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Annette Groth: Einsatz für Menschenrechte auch ohne politisches Amt

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Annette Groth (Die Linke)

© DBT/Schüring

„Ich höre im Bundestag auf, aber sonst nicht“, sagte die Bundestagsabgeordnete Annette Groth am 10. Februar in ihrem Wahlkreisbüro in Friedrichshafen. Dass sie nicht erneut für den Bundestag kandidiert, hatte sie bereits im Sommer letzten Jahres angekündigt, nun wurde es offiziell. Was sie mit dem „aber sonst nicht“ gemeint hat, war nicht schwer zu erraten. Die Politikerin wird nicht nachlassen, sich für die Einhaltung der Menschenrechte einzusetzen. Die Betonung liegt auf Menschen und Rechte, denn Annette Groth ist gewissermaßen ein „Gerechtigkeitsprofi“.

Bevor die Diplom-Soziologin im Oktober 2009 Abgeordnete der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag wurde, war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am europäischen Forschungsinstitut Ecumenical Research Exchange (ERE) in Rotterdam mit dem Schwerpunkt Wanderarbeit in der EU. Zuvor arbeitete die Bielefelderin als Education Officer beim Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen (United Nations High Commissioner for Refugees - UNHCR) in Genf. Mit dieser Biografie war es folgerichtig, dass die Abgeordnete der Linken Mitglied im Menschenrechtsausschuss des Bundestages wurde.

Respekt vor anderen Menschen und Lebensformen

Annette Groth lebte als Kind mit ihren Eltern in Namibia, wo ihr Vater Pfarrer und Präses der weißen Kirche war. Sie erinnert sich: „Damals ist bei mir der Grundstein für meinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn gelegt worden, denn ich erlebte eine Zeit der schlimmsten Apartheid. Mein Vater kämpfte gegen die Apartheid in der Kirche, die damals nicht alltäglich war. Er war mein Vorbild, und er lehrte mich, Respekt vor anderen Menschen zu haben und deren Lebensformen zu achten. Mir ging das in Fleisch und Blut über, und daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Annette Groth studierte an der Freien Universität Berlin Entwicklungssoziologie, Volks- und Betriebswirtschaftslehre sowie Internationale Politik und schloss das Studium als Diplom-Soziologin erfolgreich ab. Sie verfügt über exzellente Fremdsprachenkenntnisse, spricht Englisch, Holländisch, Spanisch und Französisch und fand nach dem Studium in der Evangelischen Studentengemeinde Stuttgart eine Stelle als Ökumene-Referentin beim Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche (EKD).

Engagement in der WASG

Ihr parteipolitisches Engagement begann im Jahr 2005, als sie in Stuttgart Mitglied der „Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit“ (WASG) wurde, die sich im Herbst 2004 als Partei gegründet hatte. „Im Parteiprogramm der WASG war festgeschrieben, dass sich die Partei für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen wird, das hat mich überzeugt. 2007 fusionierte die WASG mit der PDS zur Partei Die Linke, und darin sah ich die Chance, dass eine vereinte und starke Linke es schaffen könnte, sich für die Schwachen der Gesellschaft und mehr Gerechtigkeit einsetzen würde“, sagt Annette Groth.

Die Menschenrechtlerin machte schnell Karriere in ihrer Partei. 2009 kandidierte sie bereits auf der Landesliste Baden-Württemberg erfolgreich für den Deutschen Bundestag. Wie wichtig ihr das Thema Gerechtigkeit und Menschlichkeit ist, zeigt sich auch in ihrem Engagement für Attac Deutschland, deren Gründungsmitglied sie ist. „Ich unterstütze Attac, weil die Kluft in der Gesellschaft zwischen Arm und Reich immer größer wird“, sagt die Politikerin.

Wie Annette Groth engagieren sich viele Menschen bei Attac – weltweit gibt es inzwischen 90 000 Mitglieder in 50 Ländern. In Deutschland gibt es mehr als 29 000 Unterstützer, die in 170 Regionalgruppen mitarbeiten. „Bei Attac habe ich Projekte wie die Anti-GATS-Kampagne (Allgemeines Abkommen über den Handel mit Dienstleistungen, das im Rahmen der Welthandelsorganisation WTO ausgehandelt wurde) und die Auseinandersetzung mit der EU-Politik mitinitiiert. Mir war und ist dabei wichtig, immer wieder auf die Agenda 2010 und die Hartz-IV-Gesetze hinzuweisen, die so viel Ungerechtigkeit zur Folge hatten und haben.“

Flüchtlingsfamilie aus Syrien zusammengeführt

Nach zwei Legislaturperioden im Deutschen Bundestag verabschiedet sich Annette Groth aus dem Parlament und der Bundespolitik. Auf die Frage, was ihr schönster politischer Erfolg war, erzählt sie eine Geschichte: „Ich erinnere an einen sehr menschlichen Erfolg. Vor zwei Jahren las ich in der Süddeutschen Zeitung, dass in Griechenland eine 104 Jahre alte Frau in einem Flüchtlingslager angekommen war. Sie kam zu Fuß aus Syrien und suchte ihren Sohn und dessen Familie.

Es stellte sich heraus, dass die Familie in Deutschland Aufnahme gefunden hatte, und ich setzte alles daran, dieser Frau zu helfen. Innerhalb von drei Wochen gelang es, sie nach Deutschland zu holen. Diese Familienzusammenführung machte mich sehr glücklich“, sagt die Abgeordnete.

„Es geht nicht um Waren, es geht um Menschen“

Auch wenn sie ab Oktober kein Mitglied des Bundestages mehr sein wird, will Annette Groth keinesfalls ein unpolitischer Mensch werden, sondern sich weiter für Menschen einsetzen. Besonders am Herzen liegen ihr die vielen Flüchtlinge, die in Deutschland Schutz, eine Perspektive und ein neues Zuhause suchen.

Denen möchte sie ein menschenwürdiges Leben ermöglichen und sagt: „Die Rufe nach Verschärfungen der Asyl- und Ausländergesetzgebung, die von vielen Politikern zu hören sind, finde ich skandalös. Es geht nicht um Waren, es geht um Menschen. Leider haben Menschenrechte gerade keine Konjunktur und deshalb spricht kaum jemand darüber, dass menschenrechtliche Standards auch für Geflüchtete gelte müssen. Es spornt mich an, nicht aufzugeben. Auch ohne politisches Amt werde ich mich dafür einsetzen, dass die Menschenrechte stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.“ (bsl/13.03.2017)