Parlament

Maria Ansorge

Porträtfoto von Maria Ansorge (SPD), 1880 bis 1955

(© DBT/unbekannt)

Die Sozialdemokratin Maria Ansorge gehörte zu den wenigen Frauen, die bereits Abgeordnete des Reichstags waren und nach Krieg und Diktatur auch in den Deutschen Bundestag einziehen konnten.

Am 2. Juli 1953, dem vorletzten Sitzungstag der ersten Wahlperiode, debattiert der Bundestag das Bundesversorgungsgesetz, das unter anderem die Einkünfte der nicht mehr erwerbsfähigen Kriegsopfer regelt. Im Radio hört man die Stimme von Maria Ansorge, die fordert, dass nun „endlich einmal eine einigermaßen menschenwürdige Versorgung dieser Kriegereltern“ erfolgen müsse. Die 72-jährige ehemalige Reichstagsabgeordnete hat kurz vor Kriegsende im Mai 1945 ihren einzigen Sohn verloren: sie selbst war erst wenige Wochen zuvor aus dem KZ Ravensbrück entlassen worden. Man merkt ihrer Stimme die Anstrengung an und begreift, warum sie diese Strapaze auf sich nimmt: es ist ihre Lebensaufgabe, die Lage der Alten und Armen zu verbessern.

Die Erfahrung von Not und schwerer Arbeit haben ihr Leben und ihre politische Arbeit geprägt: Geboren am 15. Dezember 1880 in einem kleinen böhmischen Dorf der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie nahe der Grenze zu Schlesien, wuchs sie in einer armen Familie auf, die zur deutschen Minderheit gehörte. Ihr Vater war Maurer, ihre Mutter Handweberin in Heimarbeit. Schon die kleinen Kinder mussten mitarbeiten. Maria Scholz, wie sie damals noch hieß, war sechs Jahre alt, als der Vater starb. Als ältestes von drei Kindern trug sie von nun an als Landarbeiterin zum Lebensunterhalt der Familie bei. Noch als alte Frau erinnert sie sich: „Bereits damals stellte man fest, dass ich ein ‚Arbeitstier‘ war und man nutzte mich weidlich aus. Meine Erholung waren die Schulstunden, (…) die ich trotz der schweren Arbeit auf dem Lande in allen Fächern mit sehr gut absolvierte.“ Mit knapp dreizehn Jahren wurde die Halbwaise vorzeitig aus der Schule entlassen, um als Arbeiterin in einer Textilfabrik ihre Familie zu unterstützen. Durch die Heirat mit dem Textilarbeiter Friedrich Ansorge wurde sie zugleich deutsche Staatsbürgerin, Waldenburg wurde ihre Heimat. Sie arbeitete weiter in der Weberei und bekam einen Sohn. Zudem nahm sie zwei Mädchen aus der erweiterten Großfamilie ihres Mannes auf und unterstützte auch seine elf Geschwister. Als der Lohn für all diese Verpflichtungen nicht mehr ausreichte, arbeitete sie zusätzlich abends und sonntags als Bedienung in einem Festsaal. 

Zitat: Sie und wir alle sind verpflichtet, ausreichend dafür zu sorgen, dass die Versprechungen wahrgemacht werden, … (in der Debatte zur Änderung und Ergänzung des Bundesversorgungsgesetzes 1953)

(© DBT)

Als ihre Ehe schon bald wieder geschieden wurde der Sohn blieb bei ihr begann die Mittzwanzigerin, sich gewerkschaftlich und parteipolitisch zu engagieren: zunächst in der Textilgewerkschaft, wo sie schon nach kurzer Zeit eine führende Rolle einnahm, dann verstärkt in der SPD: „Da es Frauen verboten war, sich politisch zu organisieren, tarnten wir uns in Gesangsvereinen, Frauenbildungsvereinen u.v.a.m. Inzwischen machte ich größere Versammlungstouren für den Textilarbeiterverband durch ganz Schlesien, (…) später (auch) für den Fabrikarbeiterverband mit großen Erfolgen“, erinnert sie sich Jahrzehnte später. Als das Vereinsgesetz 1908 Frauen die Mitgliedschaft in politischen Parteien erlaubte, begann ihre Karriere als SPD-Politikerin. 

Nach der Einführung des Frauenwahlrechts 1919 wurde sie in den Kreistag von Waldenburg gewählt, ein Jahr später sogar in den Reichstag. Die Wirtschaftskrisen in den 1920er-Jahren verstärkten das Elend in dem von Textilwirtschaft und Bergbau geprägten niederschlesischen Industriegebiet. Die Reichstagsabgeordnete Ansorge kannte die Verhältnisse aus ihrer Zeit als Textilarbeiterin und als Leiterin der Arbeiterwohlfahrt in Niederschlesien genau. Als die Verwendung öffentlicher Gelder für Maßnahmen dortiger sozialdemokratischer Fürsorgeeinrichtungen kritisiert wurde, antwortete Maria Ansorge in einer ihrer wenigen Reden im Deutschen Reichstag: „Die sozialdemokratische Reichstagsmehrheit war der Meinung: dort, wo die Not und das Elend am größten sind, muss selbstverständlich am ehesten geholfen werden. (…) Ich erinnere daran, dass die Kreise, die sozialdemokratischen Organisationen angeschlossen sind, den allerbedürftigsten Schichten entstammen. Ich möchte (…) bitten, einmal in die Arbeiterwohnungen hineinzugehen, wo acht, zehn und zwölf Kinder mit ihren Eltern und oftmals auch mit ihren Großeltern zusammen in einem Raum hausen müssen, und sich einmal die Frage vorzulegen, ob es nicht zweckmäßig ist, diese armen und elenden Kinder wenigstens eine Zeitlang aus diesen Verhältnissen herauszunehmen.“ 

1933 verlor sie mit ihren Mandaten im Kreistag und im Reichstag auch ihre Immunität; unmittelbar folgten mehrere Wochen „Schutzhaft“ und immer wieder Hausdurchsuchungen. 1935 wurde sie abermals, nun aber für mehrere Monate, verhaftet. Wegen ihrer Tätigkeit als Reichstagsabgeordnete wurde sie 1944 im Rahmen der „Aktion Gewitter“ erneut verhaftet, und im September 1944 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Bis zum 3. November 1944 war sie dort als politischer Häftling registriert. Sie kehrte in ihren früheren Wohnort in Niederschlesien zurück, und wird dort unmittelbar nach Kriegsende von den sowjetischen Besatzungsbehörden für einige Monate als Bürgermeisterin eingesetzt. Der Ort gehört nun zum polnischen Staatsgebiet; Tausende fliehen in den Westen, doch sie bleibt – vorerst. 1946, als man sie drängt, die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen, reist sie aus –  gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter, mit den Enkeln und ihrem Lebensgefährten dieser Jahre, der allerdings schon bald darauf stirbt.

Marl in Westfalen, wo bereits die Eltern ihrer Schwiegertochter wohnen, wird ihre neue Heimat. Sie wird wieder politisch aktiv, und bereits am 17. Oktober 1948 als Stadtverordnete der SPD gewählt. Am 17. November 1951 zieht Maria Ansorge als Nachrückerin in den Bundestag ein. Mit fast 71 Jahren ist sie die älteste weibliche Abgeordnete der ersten Wahlperiode. Wieder gilt es, für die Opfer eines Weltkrieges und seiner Folgen zu sorgen. Wie 1930 im Reichstag, fordert sie auch 1953 im Bundestag eine ausreichende Versorgung der Eltern getöteter Soldaten. Ihre Rede zur Ergänzung des Bundesversorgungsgesetzes ist ihre erste und einzige, die sie im Plenum des Deutschen Bundestages hält. 

Nach Ende ihres Bundestagsmandats ist sie weiterhin bis zu ihrem Tod am 11. Juli 1955 als Marler Stadtverordnete aktiv. 

(he)

Der Text ist entnommen aus dem Buch „Der nächste Redner ist eine Dame“, herausgegeben vom Deutschen Bundestag, erschienen im Ch. Links Verlag, 2024.

Zum Weiterlesen:

Maria Ansorge, Wie’s damals war: eine alte Sozialistin erzählt, in: Gleichheit: das Blatt der arbeitenden Frau, Bonn, 18. Jgg., Nr. 9 (September 1955).

Regine Marquardt (1999), Das Ja zur Politik: Frauen im Deutschen Bundestag (1949-1961), Opladen 1999, S. 45-67.