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„Über der Stadt Hadamar stand über sechs Monate lang – gut sichtbar – die dunkle Rauchsäule des Krematoriums der Tötungsanstalt auf dem Mönchberg.“ Mit diesen Worten schloss Dr. Hartmut Traub seine Rede in der Gedenkstunde des Bundestages für die Opfer des Nationalsozialismus am Freitag, 27. Januar 2017. Der Studiendirektor am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Essen erinnerte an das Schicksal seines Onkels Benjamin Traub, der 1941 in der nordhessischen Stadt Hadamar im Rahmen des nationalsozialistischen „Euthanasie“-Programms ermordet worden war.

„Ein Beitrag zur Entstigmatisierung von Menschen“

Ein Jahr zuvor wurde Anna Lehnkering in der Tötungsanstalt Grafeneck bei Reutlingen ein Opfer der sogenannten „Aktion T4“, benannt nach der Planungszentrale der NS-„Euthanasie“ in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Anna Lehnkering war die Tante von Sigrid Falkenstein, die in ihrer Gedenkrede dazu aufrief, die „Euthanasie“-Opfer in das familiäre und kollektive Gedächtnis zu holen: „Es wäre zugleich ein Beitrag zur Entstigmatisierung von Menschen, die heute von Behinderung oder psychischer Erkrankung betroffen sind.“

Seit 1996 gedenkt der Bundestag jährlich am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Soldaten, der Opfer des Nationalsozialismus.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert erinnerte daran, dass vor fast genau 75 Jahren 15 hochrangige Vertreter des Nazi-Regimes in einer Berliner Villa zusammenkamen, um mit „unfassbarer Menschenverachtung den millionenfachen Mord an europäischen Juden möglichst effizient zu organisieren“. Die „Wannsee-Konferenz“ spiegele jene zynisch-technokratische Unmenschlichkeit und ideologisch verbrämte Barbarei vieler, die neben Juden auch andere Gruppen unschuldiger Menschen getroffen habe.

„Der Millionen Entrechteter, Gequälter und Ermordeter gedenken wir heute: der Sinti und Roma, der Millionen versklavter Slawen, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Homosexuellen, der politischen Gefangenen, der Christen, der Zeugen Jehovas, all derer, die wegen ihrer religiösen und politischen Überzeugungen von der nationalsozialistischen Ideologie zu Feinden erklärt, verfolgt und vernichtet wurden. Wir erinnern auch an diejenigen, die mutig Widerstand leisteten“, sagte der Bundestagspräsident. 

300.000 Opfer des „Euthanasie“-Programms

Besonders gedenke man in diesem Jahr der Kranken, Hilflosen und aus NS-Sicht „Lebensunwerten“, die im sogenannten „Euthanasie“-Programm ermordet wurden: 300.000 Menschen, die meisten zuvor zwangssterilisiert und auf andere Weise gequält. Der Begriff „Euthanasie“ („schöner Tod“) beschreibe verharmlosend die Tötung von als „nicht lebenswert“ eingestuften Menschen.

Nennenswerter Widerstand dagegen sei allein von Menschen ausgegangen, deren „Mitgefühl stärker war als ihre Berührungsangst gegenüber Menschen mit Behinderungen“. Es bleibe die quälende Frage, so Lammert, was hätte verhindert werden können, wenn mehr Menschen aufbegehrt und zu ihren eigenen ethischen Prinzipien gestanden hätten.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“

Selbstkritisch merkte Lammert an, dass der Bundestag erst 2007 das Zwangssterilisationsgesetz des NS-Regimes geächtet und sich nicht vor 2011 habe durchringen können, dem Gedenken an die NS-Krankenmorde mit dem erst 2014 eröffneten Gedenk- und Informationsort an der Tiergartenstraße 4 in Berlin einen angemessenen Rahmen zu verleihen.

Artikel 1 des Grundgesetzes („Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“) muss nach den Worten Lammerts „kompromisslose Richtschnur unseres Handelns sein und bleiben, ein kategorischer Imperativ, um nie wieder zuzulassen, dass Menschen ausgegrenzt, verfolgt und in ihrem Lebensrecht beschnitten werden“.

„Die Erinnerung wachhalten“

„Es ist an uns Nachgeborenen, die Erinnerung wachzuhalten, denn es gibt kein Verständnis von Gegenwart und Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit“, sagte Sigrid Falkenstein, die 2003 zufällig den Namen ihrer Tante Anna Lehnkering, Jahrgang 1915, auf einer Liste von Opfern der „Euthanasie“ im Internet fand. Die Berliner Lehrerin konfrontierte ihren Vater mit dieser Entdeckung und erfuhr: „Sie wurde irgendwann in den dreißiger Jahren in irgendeine Anstalt gebracht und ist irgendwo während des Krieges gestorben.“

Fassungslos über dieses scheinbare Vergessen habe sie sich auf Spurensuche gemacht und Annas Biografie aus dem bruchstückhaften Familiengedächtnis und vor allem mit Hilfe von Patientenakten und amtlichen Dokumenten rekonstruiert, berichtete Sigrid Falkenstein. Die Mitbegründerin des Runden Tisches zur Umgestaltung des Erinnerungsortes Tiergartenstraße 4 veröffentlichte 2012 unter Mitarbeit von Prof. Dr. Dr. Frank Schneider das Buch „Annas Spuren“.  

„Annas Todesurteil ein bürokratischer Akt“

Anna sei 1936 in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau am Niederrhein eingewiesen worden. „Die Einträge in der Patientenakte sind in einer menschenverachtenden Sprache verfasst. Man kann eigentlich nur zwischen den Zeilen lesen, wie sehr und wie verzweifelt sie gekämpft und gelitten hat“, sagte die Gedenkrednerin.

Annas Todesurteil nannte sie einen bürokratischen Akt: „Sie erfüllt die Selektionskriterien ihrer Mörder sozusagen perfekt: gilt als unheilbar, ist lästig – so steht es wörtlich in ihrer Akte – und vor allem leistet sie keine produktive Arbeit, ist also eine sogenannte nutzlose Esserin, als lebensunwert zur Vernichtung bestimmt.“

„Jahrzehntelang vom öffentlichen Gedenken ausgeschlossen“

Während die Opfer, die Überlebenden und ihre Familien in beiden deutschen Staaten weiterhin diskriminiert und stigmatisiert worden seien, hätten die meisten Täter in den meisten Fällen ihre Karrieren unbehelligt fortsetzen können. „Die gesellschaftliche, juristische und politische Aufarbeitung geschah äußerst stockend und völlig unzureichend. Die Opfer von ,Euthanasie' und Zwangssterilisation waren nicht nur jahrzehntelang vom öffentlichen Gedenken ausgeschlossen. Ihre Anerkennung als NS-Verfolgte und Gleichstellung mit anderen Verfolgtengruppen wird ihnen bis heute versagt“, betonte Falkenstein.

Inzwischen gebe es jedoch zahlreiche positive Anzeichen für eine Änderung der deutschen Erinnerungskultur. Auch in der Politik finde die Forderung nach Würdigung der „Euthanasie“-Opfer zunehmend Gehör. Anna Lehnkering und Benjamin Traub würden stellvertretend für die vielen namenlosen Opfer genannt. Damit werde ihnen etwas von ihrer Identität und Würde zurückgegeben: „Ein Akt später Gerechtigkeit – für die Opfer nur noch ein symbolischer Akt.“

10.113 Menschen in Hadamar mit Gas umgebracht

Benjamin Traub, Jahrgang 1914, war bereits 1931 mit der Diagnose Jugendschizophrenie in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau gekommen, wie sein Neffe Hartmut Traub berichtete. „Nach den Kriterien von ,T4‘ gehörte mein Onkel zum Kreis der Patienten, der für die Selektion und den Abtransport in eine Tötungsanstalt vorgesehen war. Traub schilderte die als „Ausflug“ getarnte einstündige Fahrt von der hessischen „Heilanstalt“ Weilmünster nach Hadamar am 13. März 1941. Nach einer Aufnahmeuntersuchung sollen die Patienten vor dem Ankleiden noch in die Dusche.

„,Pfleger‘ treiben die Gruppe über eine schmale, dunkle Treppe hinab in die ,Duschkabine‘ im Keller – eine etwa drei mal fünf Meter große, weißgeflieste Kammer. Benjamin steht nun mit 63 nackten Männern auf engstem Raum. Die Türe wird geschlossen.“ Der diensthabende Arzt Dr. Günther Hennecke habe das Ventil der außerhalb des Raums deponierten Gasflasche geöffnet, aus der zweckentfremdeten Wasserleitung strömte Kohlenmonoxid. Im Vernichtungskeller von Hadamar wurden nach den Worten Traubs von Januar bis August 1941 10.113 Männer, Frauen und Kinder mit Gas umgebracht und in den beiden Öfen des Krematoriums verbrannt.

„Die Menschen sterben wie die Fliegen“

Der Schauspieler und Synchronsprecher Sebastian Urbanski, der ein Buch über sein Leben mit dem Down-Syndrom verfasst hat, trug in der Gedenkstunde den „Opferbrief“ von Ernst Putzki vor. Der damals 41-jährige Putzki hatte ihn am 3. September 1943 aus der Anstalt Weilmünster an seine Mutter geschrieben. Putzki wurde am 9. Januar 1945 in Hadamar ermordet.

Er schrieb unter anderem: „Wir wurden nicht wegen der Flieger verlegt, sondern damit man uns in dieser wenig bevölkerten Gegend unauffällig verhungern lassen kann. Von den Warsteinern, die mit mir auf diese Siechenstation kamen, leben nur noch wenige. Die Menschen magern hier zum Skelett ab und sterben wie die Fliegen. Wöchentlich sterben rund 30 Personen.“

Musik von Norbert von Hannenheim

Die Musik zur Gedenkstunde kam von dem Komponisten Norbert von Hannenheim (1898 bis 1945), der 1944 nach einem schizophrenen Anfall in eine Berliner Heilanstalt eingewiesen worden war und im September 1945 in der Anstalt Meseritz-Obrawalde (heute Polen) starb.

Der Pianist Moritz Ernst spielte den zweiten Satz Adagio aus der Klaviersonate Nr. 3, der Hornist Felix Klieser die „Todeserfahrung“ mit einem Text von Rainer Maria Rilke. Am Klavier wurde Klieser von Moritz Ernst begleitet. (vom/27.01.2017)