SPD-Politiker wohnte im Ost-Berliner Bezirk Friedrichshain - und war zugleich Mitglied des Bundestages
Von 1949 bis 1990 gab es zwei deutsche Staaten, einen westdeutschen und einen ostdeutschen. Jeder hatte sein Parlament, auch wenn das in Ost-Berlin bis zum 18. März 1990 alles andere als eine demokratisch gewählte Volksvertretung war. Im westdeutschen Bundestag saßen die Westdeutschen, in der
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Interview mit Egon Bahr
EGON BAHR
Der Wegbegleiter Willy Brandts über den Mauerbau und die Ostpolitik
Als vor 50 Jahren die Mauer gebaut wurde, waren Sie Sprecher des Berliner Senats beim Regierenden Bürgermeister Willy Brandt. Was sind Ihre Erinnerungen an den 13. August? Um korrekt zu sein, muss man sagen: Es wurde zunächst gar keine Mauer gebaut. Es wurden Stacheldrahthindernisse errichtet, da
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Helmut Herles
BUNDESTAG
Aus Dresden oder Halle stammend, fühlten sich Bonner Abgeordnete auch den Menschen in der alten Heimat verpflichtet. Zwei Beispiele
Die Deutschen "im Westen" mit Wurzeln "im Osten", die "Wossis", haben wesentlich dazu beigetragen, die Nation im Innersten zusammenzuhalten. Sie widersprachen in ihrem Bewusstsein sowohl der zunehmenden Abkehr der SED von "Deutschland einig Vaterland" als auch der Gleichsetzung von "Deutschland"
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Peter Jochen Winters
1989
Gorbatschows Reformkurs wollte die SED nicht folgen. Ausreisewelle und Demos läuteten das Ende ihres Regimes ein
Die Mauer "wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu bestehenden Gründe noch nicht beseitigt sind". Erich Honeckers Äußerung von 19. Januar 1989 zeigt eklatant die Realitätsblindheit des seit fast 18 Jahren an der Spitze der DDR stehenden SED-Chefs. Gewiss, die Gründe,
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Susanne Kailitz
DER DEMONSTRANT
Michael Wildt ging 1989 gegen das SED-Regime auf die Straße
Ich habe vom 9. Oktober bis Ende November 1989 an den Montagsdemonstrationen teilgenommen - einfach aus dem Gefühl heraus, dass es so nicht weitergehen konnte. Überall war Stagnation. Ich war damals Dramaturg am Theater in Eisleben. Wir konnten kein Stück spielen und keine Zeile schreiben, ohne dass
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Susanne Kailitz
DIE AUSREISENDE
Maren Müller verließ die DDR via Ungarn
Ich war 19 und hatte im Juli 1989 nach meiner Ausbildung als Floristin angefangen zu arbeiten. Obwohl man das eigentlich so nicht nennen konnte: In unserem Laden bekamen wir im Sommer wöchentlich 50 Nelken und das war's. Und weil wir keine Blumen verkaufen konnten, haben wir eben gestrickt.
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Peter Pragal
MAUERFALL
Zwei unbedachte Worte und verfrühte Euphorie führten am 9. November 1989 zum Ansturm auf die Übergangsstellen
Angela Merkel bat zum Spaziergang. Am 9. November 2009 schritt die Kanzlerin in einem symbolischen Akt über die Berliner Bösebrücke, die sie 20 Jahre zuvor -als DDR-Bürgerin - in einem Pulk fröhlicher Menschen erstmals vom Grenzkontrollpunkt auf der Ostseite unkontrolliert nach West-Berlin überquert
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Robert Birnbaum
BUNDESTAG
Die Sitzung des Parlaments in Bonn am Abend des Mauerfalls
Die Weltgeschichte traf den Bundestag ganz und gar unvorbereitet. Ein parlamentarischer Donnerstag ging seinen Gang: Aktuelle Stunde zur "Schätzung der EG-Getreideernte", dann Debatte zur Vereinsförderung. Eine recht lebhafte Debatte übrigens, weil das Vereinsrecht zwar eine dröge Sache ist, aber
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Heinz-Joachim Schöttes
VOLKSKAMMER
Vier Tage nach dem Mauerfall beginnt auch hier die »Wende«
Diese Tagung der Volkskammer hätte als Lehrstunde des Parlamentarismus in die DDR-Geschichte eingehen können. Aber nur der gestammelte Satz eines greisen, grauhaarigen, gebeugten kleinen Mannes hat sich in die kollektive Erinnerung der Menschen eingegraben. "Ich liebe, ich liebe doch alle Menschen",
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Hans-Jürgen Fink
DEUTSCHLAND
Der innere Vereinigungsprozess wurde durch außenpolitische Gespräche begleitet, abgesichert und befördert
Der Fall der Mauer am 9. November 1989 stürzte die politische Klasse in nah und fern zunächst in ratloses Schweigen. Allmählich erst fanden die Regierenden ihre Sprache wieder. In Ost-Berlin brachte der neue Ministerpräsident Hans Modrow (SED) am 17. November die Idee einer deutsch-deutschen
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Interview mit Wolfgang Schäuble
WOLFGANG SCHÄUBLE
Als Bonner Innenminister handelte er 1990 den Einigungsvertrag aus. Ein Rückblick
Sie haben 1961 Abitur gemacht, im Schwarzwald. Wie real war für einen 18-Jährigen wie Sie der Bau der Mauer? Wir hatten nach dem Abitur eine Reise nach Berlin gemacht, noch vor dem Bau der Mauer. Ich war zum ersten Mal aus unserer Kleinstadt nach Berlin gereist und fasziniert von dieser Großstadt.
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Everhard Holtmann
OST UND WESt
Wie fremd sind sich die Deutschen noch?
Ein Verdacht geht um im geeinten Deutschland: Mehr als 20 Jahre nach der Vereinigung gebe es immer noch - oder gar wieder - eine "Mauer in den Köpfen". Träfe diese Beschreibung der innerdeutschen Beziehungen zu, hätten wir es mit einer Gefühlslage zu tun, die auf der individuellen Ebene eher durch
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Rolf Schneider
ERINNERUNG
Der Schriftsteller Rolf Schneider trifft den Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde, Roland Jahn
Das Dokumentationszentrum zur Geschichte der Berliner Mauer steht auf der nordöstlichen Seite der Bernauer Straße, nahe dem Nordbahnhof. Es gibt Ausstellungsräume und einen Turm, von dem aus das einstige Grenzgebiet einzusehen ist. Zu den gezeigten Exponaten gehören Videos, Fotografien, Texte. Zweck
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Roland Knauer
UMWELT
Die einstige innerdeutschen Grenze ist ein Refugium für seltene Tiere und Pflanzen
Ende August steht das wohl originellste Naturschutzgebiet der Welt auf dem Besuchsprogramm des Tourismusausschusses des Bundestags: 1.393 Kilometer ist dieses "Grüne Band" lang, aber nur 50 bis 200 Meter breit. Es schlängelt sich von der Ostsee bis zum Fichtelgebirge durch viele der für Deutschland
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Alexander Heinrich/Jörg Müller-Brandes/Verena Renneberg
12.9.1944 Die USA, die Sowjetunion und Großbritannien beschließen in London, Deutschland nach der bedingungslosen Kapitulation in drei Besatzungszonen aufzuteilen. Berlin, so heißt es in dem ersten von insgesamt drei sogenannten Zonenprotokollen, soll "gemeinsam von den drei Mächten besetzt" werden.
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Alexander Heinrich/Jörg Müller-Brandes/Verena Renneberg
15.6.1961 DDR-Staatschef Walter Ulbricht versichert auf die Frage nach der Staatsgrenze in Berlin: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen". Von einer Mauer war bis dahin nie die Rede gewesen. 13.8.1961 Die DDR schließt die Sektorengrenze um West-Berlin; Beginn des Mauerbaus. 26.8.1961 Alle
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Alexander Heinrich/Jörg Müller-Brandes/Verena Renneberg
17.12.1971 Bonn und Ost-Berlin schließen ein Transitabkommen, das den Transitverkehr von der Bundesrepublik nach West-Berlin erleichtern soll. 27.4.1972 Im Bundestag scheitert das konstruktive Misstrauensvotum der Opposition gegen Bundeskanzler Brandt, dessen Ostpolitik umstritten ist. 26.5.1972
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Alexander Heinrich/Jörg Müller-Brandes/Verena Renneberg
11.3.1985 Michail Gorbatschow wird zum Generalsekretär der KPdSU gewählt. 7.-11.9.1987 Als erster DDR-Staatschef besucht Honecker die Bundesrepublik. 2.5.1989 Ungarn beginnt, die Grenzanlagen zu Österreich abzubauen. 7.5.1989 Kommunalwahlen in der DDR. 98,85 Prozent für die Einheitsliste lautet das
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