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Parlament

Die am 19. Januar 1919 gewählte Verfassunggebende Deutsche Nationalversammlung trat am 6. Februar 1919 in der vormaligen Residenzstadt Weimar zusammen. Zu ihren Hauptaufgaben gehörte die Ausarbeitung und Verabschiedung einer demokratischen Reichsverfassung, die Bildung einer provisorischen Regierung und der Abschluss eines Friedensvertrages mit den alliierten Siegermächten des Ersten Weltkrieges. Weimar wurde als Tagungsort der Nationalversammlung insbesondere wegen der im revolutionären Berlin damals vorherrschenden instabilen Sicherheitslage ausgewählt. Zudem hegte insbesondere der künftige Reichspräsident Friedrich Ebert die Hoffnung, die junge Republik könne mit der Wahl dieses Tagungsortes symbolisch an das geistige Erbe Weimars als Zentrum des deutschen Klassizismus anknüpfen.

Das Weimarer Nationaltheater

Die 423 Mitglieder der Nationalversammlung, darunter erstmals auch 37 Parlamentarierinnen, tagten im angemieteten Deutschen Nationaltheater in Weimar. Das vormalige traditionsreiche Großherzogliche Hoftheater Weimar wurde 1907/1908 nach den Plänen von Jakob Heilmann und Max Littmann als Rangtheater im neoklassizistischen Stil neu errichtet. Das Theater besaß über 1000 Zuschauerplätze. Mit seiner an der deutschen Klassik orientierten künstlerischen Ausgestaltung stand das gesamte Gebäude im Kontrast zum Berliner Reichstagsgebäude, das von symbolischen Anspielungen auf das 1871 geschaffene Deutsche Kaiserreich geprägt war. So waren zum Beispiel im Foyer des Deutschen Nationaltheaters in Marmor ausgeführte Porträtreliefs William Shakespeares, Johann Wolfgang Goethes und Friedrich Schillers aufgestellt. Auch der Vorplatz des provisorischen Parlamentsgebäudes spiegelte mit dem vom Ernst Rietschel 1857 als Doppelstandbild geschaffenen Goethe- und Schiller-Denkmal den Geist der Weimarer Klassik wider.

Die Stadt Weimar wurde als Tagungsort der Nationalversammlung und als vorübergehender Regierungssitz durch mehrere Tausend Mann starke Regierungstruppen vor möglichen Unruhen und Angriffen militärisch geschützt. In den unmittelbar das Theater umgebenden Häusern und auf deren Balkonen waren Soldaten mit Maschinengewehren in Blickrichtung zu den Eingängen des Nationaltheaters postiert worden. Das Stadtgebiet wurde während der gesamten Zeit der Beratungen weiträumig abgesperrt und der Zutritt durch eine Ausweispflicht geregelt.

Beengte Verhältnisse im Parlament

Als Versammlungsort für das Plenum der Nationalversammlung diente das Parkett des Nationaltheaters, wo die Abgeordneten nach Fraktionen in Bankreihen saßen. Im Sitzungssaal gab es Sitzplätze für 433 Abgeordnete. Die Grundfläche des Sitzungssaals war trotz einer Verbindung von Bühne und Zuschauerraum deutlich kleiner als der Plenarsaal des Reichstagsgebäudes. Das Präsidium der Nationalversammlung sowie die Vertreter von Reichsregierung und Länder waren auf dem vorderen Teil der Bühne untergebracht worden. Unterhalb des Präsidiumstisches befanden sich das Rednerpult und der Tisch der Stenographen. Wegen der begrenzten Raumkapazitäten besaßen die Abgeordneten wie auch die Fraktionen nur eingeschränkte Arbeitsgelegenheiten innerhalb des provisorischen Parlamentsgebäudes. Im Nationaltheater waren nicht genügend Räume für die verschiedenen Fraktionen vorhanden. Diese versammelten sich daher in der Regel zu ihren Sitzungen in verschiedenen Weimarer Hotels. Die SPD-Abgeordneten tagten als größte Fraktion vorwiegend in den Räumen des Nationaltheaters. Anfänglich hatten sie im Weimarer Volkshaus, einem Gewerkschaftshaus, ihre Sitzungen abgehalten. Zahlreiche Abgeordnete wohnten in einem der Weimarer Hotels, wo sie auch häufig zusammen mit ihren Fraktionskollegen ihre Mahlzeiten einnahmen.

Auf den Rängen des Theaters konnten Besucher und Pressevertreter die Sitzungen der Nationalversammlung verfolgen. Eine Reihe im ersten Rang und der komplette zweite Rang des Theaters waren den Vertretern der Presse vorbehalten. Das Foyer diente den Abgeordneten wie auch den Regierungsmitgliedern in den Sitzungspausen des Parlamentes als Aufenthaltsbereich. In den Nebenräumen des Theaters wurden unter anderem ein Schreibsaal sowie ein (Zeitungs-) Leseraum eingerichtet. Zudem wurden die Nebenräume für die Ausschusssitzungen benutzt. Das Foyer des Theaters wurde mit Klubsesseln ausgestattet, die aus der Wandelhalle des Reichstagsgebäudes stammten. In dem ebenfalls für die Nationalversammlung angemieteten Sophienstift, einem in der Nähe des Theaters gelegenen Schulgebäude, wurde neben einer Wachstation für die Nationalversammlung ein eigenes Telegraphen- und Postamt untergebracht. Zudem befand sich in dem von Karl Vent entworfenen und 1878 als höhere Töchterschule errichteten Gebäude das so genannte allgemeine Pressezimmer, wo unter anderem die offiziellen Berichte über die Verhandlungen der Nationalversammlung auslagen sowie Zeitungen eingesehen werden konnten.

Verabschiedung der Weimarer Reichsverfassung

Eine große Mehrheit der Abgeordneten in der Verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung stimmte am 31. Juli 1919 in der Schlussabstimmung dem Entwurf der neuen Reichsverfassung zu. Am 11. August 1919 unterzeichnete Reichspräsident Friedrich Ebert die Weimarer Reichsverfassung. Mit der Verkündung im Reichsgesetzblatt trat sie am 14. August 1919 in Kraft. Eine Woche später legte Ebert am 21. August 1919 im Deutschen Nationaltheater, in der letzten Sitzung der Nationalversammlung in Weimar, seinen Eid auf die neue Reichsverfassung ab. Insgesamt waren die Verfassungsberatungen in der Weimarer Nationalversammlung durch große Sachlichkeit geprägt. Anlässlich des Inkrafttretens der Verfassung wurde in Weimar keine Feier oder Festveranstaltung durchgeführt. Erst seit 1921 organisierten Parlament und Regierung regelmäßig am 11. August reichsweite Verfassungsfeiern. Die erste republikanische Verfassungsfeier im Reichstagsgebäude fand 1922 statt.

Das Weimarer Nationaltheater nach dem Umzug der Nationalversammlung nach Berlin

Nach der letzten Sitzung der Nationalversammlung in Weimar - sie setzte ihre Arbeit noch bis zum 21. Mai 1920 in Berlin fort - wurde das vorübergehend als Parlamentsgebäude benutzte Deutsche Nationaltheater wieder seiner früheren Bestimmung als Spielstätte übergeben. Als Dank für die Bereitstellung des Theaters beschloss die Nationalversammlung, eine Spende in Höhe von 300.000 Mark an die Stadt Weimar zu übergeben. Während des Zweiten Weltkrieges wurde das Theater im Herbst 1944 geschlossen und anschließend als Rüstungsfabrik benutzt. Am 9. Februar 1945 zerstörte ein Bombenangriff das Gebäude bis auf die Fassade fast vollständig. Nach Kriegsende baute man das Deutsche Nationaltheater als eines der ersten deutschen Theater mit neuer Innengestaltung wieder auf. 1948 wurde es mit einer Inszenierung von Goethes Faust neu eröffnet.

Tagung der Nationalversammlung in der Berliner Universität

Während der knapp sechs Monate, in denen die Nationalversammlung ihren Sitz in Weimar hatte, kam sie auch zu einer einmaligen Sondersitzung in Berlin zusammen. Am 12. Mai 1919 versammelten sich ihre Mitglieder in der Neuen Aula der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität. Anlass war eine Regierungserklärung der Reichsregierung zur Bekanntgabe der allgemeinen Friedensbedingungen der alliierten Siegermächte für Deutschland im Rahmen der Versailler Friedensverhandlungen. Das Reichstagsgebäude war zu diesem Zeitpunkt aufgrund von Sanierungsarbeiten noch nicht wieder zu benutzen.