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Der Kunstbeirat des Deutschen Bundestages entwickelte seit Mitte der neunziger Jahre für die künstlerische Ausgestaltung des Reichstagsgebäudes sowie der angrenzenden Parlamentsbauten Konzepte einer architekturbezogenen Kunst. Deutsche und internationale Künstler wurden eingeladen, Entwürfe zu erarbeiten oder Wettbewerbsbeiträge einzureichen. Diesen Prozess begleitete Jens Liebchen (geboren 1970 in Bonn) von Beginn an mit seiner Kamera.

Auf diese Weise entstand parallel zu den architekturbezogenen Kunstprojekten auf einer zweiten Ebene ein eigenständiges fotografisches Kunstprojekt: Ob Gerhard Richter, Sigmar Polke, Jenny Holzer, Georg Baselitz oder Grisha Bruskin, Neo Rauch, Jörg Herold oder Franka Hörnschemeyer, sie alle wurden von Jens Liebchen vor Ort in den Parlamentsbauten bei der Konzeption oder der Installation ihrer Kunstwerke fotografiert.

So sind einmalige Künstlerporträts entstanden, die sowohl die einzigartige Individualität einer jeden Künstlerpersönlichkeit sichtbar machen als auch das Spannungsverhältnis zwischen der politisch-repräsentativen Architektur einerseits und dem eigenen Werk in einem solchen politischen Umfeld andererseits offenbaren. Zugleich bilden die Porträts, in ihrer Gesamtheit betrachtet, einen faszinierenden Querschnitt durch die aktuelle Kunstszene, von deren anerkannten internationalen "Stars" bis zur jüngeren, im Aufbruch befindlichen Künstlergeneration.

Dieses originelle Kunstprojekt von Jens Liebchen gewinnt seine besondere Bedeutung dadurch, dass ein außergewöhnlicher Moment in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus dokumentiert und fotografisch interpretiert wird: Nie zuvor hatte sich das Parlament in vergleichbarer Weise für künstlerische Gestaltung in den eigenen Bauten engagiert, nie zuvor sich derart umfassend auf das Risiko einer Auseinandersetzung mit dem Kunstschaffen eingelassen - und umgekehrt: Nie zuvor hatten sich so bedeutende Künstler einem Dialog mit der Politik gestellt.

Bei der Planung und Realisierung der Gebäude des Deutschen Bundestages in Berlin wurde insofern ein neues Kapitel in der durchaus nicht unproblematischen Begegnung dieser beiden Sphären, der Kunst und der Politik, geschrieben - und hierin liegt das besondere Verdienst der Fotografien von Jens Liebchen, daß sie die kreativ aufgeladene Atmosphäre, den Spannungsbogen zwischen den Künstlern und dem sie umgebenden politischen Raum visuell lebendig werden lassen: So zeigen sich die einen vorsichtig zurückhaltend, andere demonstrativ nüchtern oder verhalten selbstbewußt, und wiederum andere clownesk, die eigene Angespanntheit überspielend.

Durch solche Anschauung gewähren die Fotografien nicht nur einen Einblick in den geistig-ästhetischen Habitus von Künstlern und ihr Verhältnis zur Politik, sondern lenken den Blick auch auf die Kundgabe des Selbstverständnisses und die Selbstdarstellung der Repräsentanten der Politik und deren bewussten Ausdruck im Schaffen der Künstler. Die Fotografien von Jens Liebchen sind auch Dokumente dieser fruchtbaren Wechselbeziehung.

Die Ausstellung wurde verlängert und ist nun bis zum 14. November 2003 geöffnet. Sie kann ohne Voranmeldung gegen Vorlage des Personalausweises über den Westeingang des Paul-Löbe-Hauses (Konrad-Adenauer-Straße 1, gegenüber dem Bundeskanzleramt) besichtigt werden, und zwar montags von 9 bis 14 Uhr, dienstags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr sowie samstags und sonntags im Rahmen der Kunstführungen.

Zur Ausstellung wird im Verlag J. J. Heckenhauer ein Buch mit den Fotografien der Künstler im Reichstagsgebäude erscheinen. Es kann über den Buchhandel sowie das Sekretariat des Kunstbeirates bezogen werden.

Text: Andreas Kaernbach,
Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages

 

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