Direkt zum Hauptinhalt springen Direkt zum Hauptmenü springen

Dokumente

 

"Eigentlich hätten wir mehr Impfstoff kaufen müssen"

Video herunterladen

Dialog schließen

Sehr geehrte Nutzerinnen und Nutzer, bitte bestätigen Sie vor dem Download des gewünschten Videos, dass Sie unseren Nutzungsbedingungen zustimmen. Ohne die Zustimmung ist der Dowload des Videoclips leider nicht möglich.

Video einbetten

Dialog schließen

Fügen Sie den nachfolgenden Code in Ihre HTML-Seite ein, um das Video gemäß den Nutzungsbedingungen des Deutschen Bundestages auf Ihrer Webseite zu verwenden.

<script id="tv2145162" type="text/javascript" src="https://webtv.bundestag.de/player/macros/bttv/hls/player.js?content=2145162&phi=default"></script>

Der Gesundheitsausschuss unter Vorsitz von Kathrin Vogler (Die Linke) hat sich am Mittwoch, 30. Januar 2013, in einer öffentlichen Anhörung mit dem Thema Pandemiebekämpfung befasst. Gegenstand der Beratungen mit knapp 20 Experten war ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (17/3544), in dem mehr Flexibilität und Transparenz bei der Pandemiebekämpfung gefordert werden. Hintergrund des Antrags ist die sogenannte Schweinegrippe, die Mitte 2009 in Mittelamerika aufgetreten war und sich rasch verbreitet hatte.

"Großteil der Impfdosen nicht verwendet"

Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Anfang Juni 2009 die höchste Alarmstufe ausgerufen hatte, begannen die meisten Staaten, Maßnahmen gegen eine drohende Pandemie zu ergreifen. Dazu gehörte auch die Beschaffung von Impfstoffen.

Bedingt durch einen vergleichsweise harmlosen Erkrankungsverlauf bei der Mehrzahl der Betroffenen sowie durch öffentliche Kritik an dem Impfstoff blieb die Zahl der in Deutschland Geimpften relativ gering. Dies führte dazu, dass ein großer Teil der von den Impfstoffanbietern erworbenen 34 Millionen Impfdosen nicht verwendet wurde und wahrscheinlich verfällt.

"Alles richtig gemacht"

Prof. Dr. René Gottschalk von der Schutzkommission beim Bundesinnenministerium wies darauf hin, dass man vor dem Ausbrauch einer Pandemie nicht voraussagen könne, wie gefährlich ein Erreger sei. Im Rückblick betrachtet habe Deutschland, vor allem im Vergleich zu Ländern wie Großbritannien oder den USA "alles richtig gemacht".

"Eigentlich hätten wir noch viel mehr Impfstoff kaufen müssen", behauptete Gottschalk. Und Prof. Dr. Gert Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum pflichtete ihm bei: "Wir wussten im Herbst 2009 noch nicht einmal annähernd, wie hoch die Infektionsrate war."

"Tests für den Virus entwickelt"

Prof. Dr. Reinhard Burger vom Robert-Koch-Institut (RKI) erklärte, dass Deutschland beim Ausbruch der sogenannten Schweinegrippe gut aufgestellt gewesen sei und zum Beispiel sehr rasch Tests für den Virus entwickelt habe. Im Übrigen hätten die zuständigen Institutionen die Pflicht, sich auch auf schwere Krankheitsverläufe einzustellen.

Denn "man erfährt erst im Verlauf der Pandemie, wie sich das Virus verhält", sagte Burger. Andererseits sei es aber nötig, bereits zu Beginn der Pandemie schon sehr weitreichende Entscheidungen treffen. "Wir hatten Glück, dass die Pandemie so milde verlaufen ist", sagte Burger.

"Verbreitungsgrad der wichtigste Gradmesser"

Prof. Dr. David Harper von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigte, dass bei einem neu aufgetretenen Virus die Unsicherheit über dessen Wirkungen immer sehr groß sei. "In der Frühphase einer Pandemie ist es kaum möglich, Aussagen über den Schweregrad des Krankheitsverlaufs zu machen", sagte Harper. Bisher sei der Verbreitungsgrad der wichtigste Gradmesser.

"Die WHO arbeitet ständig an einem Instrument zur Einschätzung des Schweregrades", berichtete Harper weiter. Dessen Entwicklung benötige aber noch Zeit.

"Neuen Pandemieplan entwickelt"

Vor diesem Hintergrund hält es Prof. Dr. Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) für nicht vertretbar, sich bei der Entscheidung über den Kauf von Impfstoffen von den WHO-Warnstufen abzukoppeln.

Annegret E. Schöller von der Bundesärztekammer (BÄK) erinnerte in diesem Zusammenhang an die Aufforderung der WHO im Jahre 2010 an die einzelnen Staaten, eigene Pandemiepläne zu entwickeln. "Wir mussten damals mit großen Unwägbarkeiten umgehen", sagte Schöller. Mittlerweile habe man Lehren aus den Ereignissen gezogen und einen neuen Pandemieplan entwickelt.

Impfmüde Patienten

Thomas Barta von der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) äußerte sich zu der die Öffentlichkeit seinerzeit stark bewegenden Frage, ob zu viel Impfstoff eingekauft worden sei. Seiner Ansicht nach hat damals zunächst sogar zu wenig Impfstoff zur Verfügung gestanden. Dann aber seien die Patienten durch die öffentliche Debatte und die vergleichsweise milden Verläufe sehr rasch impfmüde geworden, sagte Barta.

Mittlerweile hätten die Länder aus dem Verlauf der Pandemie im Jahre 2010 die nötigen Schlüsse gezogen. So sei eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden, deren Arbeitsergebnisse in einen Beschluss mit 21 Punkten Eingang gefunden hätten.

Kritik an der Informationspolitik

Kritisch beurteilt wurde von den Sachverständigen vor allem die Informationspolitik. So räumte Professor Burger vom Robert-Koch-Institut ein, dass in der Öffentlichkeit eine erhebliche Verwirrung über die Frage geherrscht habe, welchen der beiden auf dem Markt befindlichen Impfstoffe man verwenden solle.

Mit der Kommunikation über die Verwendung des Impfstoffes waren wir nicht zufrieden", sagte Burger.

"Wir brauchen eine Standardinformation"

Ähnliches berichtete Prof. Dr. Klaus-Dieter Kossow vom Deutschen Hausärzteverband (DHV): "Es ist uns nicht gelungen, unsere Meinung zur herrschenden Meinung zu machen." Einzelne Hausärzte hätten zum Kreis der Impfkritiker gehört. Aus den Erfahrungen seien nun die richtigen Schlüsse zu ziehen. "Wir brauchen eine Standardinformation, die alle wesentlichen Akteure gemeinsam verbreiten", forderte Kossow.

Ergänzend wies Paul Rheinberger von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) darauf hin, dass auch die Vergütungsregelungen strittig gewesen seien. "Die Ärzte waren sich im Unklaren darüber, wie die Impfungen vergütet werden", sagte Rheinberger. So etwas müsse künftig im voraus und einheitlich geregelt werden. (tvw/30.01.2013)

Liste der geladenen Sachverständigen

Thomas Barta, Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG)
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ)
Annegret E. Schöller, Bundesärztekammer (BÄK)
Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. (BVÖGD)
Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e.V. (BPI)
Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände
Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie (DGEpi)
Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM)
Prof. Dr. Klaus-Dieter Kossow, Deutscher Hausärzteverband e.V.
Prof. Dr. Gert Antes, Deutsches Cochrane Zentrum
Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA)
GKV-Spitzenverband
Paul Rheinberger, Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV)
Prof. Dr. Klaus Cichutek, Paul-Ehrlich-Institut (PEI)
Prof. Dr. Reinhard Burger, Robert-Koch-Institut
Prof. Dr. René Gottschalk, Schutzkommission beim Bundesministerium des Innern
Ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut (STIKO)
Transparency International Deutschland e.V. (TI)
Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (vfa)
Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv)
Prof. Dr. David Harper, Weltgesundheitsorganisation (WHO)
N. N.
N. N.
N. N.
N. N.
N. N.
N. N.