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Schnellredner und Dialekt­spre­cher: Ste­no­gra­fen und ihre Heraus­for­de­run­gen

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„Liebe Kolleginnen und Kollegen, als Präsident des Bundestages habe ich eine gewisse Fürsorgepflicht gegenüber den Stenografen“, sagte Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble am Donnerstag, 14. Juni 2018, während einer Debatte über Freihandelsabkommen. Kurz zuvor hatte er die Kölner Abgeordnete Katharina Dröge von den Grünen daran erinnert, dass ihre Redezeit „in absehbarer Zeit“ abläuft. Diese Ankündigung veranlasste die 33-Jährige zu einem atemberaubenden, von ihrer eigenen Fraktion begeistert beklatschten Endspurt, der den protokollierenden Stenografen einiges abverlangte.

Doch nicht nur Spitzenleistungen bei der Redegeschwindigkeit zählen zu den Herausforderungen der insgesamt 33 Stenografinnen und Stenografen im Bundestag. Auch alle in Deutschland anzutreffenden Dialektfärbungen müssen korrekt erfasst und auf Hochdeutsch verschriftlicht werden. Eine besondere Herausforderung sind Debatten zum Thema „Minderheitensprachen in Deutschland“. So geschehen am 2. Juni 2017, als die damalige sächsische CDU-Abgeordnete Maria Michalk ihre Rede in sorbischer Sprache hielt und der Grüne Cem Özdemir das Idiom der Schwäbischen Alb zu Gehör brachte.

Plattdüütsch von Johann Saathoff

Ein Abgeordneter hat einen gewissen Bekanntheitsgrad dadurch erlangt, dass er auch mal bei anderen Debatten vom Hochdeutschen ins heimatliche „Plattdüütsch“ wechselt: Johann Saathoff (SPD), ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Krummhörn in Ostfriesland, überraschte nicht nur den Bundestagspräsidenten, als er am 2. März 2018 in einer Debatte über Deutsch als Landessprache sagte: „Meine Muttersprache ist Plattdeutsch. Un as ik domaals Börgmester west bün in mien egen Gemeent, was ik domaals – wie jetzt – daarvan overtüügt west, dat dat beter is, wenn man mit de Lüü, de direkt mit een to doon hebben, ok in Plattdüütsch proten kann.“  

Dem Beifall tat der Sprachwechsel keinen Abbruch. Laut Protokoll applaudierte selbst der bayerische AfD-Abgeordnete Hansjörg Müller den plattdeutschen Worten Saathoffs. Bundestagspräsident Schäuble konnte sich dennoch die Bemerkung nicht verkneifen, der Abgeordnete möge doch bitte darauf achten, „dass wir alle verstehen können, was Sie sagen“, was der Duisburger Mahmut Özdemir (SPD) mit dem Zwischenruf quittierte: „Wir verstehen den Kollegen immer!“

Protokoll liegt am nächsten Werktag vor

Verstehen müssen es auch die Stenografinnen und Stenografen. In sogenannter Redeschrift nehmen sie durch ein System von Abkürzungen alle Vorgänge auf – dabei schreiben sie fünf bis acht Mal schneller als mit ihrer normalen Handschrift. Von Reden über Zwischenrufe bis zu Applaus oder Widerspruch erfassen sie so alle Geschehnisse im Plenarsaal. Dabei hat der Bundestag einen der schnellsten Protokollierungsdienste der Welt – schon am nächsten Werktag liegt das Protokoll einer Plenardebatte vollständig vor.

„Immer wieder wird gefragt, warum wir überhaupt noch Stenografen benötigen“, sagt Dr. Bärbel Heising, stellvertretende Leiterin des Stenografischen Dienstes und Leiterin des Arbeitsbereiches „Gewinnung und Ausbildung von Stenografen“. „Die Videoaufzeichnung kann vielleicht wiedergeben, dass es Zwischenrufe gab, aber wer genau gerufen oder gelacht hat, kann man nicht immer sehen.“ Darüber hinaus schreibt die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages vor, dass jede Sitzung des Parlaments protokollarisch festgehalten werden soll.

Ablösung alle fünf Minuten

An einem Sitzungstag sind 16 Stenografinnen und Stenografen im Einsatz. Alle fünf Minuten wird ein Stenograf von einem Kollegen oder einer Kollegin abgelöst. Nach ihrer Zeit im Plenarsaal übertragen sie das sogenannte Stenogramm mit der Unterstützung einer Schreibkraft in einem Text in Langschrift. Unklare Inhalte oder Worte können dabei recherchiert und nachgetragen werden. „Man muss sich inhaltlich immer vorbereiten und wissen, was gerade aktuell debattiert wird“, sagt Bärbel Heising.

Eine Datenbank mit allen Abgeordneten ermöglicht außerdem nachzuprüfen, wer welchen Zwischenruf getätigt hat. Sie und ihre Kollegen würden versuchen, alle Abgeordneten weitestgehend auswendig zu lernen, so Heising. Bei 709 Mitgliedern des Parlaments keine leichte Aufgabe: „Zu Beginn der Wahlperiode machen wir oft ein Quiz, um zu prüfen, wer die meisten Abgeordneten kennt.“

In einem zweiten Schritt überprüfen acht Revisoren, die das Geschehen im Plenarsaal für jeweils 30 Minuten festgehalten haben, das Protokoll. Sie achten dabei auf Vollständigkeit, Richtigkeit und Einheitlichkeit, damit ein Protokoll „aus einem Guss“ entsteht.

Zwei Stunden Zeit für Korrekturen

Zwei Stunden bleiben jedem Redner nach seinem Vortrag im Parlament, um Korrekturen am Protokoll vorzunehmen. Schon am gleichen Tag kann jedes Parlamentsmitglied und jeder Bürger die protokollierten Debattenpunkte des Vormittags auf der Internetseite nachlesen. Am nächsten Tag liegt das komplette Plenarprotokoll vor.

„Durch die maschinelle Spracherfassung und andere technische Neuerungen wird sich in den kommenden Jahren einiges verändern“, sagt Dr. Wolfgang Behm, Leiter des Stenografischen Dienstes der Bundestagsverwaltung. Trotzdem werde es in absehbarer Zeit keine technischen Neuerungen geben, die die Arbeit der Stenografen ersetzen könnten, resümiert Bärbel Heising. (vom/lau/30.07.2018)

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