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Presse

14. November 2014

Mediziner Radbruch fordert Ausbau der Palliativversorgung
Interview mit der Zeitung „Das Parlament“ 

Vorabmeldung zu einem Interview in der nächsten Ausgabe der Wochenzeitung
„Das Parlament“ (Erscheinungstag: 17. November 2014)
– bei Nennung der Quelle frei zur sofortigen Veröffentlichung –

Der Palliativmediziner Lukas Radbruch hat einen Ausbau der palliativen Versorgung in Deutschland verlangt. Im Interview mit der Wochenzeitung ,,Das Parlament" sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin, diese sei sehr gut dazu geeignet, das Leid todkranker Menschen zu lindern. Dieses Leid sei eines der Hauptargumente in der aktuellen Debatte über die Sterbehilfe. ,,Menschen fragen nach Sterbehilfe, weil sie keine ausreichende Palliativversorgung bekommen und unter Schmerzen leiden."

Radbruch, der auch Leiter des Lehrstuhls für Palliativmedizin der Uniklinik Bonn und Leiter des Zentrums für Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus Bonn/Rhein-Sieg ist, schlägt vor, einen Palliativbeauftragten in jedem Krankenhaus und jeder Pflegeeinrichtung zu etablieren. Dadurch könne relativ schnell flächendeckend und günstig eine Qualitätsverbesserung erreicht werden. Zudem müsse die Vernetzung zwischen Pflegeeinrichtungen und Hospizdiensten verbessert werden.

Gleichzeitig sprach er sich gegen den Einsatz von Ärzten bei der Sterbehilfe aus, wie er in der politischen Debatte auch gefordert wird. ,,Ärzte sind Helfer zum Leben und nicht zum Sterben." Er lehne eine Ausweitung der ärztlichen Befugnisse ab. ,,Die Regelung der Bundesärztekammer sagt ganz klar: Beihilfe zum Suizid ist nicht Aufgabe des Arztes. Wir finden diese Regelung gut." Seiner Meinung nach soll das auch weiterhin nur über Standesrecht geregelt werden.

Ebenso sprach sich Radbruch für ein Verbot der organisierten Sterbehilfe aus. Diese solle strafrechtlich untersagt werden. ,,Wir wollen in Deutschland keine Zustände wie in Oregon oder der Schweiz." Dort ist die organisierte Sterbehilfe durch Vereine erlaubt.

Das Interview im Wortlaut:

Herr Radbruch, es heißt, der Tod ist der einzige Betrieb, der ständig neue Leute einstellt. Was sagen Sie als Palliativmediziner zu diesem Satz?
Ein Kollege sagt immer, das Interessante an der Palliativmedizin sei: Egal wie die Fortschritte in der Krebsbehandlung sind, gestorben wird immer. Aber immer später. Die Menschen in Deutschland werden immer älter, was dazu führt, dass mehr Menschen chronisch krank werden und mehr Jahre mit einer schweren Krankheit am Lebensende verbringen. Als Palliativmediziner setze ich hier an und versuche nicht die Lebenszeit der Menschen zu verlängern, sondern ihre Lebensqualität zu verbessern.

Viele Menschen haben aber Angst vor schweren Krankheiten am Lebensende. Manche begehen deshalb Suizid. Wie geht die Palliativmedizin mit dem Thema um?
Es gibt zwei klassische Berührungspunkte zwischen Sterbehilfe und Palliativmedizin: Beide Themen wurden immer als Gegensatz gesehen, obwohl sie das nicht unbedingt sind. Menschen fragen nach Sterbehilfe, weil sie keine ausreichende Palliativversorgung bekommen und unter Schmerzen leiden. Palliative Medizin kann etwas gegen die Schmerzen machen. Auch in der jetzigen Debatte um die Sterbehilfe laufen viele Argumente in diese Richtung. Nämlich, dass wir nicht über assistierten Suizid sprechen sollten, bevor es nicht einen angemessenen Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung in Deutschland gibt.

Die zweite Verbindung ist die, dass es selbst trotz einer optimalen palliativen Versorgung Patienten geben kann, die den Wunsch äußern, sterben zu wollen. Allerdings sind wir grundsätzlich der Meinung, dass die Hilfe zum Suizid oder die Tötung auf Verlangen in der Palliativversorgung nichts zu suchen haben.

Wie reagieren Sie dann auf solche Äußerungen?
Der erste und wichtigste Punkt ist, dass man diesen Wunsch wahrnimmt, respektiert und als Gesprächsangebot aufnimmt. Dann muss ich mehr über die Gründe und die Motivation hinter dem Wunsch erfahren. Es gibt den Spruch: „Wer sagt, er will nicht mehr leben, sagt, er will so nicht mehr leben.“ Man muss herausfinden, was das „so“ bedeutet.

Welche Gründe bewegen die Menschen, sich den Tod zu wünschen?
Meiner Erfahrung nach gibt es drei Hauptgründe: Zwar sind es fast nie unerträgliche Schmerzen oder andere körperliche Symptome, unter denen die Menschen jetzt leiden, aber oft die Angst vor den Schmerzen und dem Leid, das mit dem Fortschreiten der Krankheit noch kommen könnte. Zweitens ist es die Furcht vor Kontrollverlust und der Abhängigkeit von anderen. Und drittens gibt es altruistische Gründe, Menschen, die ihren Angehörigen nicht zur Last fallen wollen.

Wenn wir herausgefunden haben, warum die Menschen diesen Wunsch äußern, dann können wir ihnen auch Möglichkeiten aufzeigen, ihr Leid zu lindern. Beispielsweise indem man Patienten über die Möglichkeiten der Schmerzbehandlung und Symptomkontrolle informiert.

Aber es kommt vor, dass Menschen bei ihrer Aussage bleiben?
Ja, das kommt vor, und das muss ich auch respektieren. Dann sage ich aber, dass wir das nicht können. Aber wir können alles absetzen, was das Leben verlängert. Es ist rechtlich und ethisch vollkommen möglich, jede Therapie zu beenden, die der Patient nicht mehr will. Wenn ich den Patienten dann aber alle Möglichkeiten aufzeige, die wir haben, beispielsweise eine Infusion beenden, dann zögern viele und entscheiden sich doch dagegen. Die Dinge sind nun einmal nicht so schwarz und weiß, wie sie oft erscheinen.

Hinzu kommt, dass Patienten morgens anders reden als am Abend. Es gibt nicht den Fall, dass jemand ganz abgeklärt und nach langem Überlegen den Entschluss fasst und konsequent umsetzt, wie es bei Brittany Maynard den Anschein hatte.

Die Amerikanerin Maynard litt an tödlichem Krebs und nahm sich am 1. November medienwirksam das Leben. Ihr Wohnort, der US-Bundesstaat Oregon, erlaubt die organisierte Sterbehilfe. Ein Vorbild für Deutschland?
Nein, wir wollen in Deutschland keine Zustände wie in Oregon oder der Schweiz. Organisierte Sterbehilfe sollte strafrechtlich untersagt werden. Und zwar weil wir sehen, dass dort, wo es solche Regelungen gibt, ethische Probleme sehr unzureichend behandelt werden. Dass zum Beispiel Druck auf die Patienten ausgeübt wird, dass nicht klar ist, ob die Patienten eine Depression haben, die nicht behandelt wird, und dass eine Erwartungshaltung aufgebaut wird, den Suizid auch durchzuführen. Die feinen Zwischentöne werden nicht gehört, die wir in der täglichen Arbeit mitbekommen.

Hauptstreitpunkt in der aktuellen Debatte in Deutschland ist die Frage, inwieweit Angehörige und insbesondere Ärzte, die bei der Selbsttötung assistieren, weiterhin straffrei bleiben sollen. Die Bundesärztekammer hat die Beihilfe zum Suizid in ihrem Standesrecht verboten, manche Landesärztekammern jedoch nicht. Sollte das geändert werden?
Die Bundesärztekammer sagt ganz klar: Beihilfe zum Suizid ist nicht Aufgabe des Arztes. Wir finden diese Regelung gut. Unserer Meinung nach sollte das auch weiterhin nur über Standesrecht geregelt werden. Eine Ausweitung der ärztlichen Befugnisse lehnen wir ab, denn Ärzte sind Helfer zum Leben und nicht zum Sterben.

Das Perfide an der aktuellen Situation ist, dass zwar immer gesagt wird, jeder solle für sich entscheiden, ob er sein Leben beenden will oder nicht. Gleichzeitig aber soll ein Arzt hinzugezogen werden, der von außen bewertet, ob die Meinung des Patienten gerechtfertigt ist. Der Arzt agiert sozusagen als externer Gutachter. Das widerspricht doch dem Gedanken, dass jeder Einzelne selbst entscheiden soll, ob er einen weiteren Sinn im Leben sieht.

Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat vergangene Woche verkündet, neben dem Verbot der Sterbehilfevereine die Hospiz- und Palliativversorgung sterbenskranker Patienten ausbauen zu wollen. Das dürfte bei Ihnen doch auf Zustimmung stoßen?
Herr Gröhe hat da eine gute Vorlage geliefert, bei der wir als Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin ausnahmslos allen dort genannten Maßnahmen zustimmen. So hat er unter anderem die schlechte Versorgung mit Palliativmedizin im ländlichen Bereich und in Pflegeeinrichtungen ausdrücklich thematisiert. Wir wünschen uns eine bessere Vernetzung zwischen Pflegeeinrichtungen und Hospizdiensten. Schon jetzt können ehrenamtliche ambulante Hospizdienste in die Pflegeheime gehen, das wird auch von den Krankenkassen bezahlt, aber nicht häufig genutzt.

Sie fordern die Etablierung eines Palliativbeauftragten in jedem Krankenhaus und in jeder Pflegeeinrichtung. Das klingt teuer.
Nicht unbedingt. Wir glauben, mit dieser Idee relativ schnell flächendeckend und günstig eine Qualitätsverbesserung einführen zu können. Diese Person müsste nicht vor Ort alle Patienten alleine versorgen, sondern könnte im regionalen Netzwerk der Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen die nötige Unterstützung heranziehen. Es gibt Untersuchungen aus Kanada, die zeigen, dass die flächendeckende Einführung einer Palliativversorgung zum Teil auch Kosten eingespart hat.