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Texte

Stationen im Leben Richard von Weizsäckers

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(DBT/Melde)

Manchem Biografen mag es unwohl sein, wenn das Objekt seiner Biografie bei einer Autorenlesung in der ersten Reihe sitzt. Nicht so Dr. Hermann Rudolph, Publizist und zuletzt Herausgaber der Berliner Tageszeitung „Tagesspiegel“. Rudolph las am Dienstag, 20. April 2010, im vollbesetzten Lesesaal der Bibliothek des Deutschen Bundestages aus seinem Buch „Richard von Weizsäcker. Eine Biographie“. Der Altbundespräsident, der vor wenigen Tagen seinen 90. Geburtstag feierte, hörte den Schilderungen seines Lebens aus dem Munde Rudolphs aufmerksam zu.

Bundespräsident und Bundestagsvizepräsident

Richard von Weizsäcker war - von 1984 bis 1994 - nicht der einzige Bundespräsident, der zuvor - von 1969 bis 1981 - Bundestagsabgeordneter gewesen ist. Er war aber der einzige Bundespräsident, der auch - von 1979 bis 1981 - Vizepräsident des Deutschen Bundestages war, wie Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert hervorhob. 585 Einträge sind in der Bundestagsbibliothek zu „Richard von Weizsäcker“ registriert.

Hermann Rudolph, nach den Worten Lammerts einer der herausragendsten deutschen Publizisten, ist nur 19 Jahre jünger als der von ihm biografierte von Weizsäcker. Seit Jahren hat Rudolph den Lebensweg von Weizsäckers begleitet.

Drei Lebensabschnitte

Als Lesestücke aus seinem Buch wählte Rudolph drei Lebensabschnitte von Weizsäckers: dessen 15-jährige Karriere in der Wirtschaft ab 1950, sein Wirken als Bundestagsabgeordneter und deutschlandpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion in den Jahren der sozialliberalen Ostpolitik von 1970 bis 1972 und die Zeitenwende 1989/90, als der gerade wiedergewählte Bundespräsident im Vereinigungsprozess eigene Akzente setzte.

Richard von Weizsäcker, der als junger Soldat den Einmarsch in Polen mitgemacht hatte und nach dem Krieg als Hilfsverteidiger seinen von den Alliierten angeklagten Vater Ernst von Weizsäcker unterstützt hatte, war 1950 bei Mannesmann in Düsseldorf eingetreten. 1957 wurde er dort Leiter der wirtschaftspolitischen Abteilung. Der Weg der Bundesrepublik in die soziale Marktwirtschaft sei für seinen Lebensweg ein „wichtiges und formendes Element“ gewesen - das Fußfassen in Politik und Gesellschaft an Rhein und Ruhr, dem „stählernen Herz der Budnesrepublik“.

Den Marschallstab im Tornister

In den frühen Jahren Westdetuschlands sei Nordrhein-Westfalen der Mittelpunkt von Macht und Einfluss gewesen, in Bonn sei der politische Schwerpunkt des Landes entstanden, schrieb Rudolph - Aufbaujahre mit vorwärts- wie rückwärtsgewandten Tendenzen. Von Weizsäcker hätten damals besonders die christlichen Soziallehren gefesselt. In der CDU habe er zum liberalen Flügel gezählt, er sei zwischen „rot“ und „rosa“ eingeordnet worden.

Richard von Weizsäcker habe den Marschallstab im Tornister zu einer bedeutenden Karriere in der Wirtschaft gehabt, urteilte Rudolph. Doch er habe ihn nicht genutzt, denn von einem bestimmten Zeitpunkt an habe es für ihn geheißen: (evangelischer) Kirchentag und dann Politik.

Kampf um die Ostverträge

1969 als Bundestagsabgeordneter gleich in die Opposition gewählt, sei er im „Kampf um die Ostverträge“, den Warschauer und Moskauer Vertrag, deutschlandpolitischer Sprecher der Unionsfraktion gewesen. Die Opposition habe sich damals von der Regierung Brandt überrannt gefühlt. Von Weizsäcker habe eine aktive Ostpolitik befürwortet und mit den Zielen grundsätzlich übereingestimmt. Die Unionsfraktion sei gespalten gewesen. Weizsäcker sei der Linie Barzels gefolgt, der der Ostpolitik offen gegenübergestanden habe.

Er sei mit Brandts Ost- und Deutschlandpolitik hart ins Gericht gegangen, aber auch einer von drei Unionsabgeordneten gewesen, die gegen die „Operation Kanzlersturz“ durch das - gescheiterte - konstruktive Misstrauensvotum im April 1972 gewesen seien. Dennoch habe er die Mehrheitsentscheidung seiner Fraktion dafür mitgetragen.

„Verständigung mit ehemaligen Kriegsgegnern“

„Ich hielt das Misstrauensvotum gegen Brandt für falsch“, sagte von Weizsäcker im Anschluss an die Lesung auf eine Zuhörerfrage. Die Bundesregierung habe die Verträge unterschrieben, die ganze Welt habe sich darauf eingestellt: „Wir wären in eine hoffnungslose Isolation geraten“, wenn eine Regierung Barzel nach erfolgreichem Misstrauensvotum das Ganze zu einem „Aprilscherz“ erklärt hätte. Seine Motivation sei gewesen, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen und sich den östlichen Nachbarn anzunähern.

„Ich habe es als eine Aufgabe meiner Generation empfunden, mit den ehemaligen Kriegsgegnern im Osten, vor allem mit Polen, zu einer Verständigung zu kommen“, unterstrich der Altbundespräsident. Die Jahre 1970 bis 1972 seien das „Eindrucksvollste“ gewesen, was er als Bundestagsabgeordneter erlegt habe, sagte von Weizsäcker.

„Zusammenwachsen, nicht zusammenwuchern“

Zu den besten Kapiteln der deutschen Parlamentsgeschichte gehörten jedoch die sechs Monate der frei gewählten Volkskammer der DDR von April bis Anfang Oktober 1990, sagte von Weizsäcker. Rudolph hatte auf Äußerungen des damaligen Bundespräsidenten verwiesen, der unter Hinweis auf Willy Brandts Aussage vom „zusammenwachsen, was zusammengehört“ erwidert hatte, zusammenwachsen dürfe nicht zusammenwuchern bedeuten.

Weizsäcker sei in der Zeit nach dem Mauerfall das Wort Wiedervereinigung nicht über die Lippen gekommen, vielmehr habe er über die Lebensfähigkeit der DDR nachgedacht, so Buchautor Rudolph.

Beschleunigungszwang durch Gorbatschow

Richard von Weizsäcker sagte dazu, er habe jahrelang Kontakt zu den Menschen in der DDR gehabt. Diese hätten das Ziel verfolgt, mit ihren Kräften ihr eigenes Land, die eigene Umgebung voranzubringen und zu verändern. Die Maueröffnung, das Begrüßungsgeld, Ausbildungs- und Berufschancen im Westen hätten dazu geführt, dass viele die DDR verließen. Dadurch seien die dort Verbliebenen in eine schwierige Lage gekommen. „Den Menschen Achtung und Unterstützung zuteil werden zu lassen im Land, in dem sie geboren waren und bleiben wollten, war nicht leicht durchzusetzen“, erinnerte sich der Altbundespräsident.

Es habe aber einen Beschleunigungszwang gegeben, der nicht mit den innerdeutschen Wanderungsbewegungen zusammenhing. Die Zustimmung der Siegermächte, vor allem Gorbatschows für die noch existierende Sowjetunion, habe gewonnen werden müssen. „Gorbatschow stand immer mehr dem Zeitpunkt der Abberufung nah“, sagte von Weizsäcker rückblickend.

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