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Samstag, 9. November 1918

Die Revolution erreicht die Reichshauptstadt. Die meisten Berliner Arbeiter folgen dem Aufruf von Revolutionären Obleuten und Spartakusgruppe zum Generalstreik, zu dem ab Mittag auch die mehrheitssozialdemokratische Zeitung Vorwärts in einer Extraausgabe aufruft, und treten flächendeckend in den Ausstand. 

Demonstrationszüge ins Stadtzentrum

Das Wirtschaftsleben der Stadt ist damit faktisch stillgelegt. Hunderttausende Menschen formieren sich zu gewaltigen Demonstrationszügen, denen sich auf ihrem Weg von den Industriegebieten am Stadtrand ins Stadtzentrum auch zahlreiche Soldaten der in Berlin stationierten Truppen anschließen. 

Die Demonstranten tragen Rote Fahnen und fordern auf Plakaten unter anderem die sofortige Beendigung des Krieges, eine ausreichende Lebensmittelversorgung, den Bruch mit dem monarchischen Obrigkeitsstaat und eine umfassende Neuordnung der politischen Verhältnisse. 

Weitestgehend friedliche Proteste

Ohne nennenswerte Gegenwehr werden im weiteren Verlauf der Proteste Polizei und Regierungstruppen entwaffnet, öffentliche Gebäude und Ämter, darunter auch das Berliner Polizeipräsidium, besetzt und politische Gefangene befreit. 

Zwar sind bei gewaltsamen Zusammenstößen von Demonstranten und Sicherheitskräften auch einige Verletzte und Tote zu beklagen, aber insgesamt bleibt die Situation überraschend friedlich, was auch damit zusammenhängt, dass die Angehörigen der zur Sicherung eingesetzten Militäreinheiten mehrheitlich zu den Aufständischen überlaufen oder ein gewaltsames Vorgehen gegen die Demonstranten verweigern. 

Ziel: Übernahme der Regierungsgewalt

Als sich der Sieg der revolutionären Bewegung gegen Mittag abzeichnet, erlässt der Oberbefehlshaber in den Marken, General von Linsingen, den Befehl: „Truppen haben nicht von Waffen Gebrauch zu machen, auch nicht bei Verteidigung von Gebäuden.“

Unter dem Eindruck der revolutionären Massenbewegung beschließt der mehrheitssozialdemokratische Parteivorstand am frühen Morgen, „bei einer notwendigen Aktion gemeinsam mit den Arbeitern und Soldaten vorzugehen“. Ziel der Partei sei es, zusammen mit den Unabhängigen Sozialdemokraten die gesamte Regierungsgewalt zu übernehmen. 

Allerdings kann sich die Unabhängige Sozialdemokratische Partei zunächst noch nicht dazu entschließen, dem Angebot der Mehrheitssozialdemokraten zur gemeinsamen Übernahme der Regierungsgewalt zuzustimmen. 

Mehrheitssozialdemokraten treten Revolution bei

Wenig später beschließt die mehrheitssozialdemokratische Reichstagsfraktion, Verhandlungen mit den Arbeiter- und Soldatenräten aufzunehmen und die amtierende Reichsregierung zur Übergabe der Macht an die „vereinigte Sozialdemokratie“ aufzufordern. 

Nach diesem Beschluss, durch den die Mehrheitssozialdemokratie offiziell zur revolutionären Bewegung übertritt, erklären die parlamentarischen Staatssekretäre der Mehrheitssozialdemokraten ihren Austritt aus der Reichsregierung. 

Um auch organisatorisch ihre aktive Rolle in der Revolutionsbewegung zu unterstreichen, gründet die mehrheitssozialdemokratische Führung noch am Vormittag einen Arbeiter- und Soldatenrat, dem neben führenden Funktionären der Partei, unter anderem Friedrich Ebert, Otto Braun und Otto Wels, auch zwölf Fabrikvertrauensleute angehören.

Wilhelm II. zur Abdankung bereit

Angesichts der revolutionären Unruhen in der Hauptstadt bemüht sich Reichskanzler Max von Baden während des ganzen Vormittags, den Kaiser zur Abdankung zu drängen. Währenddessen berät Wilhelm II. im Großen Hauptquartier mit der obersten Militärführung stundenlang über das weitere Vorgehen. 

Obwohl die zu Rate gezogenen Offiziere die Möglichkeit eines bewaffneten Vorgehens der Fronttruppen gegen die revolutionäre Bewegung ausschließen, zögert Wilhelm II. immer noch, den entscheidenden Schritt zu tun. 

Schließlich erklärt er sich dazu bereit, als Kaiser zugunsten seines Enkels abzudanken.  König von Preußen will er aber weiter bleiben. 

Max von Baden kommt Wilhelm II. zuvor

Als die entsprechende Erklärung gegen 14 Uhr in der Reichskanzlei eintrifft ist es jedoch bereits zu spät. Unter dem Druck der revolutionären Ereignisse und im Einverständnis mit den bürgerlichen Regierungspartnern hat Max von Baden schon gegen 12 Uhr eigenmächtig den Thronverzicht des Kaisers bekannt gegeben. 

In einer von der Reichskanzlei verfassten Bekanntmachung, die von Wolffs Telegraphischem Büro (benannt nach dessen Gründer Bernhard Wolff) verbreitet wird, heißt es hierzu: „Der Kaiser und König hat sich entschlossen, dem Throne zu entsagen. Der Reichskanzler bleibt noch so lange im Amte, bis die mit der Abdankung des Kaisers, dem Thronverzicht des Kronprinzen des Deutschen Reiches und von Preußen und der Einsetzung der Regentschaft verbundenen Fragen geregelt sind.“ 

Ende der Monarchie besiegelt

Mit diesem Schritt schafft Max von Baden Fakten, die nach Lage der Dinge nicht mehr zurückgenommen werden können. Nach längerem Ringen entschließt sich der Kaiser schlussendlich, ins Exil zu gehen. Mit dem Grenzübertritt Kaiser Wilhelms II. am frühen Morgen des 10. November 1918 ist das Ende der Monarchie in Deutschland besiegelt.

Ebert und von Baden beraten vertraulich

Als am späten Vormittag abzusehen ist, dass die Revolutionsbewegung nicht aufgehalten werden kann, führt Reichskanzler Max von Baden – parallel zu seinen Bemühungen um die Abdankung Wilhelms II. – ein vertrauliches Gespräch mit dem Vorsitzenden der Mehrheitssozialdemokraten Friedrich Ebert, um über einen Ausweg aus der akuten Staats- und Regierungskrise zu beraten. 

Dabei wird auch schon die Frage einer Übernahme der Kanzlerschaft durch Ebert erörtert. Als wenig später die von Max von Baden veranlasste kaiserliche Abdankungserklärung bekannt wird, erscheint eine Abordnung der Mehrheitssozialdemokraten unter Führung Eberts in der Reichskanzlei. Sie fordert die Übergabe des Kanzleramts an den sozialdemokratischen Parteivorsitzenden sowie die Mehrheit der Posten in einer neu zu bildenden Regierung für Mehrheitssozialdemokraten und Unabhängige, falls letztere sich für einen Regierungseintritt entscheiden sollten. 

Friedrich Ebert wird Reichskanzler

Ohne verfassungsrechtliche Grundlage und politische Befugnis überträgt Max von Baden nach kurzer Beratung mit seinen Staatssekretären daraufhin Friedrich Ebert das Amt des Reichskanzlers. 

Im weiteren Verlauf der Besprechung wird zudem beschlossen, dass der Mehrheitssozialdemokrat Paul Göhre dem preußischen Kriegsminister General Heinrich Scheüch beigeordnet wird und dessen Anordnungen gegenzeichnen muss. 

Im Anschluss an die Unterredung mit Max von Baden führen Vertreter der beiden sozialdemokratischen Parteien noch Verhandlungen über die Bildung einer Regierung unter Beteiligung bürgerlicher Parteien, die aber nach kurzer Zeit ohne Ergebnis enden. Danach begeben sich beide Delegationen ins Reichstagsgebäude, vor dem sich inzwischen eine stetig wachsende Menge versammelt hat.

Scheidemann tritt vor Demonstranten

Gegen 14 Uhr tritt Philipp Scheidemann vor die am Reichstag mit Roten Fahnen und Hochrufen auf die Republik protestierenden Demonstranten und hält eine kurze, spontane Ansprache. 

Aufgrund einer widersprüchlichen und lückenhaften Überlieferung sind die genauen Umstände von Scheidemanns Auftritt und der Inhalt seiner Ansprache bis heute umstritten. 

Nach der in der Geschichtswissenschaft am meisten akzeptierten Version hat Scheidemann Folgendes gesagt: „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik! Der Abgeordnete Ebert ist zum Reichskanzler ausgerufen worden. Ebert ist damit beauftragt worden, eine neue Regierung zusammenzustellen. Dieser Regierung werden alle sozialistischen Parteien angehören. Jetzt besteht unsere Aufgabe darin, diesen glänzenden Sieg, diesen vollen Sieg des deutschen Volkes nicht beschmutzen zu lassen, und deshalb bitte ich Sie, sorgen Sie dafür, dass keine Störung der Sicherheit eintrete! Wir müssen stolz sein können, in alle Zukunft auf diesen Tag! Nichts darf existieren, was man uns später wird vorwerfen können! Ruhe, Ordnung und Sicherheit, das ist das, was wir jetzt brauchen! Dem Oberkommandierenden in den Marken und dem Kriegsminister Scheüch werden je ein Beauftragter beigegeben. Der Abgeordnete Genosse Göhre wird alle Verordnungen des Kriegsministers Scheüch gegenzeichnen. Also es gilt von jetzt ab, die Verfügungen, die unterzeichnet sind von Ebert, und die Kundmachungen, die sind gezeichnet mit den Namen Göhre und Scheüch, zu respektieren. Sorgen Sie dafür, dass die neue deutsche Republik, die wir errichten werden, nicht durch irgendetwas gefährdet werde! Es lebe die deutsche Republik!"

Eberts Aufruf an die Bevölkerung

Am frühen Nachmittag übernimmt Friedrich Ebert in der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße die Amtsgeschäfte des Reichskanzlers. Er bittet die Staatssekretäre des alten Kabinetts, ihre Ämter vorläufig weiterzuführen. Zudem beruft er die mehrheitssozialdemokratischen Abgeordneten Philipp Scheidemann und Otto Landsberg als Staatssekretäre in seine Regierung. 

In einer seiner ersten Amtshandlungen bittet er die Bürger in einem Aufruf um die Einhaltung von Ruhe und Ordnung: „Arbeiter, Soldaten, Mitbürger! Der freie Volksstaat ist da! Kaiser und Kronprinz haben abgedankt! Fritz Ebert, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei, ist Reichskanzler geworden und bildet im Reiche und in Preußen eine neue Regierung aus Männern, die das Vertrauen des werktätigen Volkes in Stadt und Land, der Arbeiter und Soldaten haben. Damit ist die öffentliche Gewalt in die Hände des Volkes übergegangen. Eine verfassunggebende Nationalversammlung tritt schnellstens zusammen. - Arbeiter, Soldaten, Bürger! Der Sieg des Volkes ist errungen, er darf nicht durch Unbesonnenheiten entehrt und gefährdet werden. Wirtschaftsleben und Verkehr müssen unbedingt aufrechterhalten werden, damit die Volksregierung unter allen Umständen gesichert wird. – Folgt allen Weisungen der neuen Volksregierung und ihren Beauftragten. Sie handelt in engstem Einvernehmen mit den Arbeitern und Soldaten. – Hoch die Deutsche Republik!“ 

Öffentliche Ordnung steht an erster Stelle

In einem weiteren Aufruf an alle Behörden und Beamten bittet der neue Reichskanzler alle Amtsträger darum, mit der neuen Regierung zusammenzuarbeiten, um Deutschland vor „Anarchie und dem schrecklichsten Elend“ zu bewahren. 

In einem dritten Aufruf fordert Ebert alle militärischen Dienststellen des Heimatheeres auf, „ihre Dienstgeschäfte unverändert weiterzuführen“. Auch die weiteren von Ebert an seinem ersten Arbeitstag als Reichskanzler veranlassten Maßnahmen sind darauf ausgerichtet, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.

Liebknecht proklamiert freie sozialistische Republik

Trotz der Aufrufe sozialdemokratischer Politiker zur Ruhe und Ordnung, die auch in mehreren Extraausgaben des Vorwärts wiederholt werden, setzen sich die Massenproteste in der Hauptstadt weiter fort. Im Laufe des Nachmittages verlagert sich der Schwerpunkt der Demonstrationen in Richtung Königliches Schloss. 

Gegen 16 Uhr spricht der Führer der Spartakusgruppe Karl Liebknecht zu den dort versammelten Demonstranten: „Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik.“ Anschließend wird auf dem Mast der Kaiserstandarte die Rote Fahne gehisst.

USPD uneins über Regierungsbeteiligung

Als die Mehrheitssozialdemokraten gegen 18 Uhr bei der im Reichstagsgebäude versammelten Parteiführung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei wegen eines Regierungseintritts anfragen, zeigt sich diese uneins. Georg Ledebour, Emil Barth und Richard Müller lehnen eine gemeinsame Regierung mit den Mehrheitssozialdemokraten ab.

Karl Liebknecht erklärt, dass er nur zu einer – zunächst nur bis zum Abschluss des Waffenstillstands befristeten – Regierungsbeteiligung bereit sei, wenn Deutschland eine sozialistische Republik werde und alle exekutive, legislative und richterliche Gewalt, insbesondere auch die Kontrolle über die Streitkräfte, den Arbeiter- und Soldatenräten übertragen werde. Zudem müssten die beiden Leiter der Regierung gleichberechtigt sein. 

MSPD und USPD gespalten in Systemfragen

Die Mehrheitssozialdemokraten lehnen allerdings die Errichtung einer Räterepublik ab und fordern stattdessen die Einberufung einer frei gewählten konstituierenden Nationalversammlung, die über die Zukunft Deutschlands entscheiden soll. 

Der daraufhin vom Parteivorstand der Unabhängigen formulierte Kompromissvorschlag sieht die Bildung einer rein sozialdemokratischen Regierung aus gleichberechtigten Volkskommissaren vor. 

Die Fachminister sollen jeweils von einem Vertreter der Unabhängigen und der Mehrheitssozialdemokraten kontrolliert werden. Die politische Macht wird den Arbeiter- und Soldatenräten übertragen, die aus dem ganzen Reich zu einer Vollversammlung einberufen werden sollen. 

Die Frage der Einberufung einer konstituierenden Nationalversammlung soll erst nach Konsolidierung der durch die Revolution geschaffenen neuen Gegebenheiten erörtert werden. Aber auch über diesen Kompromissvorschlag kann am Abend des 9. November keine Einigung mit den Mehrheitssozialdemokraten erzielt werden.

Versammlung im Zirkus Busch

Am späten Abend kommen Unabhängige Sozialdemokraten, Revolutionäre Obleute sowie mehrere Arbeiter- und Soldatenräte im Plenarsaal des Reichstages zusammen, um das Geschehene und die weiteren Schritte zu beraten. 

Die Versammlung beschließt, am Vormittag des nächsten Tages in allen Fabriken und Kasernen Arbeiterräte und Soldatenräte wählen zu lassen, die sich am späten Nachmittag im Zirkus Busch versammeln sollen, um eine provisorische Regierung für Deutschland zu wählen.

Weitere Abdankungen und Absetzungen

In den übrigen Regionen und Städten des Deutschen Reichs setzt sich die revolutionäre Umwälzung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse weiter fort.

In fast allen Ländern und Städten des Reiches werden Demonstrationen durchgeführt sowie Arbeiter- und Soldatenräte gebildet, die im lokalen Bereich die politische, polizeiliche und militärische Macht innehaben. 

Württemberg wird zur Republik erklärt. In Sachsen-Weimar dankt der Großherzog ab. Ein 21er-Soldatenrat beschließt in Wilhelmshaven die Absetzung des Großherzogs und ruft die Republik Oldenburg-Ostfriesland aus. 

Großherzog Wilhelm Ernst zu Sachsen-Weimar-Eisenach wird vom Soldatenrat zur Abdankung gezwungen und geht auf sein Schloss Heinrichau ins schlesische Exil. 

In Gotha erklärt der unabhängige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Wilhelm Bock auf einer Großkundgebung den regierenden Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha für abgesetzt und den Arbeiter- und Soldatenrat zum obersten Machtorgan der Republik Gotha. (ww/09.11.2018)

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