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Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben, sagte Bundespräsident Joachim Gauck am Dienstag, 27. Januar 2015, in einer Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Plenarsaal des Reichstagsgebäudes. Auch wenn der Holocaust nicht mehr für alle Bürger zu den Kernelementen deutscher Identität zählen möge, so gelte doch weiterhin: „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz.“

Am 70. Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch Soldaten der Roten Armee gedachte der Bundestag - wie in jedem Jahr seit 1996 - der Opfer des Nationalsozialismus. Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert hieß dazu neben dem Bundespräsidenten Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Bundesratspräsident Volker Bouffier und Bundesverfassungsgerichtspräsident Prof. Dr. Andreas Voßkuhle sowie zahlreiche Ehrengäste auf der Tribüne willkommen. Stellvertretend nannte Lammert den polnischen Journalisten Marian Turski, der als 18-Jähriger nach Auschwitz deportiert worden war und den Todesmarsch nach Buchenwald überlebte.

„Auseinandersetzung wird sich verändern“

Er teile die Sorge nicht, so Bundespräsident Gauck, dass das Interesse der jungen Generation an den nationalsozialistischen Verbrechen schwinden werde, sei sich aber bewusst, dass „sich die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit weiter verändern wird und verändern muss“. Selbst wenn man in Zukunft auf die Begegnung mit Zeitzeugen verzichten müsse, so müsse die emotionale Betroffenheit nicht verloren gehen. „Auch Angehörige der dritten und vierten Generation, auch Menschen ohne deutsche Wurzeln fühlen sich berührt, wenn sie in Auschwitz auf Koffern der Ermordeten die Namen ihrer einstigen Besitzer entdecken.“

Der Holocaust als Menschheitsverbrechen - diesen Weg der Annäherung hätten auch Eingewanderte, selbst wenn sie sich nicht oder noch nicht als Deutsche fühlen. Gauck zitierte aus einem Brief einer jungen Frau aus einer Einwandererfamilie: „Ich habe keine deutschen Vorfahren, aber ich werde deutsche Nachfahren haben. Und die werden mich zur Rechenschaft ziehen, wenn heute Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten auf unserem Boden ausgeübt werden.“

"Bruch in der Textur unserer nationalen Identität"

Zeit seines Lebens werde er darunter leiden, sagte der Bundespräsident, dass die deutsche Nation „mit ihrer so achtenswerten Kultur zu den ungeheuerlichsten Menschheitsverbrechen fähig war“. Selbst eine noch so überzeugende Deutung des „schrecklichen Kulturbruchs wäre nicht imstande, mein Herz und meinen Verstand zur Ruhe zu bringen“. Es sei ein Bruch eingewebt in die "Textur unserer nationalen Identität, der im Bewusstsein quälend lebendig bleibt". Wer „in der Wahrheit leben“ wolle, werde dies niemals leugnen.

Gauck erinnerte daran, dass allein bei der Befreiung von Auschwitz 231 Sowjetsoldaten ums Leben kamen. Vor ihnen „verneigen wir uns auch heute in Respekt und Dankbarkeit“. Die Bevölkerung der jungen Bundesrepublik habe wenig Mitgefühl mit den Opfern nationalsozialistischer Gewalt gekannt: „Die juristische Aufarbeitung sollte letztlich sehr unbefriedigend bleiben.“ In der DDR habe der staatliche Antifaschismus die Gesellschaft pauschal von der rechtlichen und moralischen Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen freigesprochen und damit auch das „Verdrängen von Versagen und Schuld, gerade auch des sogenannten ,kleinen Mannes'“, befördert.

Das Schicksal Willy Cohns

Gauck schilderte eingangs das Schicksal des Willy Cohn, eines orthodoxen Juden aus Breslau, der mit der deutschen Kultur und Geschichte tief verbunden gewesen sei und im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Unter dem NS-Regime habe Cohn seine Arbeit  und seine Freunde und Verwandte durch Selbstmord und Ausreise verloren. Cohn habe sich eine "nahezu unerschütterliche Treue" zu dem Land bewahrt, "das ihm das seine schien".

Am 25. November 1941 hätten "willige Helfer" seine Familie in einen der ersten Züge verladen, die Juden aus Breslau in den Tod deportierten. Tamara, die jüngste Tochter von Willy Cohn, sei gerade drei Jahre alt gewesen. "Vier Tage später hielt der SS-Standartenführer Karl Jäger fest, dass 2.000 Juden im litauischen Kaunas mit Maschinengewehren erschossen worden seien." Der Jude der Antisemiten galt als das Böse schlechthin, so Gauck, und habe als Projektionsfläche für jede Art von Ängsten, Stereotypen und Feindbildern gedient. Nie zuvor habe ein Staat ganze Menschengruppen so systematisch stigmatisiert, separiert und vernichtet. 

Synonym für „das, was Menschen Menschen antun können“

„Ich hab keinen Ort mehr auf der Welt. Es ist ortlos, wo ich bin“, zitierte Bundestagspräsident Lammert zu Beginn der Gedenkstunde die jüdische Dichterin Nelly Sachs. Die gebürtige Berlinerin habe sich im allerletzten Moment der bereits angeordneten Deportation entziehen können. Dagegen habe das Verbrechen seine Orte: in den Konzentrationslagern, in den Vernichtungslagern. An diesen authentischen Stätten werde emotional erfahrbarer, „was rational immer unverstellbar bleibt“, sagte Lammert. 

Wie kein anderer Ort stehe Auschwitz als Synonym für „das, was Menschen Menschen antun können“. In Auschwitz und anderen Konzentrationslagern hätten vor 70 Jahren nur noch wenige der Todgeweihten befreit werden können. Hunderttausende seien auf Todesmärsche in Richtung Westen durch das zerfallende Reich getrieben worden, den Gaskammern entronnen hätten Tausende von ihnen den Tod gefunden – „häufig öffentlich auf Straßen und Plätzen in Dörfern und Städten, unter den Augen der Bevölkerung“.

Gedenken an die Opfer

Nicht vergessen werde das Netz von Lagern, das die Nationalsozialisten über Europa spannten – „die enthemmte Brutalität bei der Unterwerfung großer Teile des Kontinents mit Hinrichtungen, Massenerschießungen, der Einrichtung von Ghettos und gnadenloser Hungerblockade“. Diesem europaweiten Vernichtungskrieg sei in Deutschland bereits früh die schrittweise Ausgrenzung eines Teils der Bevölkerung vorausgegangen – „für alle sichtbar, die sehen wollten: für Nachbarn, Kollegen, Verwandte, Freunde und Bekannte“, sagte der Bundestagspräsident.

„Wir gedenken der Entrechteten, Gequälten und Ermordeten: der europäischen Juden, der Sinti und Roma, der Zeugen Jehovas, der Millionen versklavter Slawen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Kranken und Behinderten, all derer, die die nationalsozialistische Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt hatte“, betonte Lammert. Erinnert werde auch an diejenigen, die mutig Widerstand geleistet oder anderen Schutz und Hilfe gewährt hätten und dafür selbst allzu oft mit dem Leben hätten bezahlen müssen. „Und unsere Gedanken sind bei all denen, die, wie Nelly Sachs, vom Trauma des Überlebens gezeichnet sind, deren Familiengeschichte vom Verlust ihrer Angehörigen und Freunde geprägt ist.“

„Zivilisationsbruch inmitten einer zivilisierten Gesellschaft“

Der Bundestagspräsident erinnerte daran, dass Israel und die Bundesrepublik vor 50 Jahren die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vereinbart hätten: „Gerade einmal 20 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz war das alles andere als selbstverständlich.“ Es habe einen Vertrauensvorschuss gegenüber einem jungen, neuen deutschen Staat bedeutet, der „noch am Anfang einer schmerzhaften Aufarbeitungsgeschichte stand“. 

Lammert verwies ferner auf die gesellschaftliche Bedeutung der Auschwitz-Prozesse vor 50 Jahren. Die Zeugenaussagen hätten Opfer und Täter aus ihrer Anonymität geholt und zu „erschütternden neuen Einsichten in eine Gesellschaft“ verholfen, die das zugelassen habe. Der Holocaust sei ein Zivilisationsbruch gewesen, der inmitten einer zivilisierten Gesellschaft geschah. 

„Die moralische Aufarbeitung endet nie“

Die moralische Aufarbeitung „endet nie“, betonte Lammert. Die breite, von zahlreichen Initiativen der Zivilgesellschaft getragene Gedenklandschaft in Deutschland leiste dazu einen wichtigen Beitrag. Die Frage, was eine Welt ohne Zeitzeugen für das Erinnern an den Holocaust bedeutet, beantwortete der Bundestagspräsident mit einem Verweis auf Elie Wiesel, der vor 15 Jahren die Gedenkrede im Bundestag gehalten hatte: Für Wiesel wird jeder, der heute einem Zeugen zuhört, selbst ein Zeuge. Der heutige Gedenktag könne Anlass für Hoffnung sein: „Indem wir uns im Bewusstsein unserer historischen Verantwortung den drängenden historischen, humanitären Herausforderungen der Gegenwart stellen.“ 

Der Klarinettist Ib Hausmann spielte den dritten Satz „Abîme des oiseaux“ („Abgrund der Vögel“) aus „Quatuor pour la fin du temps“ („Quartett für das Ende der Zeit“) des französischen Komponisten Olivier Messiaen, das zum Jahreswechsel 1940/41 in einem deutschen Kriegsgefangenenlager in Görlitz uraufgeführt worden war. (vom/27.01.2015)