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Joachim Poß will viel von der Welt sehen und mehr Zeit für Bücher haben

Joachim Poß (SPD)

Joachim Poß (SPD)

© DBT/Melde

„Ein Grandseigneur der SPD geht in den Ruhestand“, titelte eine Zeitung aus dem Ruhrgebiet im April 2016. Gemeint war Joachim Poß, der am Abend zuvor bekannt gegeben hatte, dass er nach 37 Jahren und zehn Legislaturperioden 2017 nicht mehr für den Bundestag kandidiert.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist Joachim Poß Sozialdemokrat. Als er im Januar 1967 in die SPD eintrat, war der Gelsenkirchener 18 Jahre alt und absolvierte gerade eine Ausbildung. Kurt Georg Kiesinger war Bundeskanzler, Willy Brandt Außenminister der ersten Großen Koalition. 13 Jahre später wurde Joachim Poß selbst in den Deutschen Bundestag gewählt und holte seitdem ohne Unterbrechung das Direktmandat mit nie weniger als 50 Prozent der Erststimmen. Joachim Poß ist damit nicht nur der Bundestagsabgeordnete der SPD mit der längsten Amtszeit neben Herta Däubler-Gmelin, sondern auch einer mit dem höchsten Stimmenanteil bei Bundestagswahlen.

Zeitarbeiter mit Vier-Jahres-Vertrag

Bereits nach der Bundestagswahl im Jahr 2013 wurde Joachim Poß etwas despektierlich gefragt, ob die 18. Legislaturperiode seine letzte sein wird. Er antwortet: „Johannes Rau hatte auf solche Fragen eine gute Antwort: ,Man soll der Gnade des lieben Gottes keine künstlichen Grenzen setzen.' Ich weiß, dass ich Zeitarbeiter bin im Parlament, dass ich immer nur einen Vier-Jahres-Vertrag eingehe mit den Wählerinnen und Wählern. Die SPD ist zwar gegen die sachgrundlose Befristung von Arbeitsverträgen, aber für Parlamentarier gilt die eben nicht.“

Eine diplomatische Antwort, die Joachim Poß Spielraum gab, um eine Entscheidung zu treffen. Im April 2016 war es so weit. Der SPD-Politiker gab bekannt, dass er 2017 nicht wieder kandidieren würde. Der Sozialdemokrat, dem eine Zeitung wegen seines überdurchschnittlichen Stimmenanteils den Namen „Erststimmenkönig“ gab, wird den Sozialdemokraten fehlen. Joachim Poß begründete seinen Verzicht so: „Ich werde nach 37 Jahren in der Bundespolitik den Weg für einen Generationenwechsel in meinem Wahlkreis freimachen. Bis zum Wechsel werde ich mich aber mit ganzer Kraft und ungebrochener politischer Leidenschaft für sozialdemokratische Ideale einsetzen.“

Kindheit und Jugend in einer Bergmannssiedlung 

Joachim Poß wuchs in einer Bergmannsfamilie in einer Siedlung für Bergleute in Gelsenkirchen auf. Schon als Junge von acht Jahren las er die Tageszeitung, die seine Eltern abonniert hatten, auch wenn er den Inhalt nicht immer verstand. Seine Großväter und sein Vater waren Bergleute auf Zeche Westerholt. Als Zwölfjähriger entwickelte Poß ein gesteigertes Interesse an Politik.

„Ich saß als Schüler oft vor dem Fernseher und sah mir am Sonntag den Presseclub mit Werner Höfer an. Dort konnte man die Diskutanten oft vor Zigarettenqualm kaum sehen, dafür aber umso besser hören, weil sie lautstark stritten und sich oftmals ins Wort fielen. Ich verfolgte auch regelmäßig die schwarz-weißen Fernsehdebatten aus dem Deutschen Bundestag und war von Politikern wie Willy Brandt, Fritz Erler, Helmut Schmidt und Herbert Wehner begeistert, weil die das Parlament regelrecht durcheinanderwirbelten.“

Pfeifenraucher wie Herbert Wehner

Besonders Herbert Wehner, 14 Jahre Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag, war bekannt für seine Verbalattacken (zum Beispiel „Querkopf“, „Strolch“, „Schleimer“, „Dreckschleuder“, „Übelkrähe“). Er erhielt im Laufe seiner Amtszeit 77 Ordnungsrufe durch den Parlamentspräsidenten – ein bis heute unerreichter Rekord. Der Umgangston der Abgeordneten hat sich im Parlament seitdem auch verändert; er ist höflicher geworden.

Davon, wie unerschrocken, geradezu respektlos Herbert Wehner im Parlament agierte, war Joachim Poß fasziniert und sagt rückblickend: „Ich freute mich immer auf die Wortmeldungen von Wehner im Bundestag, und mit 15 Jahren begann ich Pfeife zu rauchen – wie Herbert Wehner.“ Vielleicht entstand schon damals sein Wunsch, einmal in die Politik zu gehen. Dass die SPD seine Partei sein würde, daran hatte Joachim Poß keinen Zweifel. 1980 lernte er als Parlamentsneuling dann den Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner, den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt und den Parteivorsitzenden Willy Brandt persönlich kennen.

Ausbildung, Zeitschriftenredakteur, Parteieintritt

Während seiner Ausbildung in der gehobenen nichttechnischen Beamtenlaufbahn arbeitete Joachim Poß als Redakteur bei einer gewerkschaftlichen Jugendzeitschrift und las jede Woche intensiv den „Spiegel“. Als 1966 in Gelsenkirchen die Demonstrationen gegen die Schließung der Zeche Graf Bismarck stattfanden, erlebte Joachim Poß hautnah mit, wie die Bergleute um ihre Existenz und die der Bergbauregion kämpften. Diese Ereignisse waren für den jungen Poß prägend und führten dazu, dass der Gelsenkirchener 1967 in die SPD eintrat.

1969 wurde Willy Brandt zum ersten sozialdemokratischen Bundeskanzler gewählt und Joachim Poß zum Vorsitzenden der Jusos in Gelsenkirchen. „Ich war enorm engagiert und kandidierte 1972 auf der Landesliste erstmals für den Bundestag, ebenso wie Franz Müntefering, der vor mir auf der Landesliste platziert war. Wir schafften den Einzug in den Bundestag damals beide nicht, aber Franz Müntefering wurde 1975 Nachrücker. Mir war zum damaligen Zeitpunkt bereits klar, dass ein Bundestagsmandat eine Option für meine Lebensplanung sein kann“, sagt der Sozialdemokrat.

Mehr als 50 Prozent der Erststimmen – zehn Mal

Mitte der 1970er-Jahren wurde Joachim Poß Geschäftsführer beim Falken-Bildungs- und Freizeitwerk Nordrhein-Westfalen und gehörte der SPD-Fraktion im Rat der Stadt Gelsenkirchen an. „1980 kandidierte ich als Direktkandidat für den Deutschen Bundestag und erhielt 59,9 Prozent der Erststimmen“, erinnert sich Poß. Seitdem wurde er zehn Mal hintereinander ohne Unterbrechung und immer mit großer Mehrheit in den Bundestag gewählt – 1998 waren es sogar 65,4 Prozent der Erststimmen. Ein so beachtliches Wahlergebnis können nicht viele Sozialdemokraten vorweisen, und es zeugt von großem Vertrauen der Gelsenkirchener.

In den Amtszeiten der Finanzminister Stoltenberg und Waigel war Joachim Poß elf Jahre (1988 bis 1999) finanzpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion. 1999 wurde er als Nachfolger von Ingrid Matthäus-Maier stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion für den Bereich der Steuer-, Finanz- und Haushaltspolitik. Diese Aufgabe füllte er bis zur Bundestagswahl 2013 mit Leidenschaft aus und machte sich als Finanzpolitiker bundesweit einen Namen. In dieser Zeit war er für die Koordinierung der Finanzpolitik der Fraktion zuständig, wozu natürlich auch die Abstimmungen mit dem grünen Koalitionspartner und mit der CDU/CSU in der zweiten Großen Koalition 2005 bis 2009 gehörten.

Die größten Herausforderungen

Auf die Frage nach den wichtigsten Ereignissen in seiner Parlamentsarbeit sagt Poß: „Die größten Herausforderungen waren wohl die Anfangszeit der deutschen Einheit, die Auseinandersetzungen um die rot-grünen Steuerreformen und die Finanzkrise 2008/2009. In diesen Zeiten habe ich nicht nur mit den sozialdemokratischen Finanzministern Eichel und Steinbrück eng zusammengearbeitet, sondern war auch in der Darstellung der jeweiligen Vorhaben in der Öffentlichkeit und in den Medien besonders gefordert.“ Wichtig war für Joachim Poß auch die Arbeit im Parteivorstand (zeitweilig im Präsidium) der SPD, dem er von 1999 bis 2015 angehörte.

2013 kandidierte Joachim Poß nicht mehr für die Aufgabe in der Fraktionsführung, sondern konzentrierte sich im Europaausschuss des Deutschen Bundestages auf die Wirtschafts- und Währungsunion und auf die europäische Finanzpolitik. Poß dazu: „Zu dieser Arbeit gehören auch Vorträge und Diskussionen in den europäischen Hauptstädten. Dieser Dialog mit den Partnern in den nationalen Parlamenten müsste nach meiner Auffassung noch viel intensiver geführt werden.“

Schnelllebige Medien 

Wenn Joachim Poß auf seine lange Politikerkarriere zurückblickt und die Gegebenheiten vor 37 Jahren mit den heutigen politischen Realitäten vergleicht, fallen ihm drei Unterschiede besonders auf.

Er sagt: „Erstens ist die Mediensituation eine völlig andere und nicht mit den Jahren vergleichbar, als ich politisch aktiv wurde. Früher waren wir froh, wenn wir in den Printmedien Erwähnung fanden. Heute sind die Medien so schnelllebig, dass oft innerhalb von kurzer Zeit Gedanken bekannt werden, bevor sie überhaupt zu Ende gedacht wurden. Zweitens war das Ansehen von Politikern damals noch nicht so schlecht wie heute. Heutige Politiker müssen viel stärker darum kämpfen, dass ihre Arbeit anerkannt wird; meist bleiben im kollektiven Gedächtnis eher die Fehler einer Person hängen und weniger ihre Verdienste. Außerdem war die Polarisierung in der Politik früher stärker, zum Beispiel in der Auseinandersetzung mit Franz Josef Strauß. Allerdings hat durch das Aufkommen populistischer Kräfte in den letzten Jahren die Polarisierung eine neue Form angenommen.“

Selbstdisziplin und Courage

Auf die Frage, ob er heute noch einmal den gleichen Weg gehen und sich für eine politische Karriere entscheiden würde, sagt Joachim Poß: „Was-wäre-wenn-Diskussionen sind nicht zielführend. Aber als Politiker braucht man viel Courage und Selbstdisziplin, damit man vom politischen Alltag nicht ,aufgefressen' wird. Als Berufspolitiker arbeitet man sieben Tage die Woche, nicht selten siebzig und mehr Stunden. Das Privatleben leidet, Freunde werden vernachlässigt, Hobbys bleiben auf der Strecke – und trotzdem ist mir die Leidenschaft, Politik aktiv mitzugestalten, nie verloren gegangen. Ich blicke deshalb auch nicht wehmütig zurück, sondern freue mich auf einen neuen Lebensabschnitt nach dem politischen Ruhestand.“

Was wird er tun? Joachim Poß antwortet: „Ich war immer eine Leseratte, schon als Kind. Aber jetzt kann ich mir für die Lektüre von Büchern mehr Zeit nehmen. Und ich möchte noch viel von der Welt sehen, denn ich habe als Politiker viele Länder bereist, aber meist nicht viel von Land und Leuten gesehen. Darauf freue ich mich besonders.“ (bsl/06.06.2017)

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