Direkt zum Hauptinhalt springen Direkt zum Hauptmenü springen

Dokumente

 

Bundestag erhebt sich zu Ehren des Alt­bun­des­kanz­lers Hel­mut Kohl

Prof. Dr. Norbert Lammert, Bundestagspräsident

Video herunterladen

Dialog schließen

Sehr geehrte Nutzerinnen und Nutzer, bitte bestätigen Sie vor dem Download des gewünschten Videos, dass Sie unseren Nutzungsbedingungen zustimmen. Ohne die Zustimmung ist der Dowload des Videoclips leider nicht möglich.

Video einbetten

Dialog schließen

Fügen Sie den nachfolgenden Code in Ihre HTML-Seite ein, um das Video gemäß den Nutzungsbedingungen des Deutschen Bundestages auf Ihrer Webseite zu verwenden.

<script id="tv7122001" type="text/javascript" src="https://webtv.bundestag.de/player/macros/bttv/hls/player.js?content=7122001&phi=default"></script>

„Helmut Kohl war ein Glücksfall für Deutschland und für Europa. Wir Deutschen können uns glücklich schätzen angesichts von Persönlichkeiten seines Formats“, sagte Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert am Donnerstag, 22. Juni 2017, zum Gedenken an den im Alter von 87 Jahren verstorbenen langjährigen Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl (CDU). „Dass wir seiner im Reichstagsgebäude in der Mitte Berlins, der Hauptstadt des vereinten Deutschlands, gedenken, wäre undenkbar, ohne die weltgeschichtlichen Veränderungen, die sich untrennbar mit seinem Namen verbinden“, sagte Lammert. 

„Verdanken Kohl die friedliche Einheit unseres Landes“

„Kein Haus“, zitierte Lammert aus einer Rede Kohls, „verkörpert mehr als der Reichstag die Geschichte der Deutschen und ihre Hoffnung, in einem freien Europa in Frieden zu leben.“ Helmut Kohl habe diese Hoffnung nie aufgegeben „und wir verdanken es wesentlich ihm, dass sie heute Realität ist: die friedliche Einheit unseres Landes in einem freien und befriedeten Europa“.

Als sich 1989 die von manchen längst abgeschriebene Chance ergab, habe Helmut Kohl die Initiative ergriffen: „Mit seinem am 28. November 1989 vor dem Bundestag im Bonner Wasserwerk verkündeten Zehn-Punkte-Programm gab er der Friedlichen Revolution in der DDR ihre ehrgeizige politische Richtung: hin zur deutschen Einheit; es war eine Sternstunde unserer Parlamentsgeschichte.“ 
Was folgte, sei die beispiellose Erfolgsgeschichte einer ebenso besonnenen wie zielgerichteten Diplomatie gewesen, ihr Ergebnis die deutsche Einheit im Staaten- und Werteverbund des Westens, im Einvernehmen „mit allen unseren Nachbarn“ und mit Unterstützung wichtiger Partner in der Welt. 

Große Anteilnahme in den Nachbarstaaten

Helmut Kohl habe gewusst, dass dieses große nationale Ziel nur über die Einigung Europas zu erringen war. Die Union der europäischen Staaten sei ihm aber nie allein ein Mittel, sondern immer ihr eigener Zweck gewesen: das große Friedensprojekt auf dem ehemals verfeindeten Kontinent. Die große Anteilnahme „in unseren Nachbarstaaten“ und die weltweiten Reaktionen auf seinen Tod unterstrichen die herausragende Leistung Kohls als Ehrenbürger Europas. 

Kohl habe ebenso wenig alleine die Deutsche Einheit ermöglicht wie Bismarck den deutschen Nationalstaat, aber beide fundamentale Veränderungen der deutschen Geschichte seien ohne deren beider Namen schwerlich vorstellbar.

Erfolge und Niederlagen

Lammert erinnerte neben den großen Erfolgen auch an die Niederlagen des ehemaligen Kanzlers: „Kohls Weg säumten nicht zuletzt Verletzungen, die er selbst erlitt und die er anderen zufügte.“ Manche Fehler habe Kohl selbst eingeräumt. Dass sein Abschied nach dem Verlust der Regierungsverantwortung aus der aktiven Politik durch Parteispenden erzwungen war, habe mit der bisweilen auch außergewöhnlich sturen Persönlichkeit Kohls zusammengehangen.

„Wir verneigen uns in Respekt und Dankbarkeit vor dem Lebenswerk Helmut Kohls, dem Kanzler der Einheit und dem Ehrenbürger Europas. Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen. Wir wünschen ihnen in ihrer Trauer Kraft und Trost.“

Kondolenzschreiben Lammerts

Bereits am Todestag hatte Norbert Lammert der Witwe Dr. Maike Kohl-Richter in einem Kondolenzschreiben sein herzliches Beileid persönlich und im Namen des ganzen Parlaments ausgesprochen. Darin heißt es:

„Mit Helmut Kohl trauern wir um eine Persönlichkeit von historischer Größe, einen deutschen Patrioten und den Ehrenbürger Europas. Tief verwurzelt in seiner politischen Familie, der Christlich Demokratischen Union, seiner Heimat stets eng verbunden, traditionsbewusst und zugleich mit großem Gestaltungswillen zur Modernisierung von Staat und Gesellschaft prägte Helmut Kohl über viele Jahrzehnte unser Land.

Für ihn, der um die identitätsstiftende Kraft der Geschichte wusste, stand außer Frage, dass die Geschicke der Deutschen immer auch die Europas sind. Er machte dies zur Richtschnur seines politischen Handelns und setzte für die europäische Einigung unverrückbare Maßstäbe. Seine außergewöhnliche Gabe, persönliche Freundschaften zu Staatschefs in aller Welt aufzubauen, schuf Vertrauen in die Verlässlichkeit deutscher Politik. Sie erst legte die Grundlage für den erfolgreichen Prozess zur Deutschen Einheit.

Als sich die von manchen längst abgeschriebene Chance ergab, ergriff Helmut Kohl mit dem sicheren Instinkt, der den großen Staatsmann auszeichnet, die Initiative und gestaltete als ,Kanzler der Einheit' die Wiedervereinigung unseres Landes.“

Weiter heißt es in dem Schreiben Lammerts: „Heute sind sich fast alle, auch frühere politische Widersacher, der historischen Bedeutung seines Wirkens bewusst. Helmut Kohl hat entscheidend zu den glücklichsten Zeiten beigetragen, die wir Deutschen je hatten. Wir werden ihm das nie vergessen. Sein Vermächtnis, ein weltweit geachtetes Deutschland in einem friedlich geeinten Europa, bleibt die Richtschnur unseres Handelns und ist Auftrag für alle künftigen Generationen.“

16 Jahre lang Bundeskanzler

Kein Bundeskanzler war länger im Amt als Helmut Kohl. Als seine 16-jährige Regierungszeit nach der Bundestagswahl 1998 endete, war dies auch das Ende einer Ära. Glanzvoller Höhepunkt: die Vollendung der Deutschen Einheit 1990. Den Tiefpunkt erreichte die Karriere des CDU-Politikers hingegen neun Jahre später mit dem Parteispendenskandal, der die von ihm ein Vierteljahrhundert lang geführte CDU in eine schwere Krise stürzte. Dies schmälert jedoch in keiner Weise die Verdienste des 1930 in Ludwigshafen geborenen Kohl insbesondere um die Überwindung der deutschen Teilung und die Schaffung der Europäischen Union. 

Helmut Kohl wurde als jüngstes von drei Kindern des Finanzbeamten Hans Kohl und seiner Frau Cäcilie am 3. April 1930 in Ludwigshafen geboren. Sein Elternhaus war katholisch geprägt. Kohl selbst beschrieb es zudem als „gleichzeitig liberal - und gemäßigt national“.

Kindheit im Zweiten Weltkrieg

Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 erlebte Kohl als 15-Jähriger in Berchtesgaden, wohin er im Rahmen der sogenannten Kinderlandverschickung zusammen mit Mitschülern gebracht worden war. Sein vier Jahre älterer Bruder Walter war wenige Monate zuvor gefallen. Nach Kriegsende nahm Kohl zunächst eine landwirtschaftliche Lehre auf, die er nach vier Monaten aber abbrach.

Er setzte seine schulische Laufbahn in Ludwigshafen fort und machte 1950 das Abitur. Kohl studierte danach zunächst in Frankfurt am Main, ab 1951 dann in Heidelberg. 1958 beendete er sein Geschichtsstudium mit den Nebenfächern Politische Wissenschaft, Staatsrecht und Öffentliches Recht mit einer Promotion über „Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945“.

Aufstieg in der Christlich Demokratischen Union

Bei der Auswahl des Themas lassen sich durchaus biografische Parallelen feststellen: Schon früh durch seinen Vater politisch geprägt, beteiligte sich Helmut Kohl bereits 1946 zusammen mit anderen an den Aktivitäten eines noch inoffiziellen Verbands der Jungen Union in Ludwigshafen und trat 1947 der CDU bei. Von da an kletterte er Stufe für Stufe auf der Karriereleiter der Partei empor: So rückte Kohl 1953 in den Vorstand der CDU Pfalz, 1955 dann in den Landesvorstand auf.

1959 wurde er Vorsitzender des Kreisverbandes Ludwigshafen, von 1960 bis 1970 war er zudem Mitglied im Stadtrat. Beruflich war Kohl in dieser Zeit erst als Hilfsassistent am Alfred-Weber-Institut der Universität Heidelberg beschäftigt, nach Abschluss seiner Promotion wechselte er als Direktionsassistent in eine Ludwigshafener Eisengießerei. Später wurde er Referent des Industrieverbandes Chemie in Ludwigshafen.

Abgeordneter und Ministerpräsident

Den endgültigen Wechsel in die Politik markierte schließlich Kohls Einzug als Abgeordneter in den Landtag von Rheinland-Pfalz 1959, dem er ohne Unterbrechung bis 1976 angehörte. Unaufhaltsam strebte er in Partei und Parlament nach oben – nicht selten war Kohl dabei der Jüngste: 1963, mit 33 Jahren, wurde er Fraktionschef, 1966 – mit 36 – avancierte er zum CDU-Landesvorsitzenden.

Ein Jahr später gehörte er bereits zum CDU-Bundesvorstand. 1969, im Alter von 39 Jahren, löste Helmut Kohl den bereits seit 1947 regierenden Peter Altmeier als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz ab. Gleichzeitig wählte die CDU Kohl zu ihrem stellvertretenden Parteivorsitzenden.

Wahl zum Bundeskanzler

Er galt längst als politischer Erbe Adenauers, dem zugetraut wurde, die CDU zu modernisieren. 1973 wurde Kohl Parteivorsitzender, 1976 Kanzlerkandidat. Zwar konnte er die Bundestagswahl im selben Jahr trotz des bis dahin für die Union zweitbesten Ergebnisses nicht gewinnen, wechselte aber als Oppositionsführer nach Bonn. In der Folgezeit war Kohl mit parteiinterner Kritik konfrontiert: Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl 1980 wurde der CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß.

Doch: Auch Strauß verlor gegen Schmidt. Als die Koalition von SPD und FDP 1982 zu bröckeln begann, war Kohls Stunde gekommen. Am 1. Oktober 1982 stellten die Fraktionen von CDU/CSU und FDP einen Antrag auf ein konstruktives Misstrauensvotum gegen Bundeskanzler Schmidt zur Wahl Helmut Kohls zum Bundeskanzler, dem die Mehrheit der Mitglieder des Bundestages zustimmte. Helmut Kohls 16-jährige Regierungszeit hatte begonnen.In die ersten Jahre seiner Kanzlerschaft fielen wirtschafts- und sozialpolitische Neuerungen wie die Rentenreform, Steuerentlastungen und die Senkung der Staatsquote.

Politischer Höhepunkt: Die Wiedervereinigung

Die Wahlen von 1983 und 1987 bestätigten die Koalition von Union und FDP. Zwar hatte Kohl auch mit Skandalen zu kämpfen die die Kritik an seiner Person und Amtsführung – auch parteiintern – anheizten. Helmut Kohl aber, kluger Taktiker und „Meister des telefonischen Netzwerks, der Patronage und des Aufbaus persönlicher Loyalitäten“, wie die „Die Welt“ ihn später in einem Porträt beschrieb, überstand die Krise.

Der Mauerfall am 9. November 1989 änderte die Situation endgültig: Kohl erkannte die historische Chance, die sich zur Überwindung der deutschen und europäischen Teilung bot. Mit dem „Zehn-Punkte-Programm“, das er am 28. November 1989 dem Deutschen Bundestag vorlegte, übernahm er die deutschlandpolitische Initiative, bewies dabei gleichzeitig Besonnenheit und Entschlossenheit. Einen Meilenstein auf dem Weg zur Einheit war auch Kohls am 19. Dezember 1989 in Dresden gehaltene Rede vor mehr als 100.000 jubelnden Menschen.

Der Kanzler erwarb sich in dieser Zeit nicht nur große Popularität in Ost und West, er errang auch Autorität bei den Verhandlungen mit den früheren Siegermächten. Hier nutzten ihm erneut seine guten persönlichen Kontakte zu allen beteiligten Staatschefs. Dass er von ihnen letztlich die Zustimmung zur Deutschen Einheit erhielt, beruhte hauptsächlich  auf dem Vertrauen, das Kohl sich bei Michail Gorbatschow, George Bush, François Mitterrand und anderen Partnern erworben hatte. Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 markierte den Höhepunkt seiner Kanzlerschaft.

„Ehrenbürger Europas“

In den folgenden Jahren standen die Auseinandersetzungen über den Aufbau Ost im Zentrum der Innenpolitik. Gleichzeitig trieb Kohl zusammen mit dem französischen Staatspräsidenten Mitterrand die Europäische Einigung voran. Der „Vertrag von Maastricht“ (1992) und die Entscheidung zur Einführung einer gemeinsamen Währung in der Europäischen Union waren Meilensteine der Europäischen Integration. Für den überzeugten Europäer Helmut Kohl ein großer politischer Erfolg. 1998 trat Kohl schließlich zu seiner letzten Bundestagswahl an, war aber Gerhard Schröder (SPD) unterlegen.

Als er das Amt an seinen Nachfolger abgab, war sich die deutsche wie die internationale Öffentlichkeit in dem Urteil einig, dass damit auch eine Ära ausklang. Die besondere Achtung, die ihm auch aus dem Ausland entgegen gebracht wurde, zeigte sich beim Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs im September 1998: Es wurde beschlossen, Kohl zum „Ehrenbürger Europas“ zu ernennen – eine Auszeichnung, die zuvor nur Jean Monnet, einem der Gründerväter der Europäischen Gemeinschaft, zuteil geworden war.

Auch für das besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Israel, das Kohl zu einer der zentralen Maxime seiner Außenpolitik erhob, wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen, wie dem Leo-Baeck-Preis (1997) gewürdigt. 1995 wurde das 1991 gegründete Institut für hebräische Studien an der Jerusalemer Hebräischen Universität auf Kohls Namen umgetauft.

Überschattetes Finale

Kohl blieb nach dem Ende seiner Kanzlerschaft noch eine Legislaturperiode Mitglied im Deutschen Bundestag, dem er insgesamt 26 Jahre angehörte. Überschattet wurde diese letzte Etappe seiner Karriere allerdings von der CDU-Parteispendenaffäre, die, 1999 aufgedeckt, die Partei in eine schwere Krise stürzte. Kohl räumte ein, von schwarzen Kassen gewusst und sogar Spenden in Höhe von 1,5 bis zwei Millionen DM entgegengenommen zu haben, ohne diese offiziell zu melden.

Weil er sich aber hartnäckig weigerte, die Namen der Spender offenzulegen, geriet Kohl in Distanz zur neuen CDU-Parteiführung um Angela Merkel, die um Aufklärung bemüht war. Ein gegen ihn eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde 2001 gegen Zahlung einer Geldbuße von 300.000 DM eingestellt.

Zahlreiche Auszeichnungen

Kohl zog sich in den folgenden Jahren zunehmend aus dem Licht der Öffentlichkeit zurück. Einer seiner letzten großen Auftritte war ein Festakt anlässlich des 20-jährigen Jubiläums des Mauerfalls in Berlin, veranstaltet von der Konrad-Adenauer-Stiftung, bei dem Helmut Kohl, George Bush und Michail Gorbatschow für ihre Verdienste um die Deutsche Einheit geehrt wurden. Es war aber nur eine von zahlreichen nationalen und internationalen Auszeichnungen, die Kohl im Laufe seines Lebens erhalten hat – darunter etwa das Große Bundesverdienstkreuz (1970), der Internationale Karlspreis (1988, zusammen mit François Mitterrand), das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland mit Lorbeerkranz (1998), die Goldene Medaille der Stiftung Jean Monnet für Europa (2006) und den Preis der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung (2009). Kohl erhielt mehr als zwanzig Ehrendoktorwürden und wurde Ehrenbürger unter anderem von Berlin und London.

Kohl war seit 1960 mit der Diplomdolmetscherin Hannelore, geborene Renner, verheiratet. Aus dieser Ehe stammen auch seine beiden Söhne Walter und Peter. Sieben Jahre nach dem Freitod seiner Frau im Jahr 2001 heiratete Kohl ein zweites Mal: die Volkswirtin Maike Richter. Wohnsitz blieb bis zu seinem Tod Oggersheim, ein Stadtteil seiner Heimatstadt Ludwigshafen. (sas/eis/22.06.2017)