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Experten: Betreuung minderjähriger Flüchtlinge gewährleisten

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Die Rechte von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen waren Gegenstand des Expertengesprächs.

© dpa

Die Rechte junger Menschen weiter stärken, einen unbürokratischen Familiennachzug gewährleisten und erfolgreiche Konzepte im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen weiter festigen – dies waren einige Anregungen der Experten in der 53. Sitzung der Kinderkommission am Mittwoch, 18. Januar 2017. Unter dem Vorsitz von Katja Dörner (Bündnis 90/Die Grünen), in Vertretung für Beate Walter-Rosenheimer, berichteten die Sachverständigen zu „Kinderrechten für unbegleitet minderjährige Flüchtlinge“.

„Jugendliche begleiten“

„Die Einschätzung der Behörden zur Flüchtlingssituation ist in den Bundesländern sehr unterschiedlich“, sagte Prof. Dr. Jens Pothmann, Mitarbeiter der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik der TU Dortmund. Die aktuellen statistischen Fallzahlen, unter anderem aus Asylstatistiken und einer Abfrage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, könnten daher nur einen Überblick über die Situation der minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge (umF) geben.

Die Auswertungen zeigen, dass die Zahlen der umF in Deutschland seit 2011 stetig zugenommen haben; einen Höchststand erreichten sie im Februar 2016 mit knapp 60.000. Ein Großteil der Flüchtlinge sei männlich und nahe der Volljährigkeit, also zwischen 16 und 17 Jahren alt, so der Experte. „Besonders die Familienverhältnisse sind oft ungeklärt“ – was zu Problemen beim Familiennachzug führe.

Ergebnisse der Flucht seien häufig physische und psychische Probleme, da viele Kinder und Jugendliche aus Kriegszuständen oder Verfolgung fliehen müssten. Der Bedarf an Bildung, Betreuung und Integration sei daher hoch, sagte Pothmann. Er forderte vor allem die Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung sowie eine fließenderen Übergang zwischen Schule und Beruf. „Es geht nicht darum, das Ankommen zu organisieren, sondern die Jugendlichen zu begleiten.“

„Die Krise von 2015 ist überstanden“

Manfred Krusch, Fachbereichsleiter Kinder, Jugend und Familie des Jugendamtes der Stadt Mannheim, berichtete aus der Praxis einer Stadt mit bedarfsorientierten Erstaufnahmeeinrichtungen. „Die Krise von 2015 haben wir bewältigt. Bei vielem lief es holprig, aber es ging“, sagte Krusch. 2015 seien zeitweilig bis zu 16 000 Flüchtlingen in Mannheim versorgt worden, seit 2016 sei die Zahl aber rückläufig.

In der Arbeit mit Flüchtlingen stehe man jedoch immer wieder vor ungeahnten Herausforderungen: „Viele der Kinder und Jugendlichen sind traumatisiert. Und eine Therapie mit Dolmetscher ist schwer“, so Krusch. Oft werde vor allem die Selbstständigkeit der jungen Erwachsenen unterschätzt, die sie vermeintlicherweise durch die Flucht entwickelt hätten. „Viele brauchen Betreuung über das 18 Lebensjahr hinaus."

„Geringere Betreuung nicht wünschenswert“

Diese Ansicht teilt auch Tobias Klaus vom Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Solche Annahmen würden oft dazu führen, den Bedarf an Unterstützung für die Minderjährigen zu unterschätzen, so Klaus. Die 2016 viel diskutierte Novelle des Kinder- und Jugendhilferechts (SGB VIII), die unter anderem eine geringere Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen vorsehen könnte, sei daher nicht wünschenswert.

„Wir sollten kein Einfallstor von Ungleichheiten durch die Absenkung der Leistungen schaffen“, sagte der Experte. Vielmehr forderte er eine Überführung der bisher erfolgreichen Maßnahmen in feste Strukturen durch die Jugendämter. Zudem müssten das Verteilungssystem der Kinder- und Jugendhilfe und das Asylgesetz zusammen gedacht und die Zusammenführung von Familien vereinfacht werden. (lau/19.01.2017)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Prof. Dr. Jens Pothmann, Mitarbeiter der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik, TU Dortmund
  • Manfred Krusch, Fachbereichsleiter Kinder, Jugend und Familie des Jugendamtes, Stadt Mannheim
  • Tobias Klaus, Bundesfachverband unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (BumF)