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Gernot Erler: Ich werde vor allem meine Mitarbeiter vermissen

Gernot Erler (SPD)

Gernot Erler (SPD) 

© DBT/photothek.net

Dr. h.c. Gernot Erler ist Sozialdemokrat aus voller Überzeugung und mit einer jahrzehntelangen Parlamentserfahrung. In Zahlen liest sich das so: 47 Jahre SPD-Mitglied, 30 Jahre Bundestagsabgeordneter, 23 Jahre Mitglied im SPD-Fraktionsvorstand. Gernot Erler war viele Jahre stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag, Staatsminister beim Bundesminister des Auswärtigen, und er gilt als ausgemachter Russlandkenner.

Nach der Bundestagswahl 2013 wurde er Koordinator für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit mit Russland, Zentralasien und den Ländern der Östlichen Partnerschaft der EU. Ein wichtiges Lebensthema des Sozialdemokraten war immer die Außen- und Friedenspolitik, der Ausgleich zwischen Ost und West und das Verhältnis zu Russland und Osteuropa.

Sonderbeauftragter der Bundesregierung

Beim Ministertreffen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im Dezember 2016 sagte Gernot Erler: „Die OSZE ist eine wichtige Institution, um Konflikte diplomatisch zu lösen.“ Er muss es wissen, denn er kennt die OSZE bestens, war 2016 Sonderbeauftragter der Bundesregierung, als Deutschland den OSZE-Vorsitz innehatte.

Nach drei Jahrzehnten in der Bundespolitik verabschiedet sich der Osteuropa-Experte aus dem Parlament und verlässt die bundespolitische Bühne. „Ich werde die Arbeit im Parlament sicher vermissen. In drei Jahrzehnten intensiver parlamentarischer Arbeit ist ein großes Netzwerk an Kollegen, Freunden und Partnern entstanden, mit denen ich gern zusammengearbeitet habe. Für mich ist aber nach 30 Jahren engagierter Arbeit im Deutschen Bundestag der richtige Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören“, sagt der Sozialdemokrat.

Begeistert von Willy Brandt

Das politische Interesse von Gernot Erler wurde bereits 1963 geweckt, als er in Berlin nach dem Abitur an der Freien Universität Geschichte, Slawische Sprachen und Politikwissenschaften studierte. „In Berlin, damals eine geteilte Stadt, war das Spannungsverhältnis zwischen Ost und West täglich zu spüren. Willy Brandt, der 1957 als Nachfolger von Otto Suhr zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt wurde, hatte schnell die Herzen der Berliner erobert. Ich erlebte den charismatischen Sozialdemokraten im Wahlkampf 1963 in der eingemauerten Stadt und war überzeugt davon, dass die Berliner ihn erneut als Regierenden Bürgermeister wählen würden. Willy Brandts Engagement für die Ost- und Entspannungspolitik hat damals mein Interesse für dieses Thema geweckt“, erinnert sich Gernot Erler.

Nachdem er an die Albert-Ludwigs-Universität nach Freiburg im Breisgau gewechselt war, legte Gernot Erler dort 1967 das Staatsexamen für das Lehramt ab. „Ich engagierte mich damals in den Freiburger Friedenswochen und nahm an Protesten gegen das Atomkraftwerk (AKW) Wyhl teil. Die massiven Demonstrationen der Protestbewegung führten dazu, dass das Atomkraftwerk nicht gebaut wurde. „Über die Brücke Anti-AKW-Bewegung, ökologische Initiativen und die Friedensbewegung bekam ich Kontakt zur SPD in Baden-Württemberg. 1970 wurde ich Sozialdemokrat“, sagt der Politiker.  

Berufspolitik gehörte nicht in der Lebensplanung

In den folgenden 15 Jahren übernahm Gernot Erler kleine Parteiämter und absolvierte die sogenannte „Ochsentour“. So nennt man in der SPD die Parteikarriere, die in einem Ortsverein beginnt und in die Landes- oder Bundespolitik führen kann. Gernot Erler begann als Kassierer eines Ortsvereins mit sieben Mitgliedern, wurde Ortsvereinsvorsitzender und Kreisvorsitzender und gehörte ab 1987 in Baden-Württemberg dem Landesvorstand der SPD an. „Ich engagierte mich leidenschaftlich, aber immer ehrenamtlich in der SPD, denn es gehörte nie zu meiner Lebensplanung, einmal Berufspolitiker zu werden“, sagt Gernot Erler.

Es kam anders. Vor der Bundestagswahl 1987 wurde Gernot Erler von Sozialdemokraten in Baden-Württemberg angesprochen, ob er auf der Landesliste kandidieren würde – als Nachfolger von Rolf Böhme, der nicht erneut antrat, weil er Oberbürgermeister von Freiburg geworden war. Gernot Erler nahm die Herausforderung an und gehörte nach einem überzeugenden und leidenschaftlichen Wahlkampf der SPD-Bundestagsfraktion an. „Ich realisierte die Tatsache, dass ich Bundespolitiker geworden war, eigentlich erst, als ich das Parlament in Bonn zum ersten Mal als gewählter Abgeordneter betrat“, erinnert sich Gernot Erler.

„Der Bundestag gehört in die Hauptstadt“

Die konstituierende Sitzung des elften Bundestages fand am 18. Februar 1987 statt. Am 11. März wurde Helmut Kohl erneut zum Bundeskanzler gewählt (Kabinett Kohl III), und Gernot Erler lernte als SPD-Abgeordneter den parlamentarischen Alltag der Opposition kennen. Das änderte sich 1998, als sich das politische Blatt wendete, Gerhard Schröder Bundeskanzler wurde und die Sozialdemokraten 16 Jahre nach Helmut Schmidt wieder Regierungsverantwortung übernahmen.

Gernot Erler sagt: „In Regierungsverantwortung zu sein, war eine neue großartige Erfahrung. Dass der Bundestag 1999 nach Berlin umgezogen ist, hat mich besonders gefreut. Es war ein historisches Ereignis, aber für mich gab es ohnehin nie einen Zweifel, dass der Bundestag in die Hauptstadt gehört.“

Staatsminister im Auswärtigen Amt

1998 wurde Gernot Erler zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden gewählt, zuständig für die Bereiche Außen-, Sicherheits-, Entwicklungs- und Menschenrechtspolitik. Diese Funktion hat er von 1998 bis 2005 und nochmals von 2009 bis 2013 wahrgenommen – und er erinnert sich an die großen Herausforderungen mit 9/11 (Terroranschlag vom 11. September 2001), dem Afghanistan-Krieg und der Ablehnung einer deutschen Beteiligung am Irakkrieg.

Zwischen 2005 und 2009 hat der Freiburger Abgeordnete als Staatsminister im Auswärtigen Amt die Arbeit des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier unterstützt. Als „sein Kind“ gilt zum Beispiel die EU-Zentralasienstrategie, die 2007 während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft auf den Weg gebracht wurde.

Russland-Koordinator mit fließenden Russischkenntnissen

Unter Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde Gernot Erler, der gut Russisch spricht, 2014 Russland-Koordinator. Die Presse war voll des Lobes über die fachlich gute Entscheidung, und Spiegel online schrieb im Januar 2014: „Der neue Russland-Koordinator ist eher Meister der Zwischentöne. Erler wird andere Akzente setzen. Als langjähriger Russlandexperte ist er auf allen Ebenen gut vernetzt.

Erler verfügt über Kontakte zu Menschenrechtlern, aber auch Vertreter des Kreml schätzen ihn als Gesprächspartner. Ein Vorteil ist, dass er die russische Sprache beherrscht. Erler schlägt Töne an, wie man sie in der deutschen Russlandpolitik seit Langem nicht mehr gehört hat.“

„Ich freue mich auf eine neue Lebensphase“

Nach drei Jahrzehnten im Parlament fiel die Entscheidung, nicht erneut zu kandidieren, im vergangenen Jahr. In der parlamentarischen Sommerpause hieß es in der Pressemitteilung vom 25. Juli 2016: „Der Freiburger SPD-Bundestagsabgeordnete Gernot Erler wird bei der Bundestagswahl 2017 nicht noch einmal im Wahlkreis Freiburg antreten.“ Viele traf diese Mitteilung unvorbereitet, andere behaupteten, sie hätten es geahnt, fast alle bedauern seine Entscheidung.

Gernot Erler sagt: „Ich bin 72 Jahre alt, seit 30 Jahren Bundestagsabgeordneter und sehr dankbar, dass ich die Chance hatte, Politik aktiv mitzugestalten. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich mich aus der Bundespolitik verabschiede. Ich freue mich darauf, dass eine neue Lebensphase beginnt. Mit meinem Verzicht auf eine erneute Kandidatur, möchte ich dazu beitragen, dass sich eine Verjüngung innerhalb der Gruppe der SPD-Abgeordneten aus Baden-Württemberg vollzieht. Ich bin sicher, dass junge Abgeordnete neue Blickwinkel auf wichtige Themen mitbringen, die zu guten Lösungen führen.“

Weiterhin in Ehrenämtern aktiv

Auch wenn sich Gernot Erler in den parlamentarischen Ruhestand verabschiedet, der ehrenamtlich Ruhestand steht noch nicht zur Debatte. Als durch und durch politischer Mensch wird er sich weiterhin ehrenamtlich in den Vereinen, Stiftungen und Gesellschaften engagieren, in denen er Mitglied ist. Nicht nur als Präsident der Südosteuropa-Gesellschaft, als Vorsitzender des Deutsch-Bulgarischen Forums oder als Vorsitzender der West-Ost-Gesellschaft Südbaden.

Gernot Erler hat in vielen weiteren Ehrenämtern ein großes Betätigungsfeld. Auch wenn er kein Bundestagabgeordneter mehr ist, wird er seiner Partei verbunden bleiben. Er sagt: „Ich bin Sozialdemokrat aus voller Überzeugung, und wenn mich die SPD braucht, stehe ich mit Rat und Tat zur Verfügung.“

„Vernachlässigte Freundschaften pflegen“

Wenn er im Oktober den Bundestag verlässt, wird Gernot Erler vor allem seine langjährigen Mitarbeiter vermissen. „Sie waren über viele Jahre an meiner Seite, ich konnte ihnen vertrauen. Sie waren nicht meine Angestellten, sondern Freunde, die meine Stärken und Schwächen kannten und mich immer unterstützt haben. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt der Sozialdemokrat.

Was er überhaupt nicht vermissen wird, kann Gernot Erler sofort auf den Punkt bringen: den permanenten Zeitdruck, die Daueranspannung und die Termindichte. „Ich freue mich darauf, Herr meines Kalenders zu werden und dort wieder private Termine eintragen zu können. Auf jeden Fall werde ich wieder Freundschaften pflegen, die ich im politischen Alltag allzu oft vernachlässigt habe.“ (bsl/13.03.2017)