19.09.2026 | Parlament

Rede bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des sowjetischen Speziallagers Fünfeichen

ca. 20 Menschen, sitzend, von hinten, vorne eine Rednerin, davor lauter Holzkreuze wie auf einem Friedhof

(© Team Zupke)

Wer nicht erinnert, der vergisst!

Diese Worte stammen nicht aus einer der Reden des Bundespräsidenten, des Kanzlers oder einer Ministerpräsidentin.

Nein, es sind die Worte von Eberhard Schmidt.

Eberhard Schmidt war zwischen 1946 und 1950 in gleich drei Speziallagern interniert. Verhaftet in Potsdam wegen vermeintlicher Spionage, führte ihn sein Weg vom Lager Ketschendorf hierher nach Fünfeichen. Und nach zwei Jahren Haft weiter in das Lager Buchenwald. 

Im Mai letzten Jahres war Eberhard Schmidt bei mir im Bundestag zu Gast. Gemeinsam mit engagierten Ehrenamtlichen wie Rita Lüdtke von der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen, der Brandenburger Landesbeauftragten Maria Nooke, Axel Drecoll als Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen und Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Angehörigen ehemaliger Lagerinsassen und Forscherinnen und Forschern sprachen wir darüber, wie wir heute mit der Zeit der sowjetischen Besatzung umgehen. Was tun wir für die wenigen noch lebenden Betroffenen und ihre Angehörigen? Wie sieht es aus mit der Forschung und wie mit der Vermittlung in unsere Gesellschaft?

Ganz zentral waren für uns die Fragen: Warum ist die Auseinandersetzung mit den Speziallagern, mit der SBZ auch heute noch wichtig? Und: Wie geht unsere Gesellschaft heute mit diesem Teil unserer Geschichte um?

Immer wieder begegne ich einem Schweigen, wenn ich über die Jahre nach dem Krieg spreche, über die SBZ, die Speziallager und die Menschen, die Leid erdulden mussten. Ein Schweigen, welches nicht unbedingt Desinteresse an den Schicksalen der Menschen ausdrückt, sondern vielmehr Unsicherheit. Ja, häufig auch Überforderung. 

„Waren das denn wirklich Opfer? Frau Zupke, lassen Sie sich als Opferbeauftragte nicht womöglich einspannen für Menschen, die zu Recht inhaftiert wurden?“ Diese Frage stellte mir eine junge Frau im vorletzten Jahr beim Tag der Deutschen Einheit in Schwerin. Sie bekam mit, wie ich an meinem Stand mit einem Mann darüber diskutierte, dass in den Speziallagern keinesfalls nur Täter des Nazi-Regimes inhaftiert waren, sondern eben auch Unschuldige. 

Ihre Frage aber, so sehr sie uns ärgert, führt uns zu einem ganz wichtigen Punkt. Ist es uns bis heute ausreichend gelungen zu vermitteln, was diese Zeit geprägt hat? 

Denn sind wir ehrlich, unser Blick auf die Vergangenheit ist doch meist geprägt vom Zweiten Weltkrieg, vom Nationalsozialismus, und schließlich von der DDR. 

Die Zwischenzeit – nach Ende des Weltkrieges und vor Gründung der DDR –, diese Zeit bleibt meist im Dunkeln. Doch diese Zeit, zwischen 1945 und 1949: Diese Zeit ist mehr als eine Art Nachbeben des Zweiten Weltkrieges. Diese Zeit zu verstehen, ist wichtig. 

Die Auseinandersetzung mit der SBZ kann wie ein Schlüssel sein. Ein Schlüssel zum Verständnis von Jahrzehnten der Diktatur im Osten Deutschlands. Die Einschüchterung einer ganzen Gesellschaft – die Angst als Kitt der Diktatur: Sie fand in dieser Zeit ihren Anfang. Gerade in der Auseinandersetzung mit dieser Zeit können wir einem noch immer weit verbreiteten Mythos entgegentreten. Nein, der Sozialismus im östlichen Teil Deutschlands war eben nicht der Versuch einer besseren, gerechteren Gesellschaft. Es war eben kein Gesellschaftsmodell, was gut begann und über die Jahre und Jahrzehnte auf die schiefe Bahn geriet. 

Auch nach 1989, als die Diktatur zusammenbrach, blieben viele ehemalige Häftlinge stumm. Zu weit weg war das Erlebte von der gesellschaftlichen Realität der 1990er-Jahre. Und: Oft fehlten den Betroffenen einfach auch die Worte. Zu groß war die Sorge, nicht verstanden zu werden. Zu groß war der Schmerz, sich an das Leid zu erinnern.

Nach den Jahrzehnten das Schweigen brechen. Diesen Schritt zu gehen, ist nicht einfach. Aber er ist wichtig. Umso dankbarer bin ich, dass über Jahrzehnte so viele ehemalige Häftlinge und ihre Familien ihre Geschichte mit uns teilen. 

Gedenkarbeit ist kein leichtes Unterfangen. Sie fordert Kraft, Ausdauer und den Mut, in die tiefsten Abgründe unserer regionalen Geschichte zu blicken. Für all das steht die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. 

Für diesen unermüdlichen Einsatz, seit nunmehr 35 Jahren, möchte ich Ihnen nicht nur als SED-Opferbeauftragte des Bundestages, sozusagen stellvertretend für das Parlament danken. Sondern auch ganz persönlich. Die Begegnungen hier in Neubrandenburg. Die Gespräche mit ehemaligen Lagerinsassen, mit Angehörigen und mit den Engagierten hier vor Ort bewegen mich ganz persönlich immer wieder. 

Manchmal wirkt Geschichte so abstrakt. Und es verschwinden regelrecht die menschlichen Schicksale hinter Zahlen und Daten. Sie aber geben hier in Neubrandenburg den Opfern ein Gesicht und eine Stimme. 

Die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen leistet seit Jahrzehnten Unschätzbares. Das ehemalige Speziallager Nr. 9 in Neubrandenburg war ein Ort unvorstellbaren Leids, an dem Zehntausende unschuldige Menschen festgehalten wurden und Tausende den Tod fanden. Sie haben dafür gesorgt, dass dieses Leid nicht im Dunkeln der Geschichte verschwindet. Sie haben den Toten ihre Würde zurückgegeben und den Überlebenden sowie ihren Angehörigen eine Stimme verliehen.

Ihr unermüdliches Engagement hält die Erinnerung an die Verbrechen des sowjetischen NKWD und die darauffolgenden Repressionen lebendig. Durch Ihre historische Aufarbeitung, Ihre Informationsarbeit und die Pflege dieses besonderen Gedenkortes schaffen Sie ein lebendiges Mahnmal gegen das Vergessen. 

Ein Gedenkort wie Fünfeichen ist jedoch mehr als das, was wir hier sehen. Er lebt durch die Menschen, die ihn mit Inhalten füllen, die Fragen der nachfolgenden Generationen beantworten und die Erinnerung im Alltag verankern. Durch ihre Arbeit ist aus einem Ort des Schmerzes ein Ort des Lernens und der Mahnung geworden.

Für diesen leidenschaftlichen, ehrenamtlichen Einsatz danke ich Ihnen von ganzem Herzen. 

Ich danke der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen und der unermüdlichen Rita Lüdtke. Ich danke auch all den jungen Menschen, die sich hier Jahr für Jahr engagieren:  Der THW-Jugend Neubrandenburg, 
die jedes Jahr dieses Gedenken so würdevoll begleitet. Den Schülerinnen und Schülern des Lessing-Gymnasiums Neubrandenburg, die mit ihren Rezitationen die Erinnerung wachhalten. Und ich danke dem Heeresmusikkorps Neubandenburg. Sie drücken aus: Unsere Bundeswehr engagiert sich in unserer Demokratie für die Erinnerung an die Opfer der Diktatur. 

Hier in Neubrandenburg lernen wir unsere Geschichte besser zu verstehen. Zugleich aber lernen wir auch für unsere Gegenwart und unsere Zukunft. 

Die Geschichte der SBZ und der Speziallager – die Geschichte der tausenden Opfer – mahnt uns, dass wir heute widersprechen: Dass wir widersprechen, wenn Parteien in unserem Land den Blick auf die dunklen Seiten unserer Geschichte tilgen wollen. Wenn sie unsere Geschichte umformen wollen zu einer reinen Heldenerzählung. 

Dass wir widersprechen, wenn Politikerinnen heute sagen: „Die DDR, das war doch kein Sozialismus. Das war doch der Versuch einer gerechteren Gesellschaft, der irgendwann vom richtigen Weg abgekommen ist.“ 

Und dass wir auch widersprechen, wenn Menschen keinen Anstoß daran nehmen, dass heute noch immer Straßen nach dem früheren DDR-Staatspräsidenten Wilhelm Pieck benannt sind. Wilhelm Pieck, der als Vorsitzender des Deutschen Volksrates die politische Gleichschaltung in der SBZ vorantrieb. Und schließlich als Staatspräsident der DDR Todesurteile gegen Andersdenkende unterzeichnete.

Dieser Ort, Fünfeichen, fordert uns mit seiner doppelten Geschichte heraus. Das Gedenken hier in Fünfeichen zeigt uns, dass wir Brücken bauen können. Die gelebte Erinnerungskultur hier in Neubrandenburg zeigt uns, dass die Erinnerung an die unvergleichlichen Verbrechen des Nationalsozialismus und die Würdigung der Opfer des Kommunismus doch nicht im Konflikt miteinander stehen. 

Nein, ganz im Gegenteil. Das, was verbindet, ist die Empathie für die Opfer. Die Empathie für all die Opfer. Im Wissen um die Unterschiedlichkeit der Hintergründe. 

Gerade in Zeiten, in denen totalitäre Tendenzen weltweit wieder zunehmen, ist Ihre Arbeit, die Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen, wichtiger denn je. Sie zeigen uns, wie kostbar und verletzlich Freiheit, Demokratie und unsere Rechtsstaatlichkeit sind.

Und so wundert es nicht, dass der ehemalige Lagerhäftling Eberhard Schmidt bei unserem Treffen seine Sorge um unsere heutige Demokratie zum Ausdruck brachte. Seine Sorge, dass unsere Gesellschaft vergisst.

Mitte Februar ist Eberhard Schmidt mit über 95 Jahren verstorben.

Die Erinnerung an das Unrecht der Speziallager. Die Erinnerung an Ketschendorf, an Buchenwald und auch an Fünfeichen, das können er – und viele weitere Zeitzeugen – nun nicht mehr selbst in unsere Gesellschaft tragen. 

Es liegt an uns! Der Opfer zu gedenken und zugleich im Wissen um unsere Geschichte unsere Demokratie zu schützen.

Vielen Dank!