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Ehrenamtliche Helfer an der Belastbarkeitsgrenze

Die sogenannten Scouts Michael Simon und Dorothea von Nordheim überprüfen in einer Kleiderkammer Kleidungsstücke für Flüchtlinge. Bildinformationen öffnen
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Die sogenannten Scouts Michael Simon und Dorothea von Nordheim überprüfen in einer Kleiderkammer Kleidungsstücke für Flüchtlinge.

© dpa

Ehrenamtliche leisten in der Flüchtlingshilfe viel, geraten zunehmend aber an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Das ist ein Fazit der von Willi Brase (SPD) geleiteten öffentlichen Sitzung des Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement am Mittwoch, 11. November 2015. Das Gremium hatte zu einem Fachgespräch zum Thema „Aktuelle Herausforderungen und Probleme von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen bei der ehrenamtlichen Flüchtlingsbetreuung in den Kommunen“ geladen.

Dabei machte Heinrich Helms vom Bündnis für Flüchtlinge aus Buchholz im niedersächsischen Landkreis Harburg deutlich, dass das wichtigste Thema bei der Integration die Sprache sei. „Wir brauchen verpflichtende Sprachkurse“, sagte er. Verpflichtend für die Flüchtlinge auf der einen Seite. Verbunden aber mit der Verpflichtung der Kommunen, diese anzubieten. Es könne nicht dauerhaft so sein, dass Ehrenamtliche Sprachkurse anbieten, befand Helms.

„Behörden und Ehrenamtliche können nicht mehr“

Ebenso wenig sei es akzeptabel, dass die ehrenamtlichen Helfer Fahrtkosten und Portogebühren der Flüchtlinge übernehmen. Vor den Abgeordneten gab Helms, der hauptberuflich Pressesprecher seiner Stadt ist, den Hilferuf des Sozialdezernenten in Buchholz wieder, der gesagt hatte, es würde helfen, „wenn jeder seine politischen Möglichkeiten nutzen würde, um darzustellen, dass wir am Ende unserer Kräfte sind“.

„Behörden und Ehrenamtliche versuchen, was sie können, aber sie können nicht mehr“, sagte Christian Berndt, Superintendent des Kirchenkreises Winsen. Er hoffe sehr, dass die Mittel zur Flüchtlingshilfe aufgestockt werden. Ansonsten würden sich auch die Ehrenamtlichen enttäuscht abwenden, gab er zu bedenken.

Langfristige Strategien und gesellschaftliche Debatte gefordert

Berndt gab ein Beispiel, wie überforderte Behördenmitarbeiter zum Verdruss von ehrenamtlichen Mitarbeiter beitragen würden. So sei am Abend des vergangenen Freitags ein Bus mit Flüchtlingen angekommen, um die sich ehrenamtliche Mitarbeiter gekümmert hätten. Als eine von ihnen ein übermüdetes Kind auf dem Arm hatte, sei sie barsch von einer Mitarbeiterin des Landkreises angeblafft worden, die Familie müsse jetzt zur Registrierung und sie solle das Kind runterlassen. Das dürfe nicht sein, denn Ehrenamtliche seien extrem gefrustet, wenn es nicht vorangeht und sehen es als größtes Lob, wenn sich die Lage für die Flüchtlinge verbessert, sagte der Kirchenvertreter.

„Das Flüchtlingsthema ist keine Flutkatastrophe“, machte Birgit Bursee von der Freiwilligenagentur Magdeburg deutlich. Gebraucht würden langfristige Strategien und eine gesellschaftliche Debatte, forderte sie. Positiv, so Bursee, sei anzumerken, dass die Flüchtlingsproblematik dem bürgerschaftlichen Engagement große Aufmerksamkeit beschere. Es gebe viele neue Akteure in der Zivilgesellschaft, die sich ansonsten möglicherweise nicht engagiert hätten. Als Beispiel nannte sie ehemalige Zuwanderer aus dem arabischen sprechenden Raum, die nun ihre Sprachkenntnisse zur Verfügung stellen würden.

„Immer weniger Verständnis für aufwendiges Engagement

Weniger bürokratische Hemmnisse und mehr Unterstützung durch Arbeitgeber fordert David Kreuziger von der Johanniter-Unfall-Hilfe. Seiner Aussage nach nutzen viele Helfer ihren Urlaub, um sich in einem Flüchtlingsheim nützlich zu machen. Nach zwei Wochen sei es damit aber zumeist vorbei, weil den Arbeitgebern das Verständnis fehle, obwohl eine staatliche Lohnfortzahlung ähnlich wie im Katastrophenschutzfall möglich wäre. Als Beispiel für Probleme mit der Bürokratie führte Kreuziger das Beantragen eines Führungszeugnisses auf, das mehrere Wochen in Anspruch nehme.

Aus Sicht von Dirk Ulrich vom Technischen Hilfswerk (THW) hat der Einsatz für die Flüchtlinge die Größenordnung wie bei der Fluthilfe. „Mit dem Unterschied, dass die Dauer nicht absehbar ist“, fügte er hinzu. Für diese Daueraufgabe Ehrenamtliche zu finden, werde aber immer schwieriger. Sowohl Arbeitgeber, aber auch Kollegen und die eigene Familie, zeigten immer weniger Verständnis für das zeitaufwendige Engagement, sagte er.

„Hauptamtliche Kräfte stärker einbinden“

Ulrich forderte, hauptamtliche Kräfte stärker einzubinden. So sei der Bettenaufbau in Hallen nicht unbedingt eine Aufgabe für das THW. Übernehmen könnte das seiner Ansicht nach auch die Bundeswehr. Der THW-Vertreter sprach sich dafür aus, bei Arbeitgebern für die Möglichkeit der Freistellung von ehrenamtlichen Helfern zu werben. Gerade bei kleinen Betrieben auf den Land sei es aber dem Betriebsinhaber schwer vermittelbar, wenn seine Mitarbeiter Betten aufbauen, was im Grunde die Aufgabe der zuständigen staatlichen Stellen wäre.

Als der Staat versagt habe, seien die Ehrenamtlichen in die Bresche gesprungen, urteilte Norbert Grehl-Schmitt von Pro Asyl. Ehrenamt dürfe jedoch keine staatlichen Pflichtaufgaben ersetzen, betonte er. Dazu aufzurufen, Schlafsäcke für Kinder zu spenden, damit die nicht auf dem kalten Boden liegen müssten, sei nicht Aufgabe der Freiwilligen, sondern der zuständigen staatlichen Stellen. Der Pro Asyl-Vertreter bewertete auch die Idee, den Bundesfreiwilligendienst mehr in die Arbeit mit Flüchtlingen einzubeziehen, kritisch. Wichtiger sei es, so Grehl-Schmitt, die hauptamtliche Flüchtlingssozialarbeit zu stärken. (hau/11.11.2015)

Liste der geladenen Sachverständigen 
  • Christian Berndt, Superintendent des Kirchenkreises Winsen
  • Birgit Bursee, Freiwilligenagentur Magdeburg
  • Heinrich Helms, Bündnis für Flüchtlinge Buchholz
  • Dirk Ulrich, THW-Landesverband Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt
  • David Kreuziger, Johanniter-Unfall-Hilfe, Regionalverband Berlin
  • Norbert Grehl-Schmitt, Pro Asyl