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Sachverständige: Das Ehrenamt ist nicht kostenlos

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Die ehrenamtliche Pflege kranker Menschen beschäftigt den Unterausschuss.

© dpa

Vor überhöhten politischen Erwartungen an Ehrenamtliche in Pflegekontexten hat die Sozialwissenschaftlerin Prof. Dr. Martina Wegner von der Hochschule München am Mittwoch, 19. Oktober 2016, in der von Willi Brase (SPD) geleiteten Sitzung des Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement gewarnt. Zugleich wies sie darauf hin, dass das Ehrenamt in einigen Bereichen durch Monetarisierung verdrängt werde. Ob dadurch schon ein verkappter Niedriglohnsektor geschaffen worden sei, könne man nicht sagen, da es in der Wissenschaft darüber zu wenig Zahlen gebe, sagte Wegner.

Das unentgeltliche Ehrenamt, so ihre Forderung, müsse stärker von nebenberuflicher bezahlter Tätigkeit mit Gemeinwohlbezug getrennt werden. Dazu brauche es mehr Transparenz. Wegner machte zugleich deutlich, dass Ehrenamt nicht „kostenlos“ sei. Vielmehr brauche es Investitionen von finanziellen und personellen Ressourcen für den Einsatz und die Steuerung Ehrenamtlicher. 

Belastung pflegender Angehöriger 

„Pflegende Angehörige sind der größte Pflegedienst in Deutschland“, sagte Ursula Helms von der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen (NAKOS). Sie würden im Rahmen der häuslichen Pflege allerdings oft allein gelassen, befand Helms.

Die Pflegebelastung mache die Angehörigen in vielen Fällen selbst krank. Eine Selbsthilfegruppe, so die Expertin, hebe die Isolation der einzelnen auf und stärke das Selbstvertrauen. Eine sinnvolle und nachhaltige Unterstützung der Selbsthilfe als Entlastungsangebot pflegender Angehöriger benötige jedoch eine sachgerechte finanzielle Ausstattung.

Vor- und Nachteile einer Monetarisierung

„Ehrenamt ist nicht kostenlos“, betonte auch Anette Lahn von der Berliner Aids-Hilfe. Ehrenamtliche müssten fachlich von Profis begleitet werden, sagte sie und stellte klar: „Das Ehrenamt braucht das Hauptamt.“ Auch Lahn ging auf die Monetarisierung ein. Ihrer Ansicht nach sollten keine Stundenlöhne gezahlt werden, aber Aufwandsentschädigungen möglich sein, damit auch Menschen unterhalb der Mittelschicht Zugang zum Ehrenamt erhielten. „Geld kann auch eine Förderstruktur sein und darf nicht in jedem Fall moralisch diskreditiert werden“, forderte sie.

Monetäre Anreize könnten unter den Bedingungen begrenzter Versicherungsleistungen und Altersarmut eine Eigendynamik entwickeln, warnte hingegen Tine Haubner, Soziologin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Altersarmut, so Haubner, sei im Übrigen sowohl auf Seiten der Bedürftigen als auch bei den Pflegenden selbst eine Motivation. Wenn aber das freiwillige Engagement in der Pflege in den Status einer quasi-medizinischen informellen Versorgungsdienstleistung aufrückt, komme es zu Kompetenzüberschreitung und Überforderung von Laien. Dem könne auch nicht durch weitere Qualifizierungsmaßnahmen Abhilfe geschaffen werden. Daher müssten die Aufgabenbereiche klar abgegrenzt werden, forderte die Expertin. Das sei auch wichtig, um nicht gewünschten beschäftigungspolitischen Effekten vorzubeugen. (hau/20.10.2016)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Tine Haubner, Friedrich-Schiller-Universität Jena
  • Ursula Helms, NAKOS - Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen
  • Anette Lahn, Berliner Aids-Hilfe
  • Prof. Dr. Martina Wegner, Hochschule München
  • Maria Becker und Christian Albrecht, Bundesministerium für Gesundheit