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Schmerzmittelkonsum im Sport und in der Gesellschaft

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Zeit: Mittwoch, 27. Januar 2021, 14 Uhr
Ort: Berlin, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Sitzungssaal 3.101

Um dem starken Schmerzmittelkonsum in der Gesellschaft allgemein und im Sport im Besonderen entgegenzuwirken, braucht es verstärkte gesundheitliche Aufklärung und Prävention. In dieser Einschätzung waren sich die zu einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses am Mittwoch, 21. Januar 2021, geladenen Sachverständigen einig. Als besonders problematisch wurde die Selbstmedikation von Profi- wie auch Breitensportlern angesehen, was zu Forderungen nach einer Rezeptpflicht für Schmerzmittel führte. Keine Einigkeit gab es in der Frage, ob Schmerzmittel in die Dopingliste aufgenommen werden sollten.

„Wada macht es sich zu einfach“

Aus Sicht des ARD-Journalisten Jörg Mebus macht es sich die Welt-Doping-Agentur (Wada) zu einfach, wenn sie Letzteres ablehnt, weil aus ihrer Sicht Schmerzmittel keine leistungssteigernde Wirkung hätten, nicht die Gesundheit der Athleten gefährdeten und nicht gegen die Ethik des Sports verstießen. Nur wenn zwei dieser drei Kriterien zuträfen, sei eine Aufnahme in die Dopingliste möglich.

Aus Sicht von Mebus, Mitglied der ARD-Dopingredaktion, ist aber beispielsweise ein 400-Meter Hürdenläufer durchaus leistungsstärker, wenn er dank der Schmerzmittel auf den letzten Metern – anders als sein Kontrahent – den unweigerlich aufkommenden Schmerz nicht spürt. Gleichzeitig steige sein Verletzungsrisiko.

„Verbot ließe sich in weiten Teilen nicht kontrollieren“

Die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada), Dr. Andrea Gotzmann, räumte ein, dass die Kriterien unterschiedlich zu interpretieren seien. Gegen ein Verbot von Schmerzmitteln spreche aber, das man auch die Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten verletzter und kranker Sportler im Blick haben müsse. Ein Verbot ließe sich in weiten Teilen des organisierten Sports auch nicht kontrollieren, befand sie.

Das Kontrollsystem umfasse den Amateur- und Breitensportbereich oft nicht. Auch in den Fußball-Regionalligen gebe es keine Dopingkontrollen. Die Nada habe aber bereits angeregt, dass auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgewählte Schmerzmittel einen so genannten Beobachtungsstatus auf der Monitoring List der Wada erhalten.

„Schmerzmittelkonsum im Sport ist ein Problem“

Der Mannschaftsarzt des Deutschen Fußballbundes (DFB), Prof. Dr. Tim Meyer, ist gegen die Aufnahme auf die Dopingliste – nicht zuletzt wegen des immensen administrativen Aufwandes, wenn man für die Einnahme einer Schmerztablette wegen Kopfschmerzen eine Ausnahmeregelung beantragen müsse.

Gleichwohl sei der Schmerzmittelkonsum im Sport ein Problem, bestätigte er. Vor allem gehe es da um die Selbstmedikation im Amateurfußball, aber auch im Profifußball. Das Thema sei inzwischen durch den DFB sowohl in die Ausbildung der Fußballlehrer als auch in die Fortbildung der Sportmediziner aufgenommen worden.

„Fokus auf Prävention und Aufklärung setzen“

Schmerzmittel müssten eingesetzt werden, wenn sie benötigt werden, sagte der Sportmediziner Prof. Dr. Frank Mayer, Ärztlicher Direktor der Hochschulambulanz an der Universität Potsdam.

Bei einer gerechtfertigten Indikation stellten sie eine sinnvolle Therapie dar, betonte er. Das Problem sei die Selbstmedikation, weshalb der Fokus auf Prävention und Aufklärung gesetzt werden sollte.

„Rezeptfreiheit der Schmerzmittel hinterfragen“

Prof. Dr. Bernd Wolfahrt, Ärztlicher Leiter der Abteilung Sportmedizin der Charité und Leitender Olympiaarzt des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), stimmte dem zu. Gefragt sei hier die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

A„ußerdem müssten die Verbände und Vereine mit ins Boot geholt werden. Hinterfragt werden müsse zudem die Rezeptfreiheit der Schmerzmittel, sagte Wolfahrt.

“Denkbar wäre eine individuelle Belastungssteuerung„

Jonas Bär-Hoffmann von der Spielergewerkschaft FIFPro kritisierte die Glorifizierung falscher gesundheitlicher Entscheidungen, wenn angeschlagene Spieler vermeintlich zum Wohle des Vereins oder des Teams trotzdem auflaufen. Die Gründe für ein solches Verhalten seien aber oft existenziell. Die allermeisten Profi-Fußballer verdienten bei Weitem nicht so viel wie immer angenommen werde und stünden daher unter dem Druck, nicht auszufallen, sagte Bär-Hoffmann.

Dazu komme noch ein verdichteter Terminkalender und eine steigende Intensität des Spielstils, was die Gefahr einer Verletzung erhöhe. Eine Entzerrung des Wettbewerbskalenders, so der Generalsekretär der Spielervertretung, sei vor dem Hintergrund der finanziellen Interessen der Verbände schwierig. Denkbar wäre eine individuelle Belastungssteuerung. Die FIFPro plädiere für bindende Regelungen für einen individuellen Überbelastungsschutz.

“Weiter verbreitet als Alkoholsucht„

Nach Aussage von Prof. Dr. Dr. Dieter Leyk, Leiter der Forschungsgruppe Leistungsepidemiologie der Deutschen Sporthochschule Köln, ist die Schmerzmittelsucht in Deutschland weiter verbreitet als die Alkoholsucht. Dennoch werde das Problem in der Öffentlichkeit noch immer stark unterschätzt.

Besonders beunruhigend sei eine Studie des Robert Koch-Instituts von 2015, wonach 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland Schmerzmittel einnehmen “ohne dass schmerzbedingte Einschränkungen vorhanden sind„. Gleiches gebe es auch im Profisport, was durchaus als Missbrauch zu bewerten sei, sagte Leyk. (hau/27.01.2021)