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"Ich erlebe die Demokratie erstmals von innen"

Brahim Oubaha im Berliner Hauptbahnhof vor der Fahrt in den Wahlkreis des Abgeordneten Kai Gehring. Bildinformationen öffnen
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Brahim Oubaha im Berliner Hauptbahnhof vor der Fahrt in den Wahlkreis des Abgeordneten Kai Gehring.

© DBT/Photothek

Tanger ist eine besondere Stadt. Im Norden Marokkos gelegen, bildet sie nicht nur die Grenze zwischen Afrika und Europa. Tanger ist auch "ein Ort der Begegnung und Toleranz", wie Brahim Oubaha sagt. Der 22-jährige Marokkaner muss es wissen, absolviert er doch an der dortigen Universität seit einem Jahr ein Master-Studium als Übersetzer für Arabisch, Deutsch und Französisch. "Die Stadt hat auch schon Einfluss auf meine Persönlichkeit genommen", ist er sich sicher.

Aktivist der Demokratiebewegung "20. Februar"

Dennoch hat er die am Mittelmeer gelegene Stadt für ein paar Wochen verlassen, um in Berlin beim Deutschen Bundestag an dem Programm des Internationalen Parlaments-Stipendiums (IPS) für arabische Staaten teilzunehmen. Eine gute Entscheidung, wie er findet: "Ich erlebe die Demokratie jetzt erstmals von innen."

Für ihn als einen der Aktivisten der Demokratiebewegung "20. Februar" eine wichtige Erfahrung. "Das IPS ist wichtig für uns, weil wir in Marokko auf eine gute Ausbildung der demokratischen Anführer angewiesen sind", sagt er.

Berbersprache als Muttersprache

Bildung ist für den 22-Jährigen ohnehin ein wichtiges Thema. In seiner Heimat fehle es vielen Menschen am Bildungshintergrund, um sich für Politik zu interessieren und zu engagieren. "Ich möchte die Menschen sensibilisieren, für ihre Rechte und für die Freiheit zu kämpfen", sagt Brahim Oubaha, der froh ist, sein IPS-Praktikum bei dem Grünen-Abgeordneten und Bildungspolitiker Kai Gehring absolvieren zu dürfen. "Das ist eine junger und engagierter Mann", findet der Marokkaner.

Sein Engagement für den Demokratieprozess in der Heimat hat möglicherweise auch mit seiner Herkunft zu tun. Brahim Oubaha gehört der Volksgruppe der Berber an – seine Muttersprache ist die Berbersprache, die lange nicht akzeptiert wurde, wie er sagt. "Es gab sie nicht als Sprache in der Schule, nicht in den Medien und auch nicht in der Öffentlichkeit." Wissenschaftler seien gar ins Gefängnis geworfen wurden, nur weil sie Schriften in der Berbersprache verfasst haben.

"Die Situation hat sich verbessert"

Seit August 2011 ist die Situation jedoch eine andere – die Berbersprache ist seitdem in Marokko als erstem nordafrikanischem Land als Amtssprache akzeptiert. "Ja", räumt Brahim Oubaha ein, "die Situation hat sich verbessert."

Es gehe aber um mehr als die Sprache. Noch immer gebe es politische Gefangene, die teils seit 2005 in Haft sitzen, weil sie sich für die Rechte der Berber eingesetzt haben.

"Noch zu viel Macht beim König"

Ohnehin tritt der politische Aktivist dem Eindruck entgegen, in Marokko sei der Reformprozess schon weit vorangeschritten. Zwar habe König Mohamed VI. in der Tat einige Reformen eingeleitet. Aber: "Den meisten Aktivisten des 20. Februar reicht das nicht aus", macht Brahim Oubaha deutlich.

Noch immer habe der König "viel zu viel Macht in der Hand". Noch immer seien Politik und Wirtschaft zu stark verknüpft. Die durch den König initiierten Änderungen in der Verfassung hätten lediglich das Ziel gehabt, eine gewisse Reformbereitschaft nach außen zu vermitteln, sagt er.

Facebook-Gruppe gegründet

Der marokkanische Berber kritisiert die präsidiale Monarchie in Marokko als zu zentralistisch. Angesichts der in Marokko vorhandenen Unterschiede im Entwicklungsstand der einzelnen Regionen sowie der verschiedenen Kulturen und andrer Besonderheiten sieht er das föderale System als das demokratischere an.

Und wie soll der Reformprozess nun weitergehen? Nicht von oben, sondern von unten kämen die benötigten Veränderungen, sagt Brahim Oubaha, der als einer der ersten eine Facebook-Gruppe gegründet hat, um die Demokratiebewegung besser zu koordinieren. "Wir können dadurch eine Diskussion mit den verschiedenen demokratischen Bewegungen führen und gemeinsame Ziele formulieren", sagt er.

"Weg zur Demokratie mit Minen gesät"

Angst, dass er angesichts seines Engagements mit Repressalien rechnen muss, hat der 22-Jährige nicht. "Mit Problemen rechne ich aber schon, schließlich ist der Weg zur Demokratie noch weit und mit Minen gesät", gibt er zu bedenken.

Was seine persönliche Zukunft angeht, so sieht Brahim Oubaha alle Optionen für ihn offen stehen. "Alles ist möglich", sagt er. Auch dass der marokkanische Präsident irgendwann einmal Brahim Oubaha heißt? "Warum nicht? Wer hätte schließlich vor ein paar Jahren gedacht, dass ich heute hier beim IPS bin." (hau/16.09.2013)