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Experten berichten über Probleme der inter­natio­nalen Freiwilligen­dienste

Abbildung eines Schulmädchens mit ihrer Lehrerin

Die Situation der internationalen Freiwilligendienste war Thema im Unterausschuss „Bürgerschaftliches Engagement“.

© picture-alliance/BSIP

Ob im Umweltschutz, auf sozialem oder kulturellem Gebiet: Über 7.000 junge Leute aus Deutschland engagieren sich nach jüngsten Erhebungen aus dem Jahr 2017 ehrenamtlich in internationalen Freiwilligendiensten – vermittelt und gefördert durch mehrere Trägerorganisationen. Knapp 3.000 Freiwillige wiederum kamen aus dem Ausland nach Deutschland. Oft kurz nach dem Schulabschluss wollen Jugendliche in gemeinnützigen Einrichtungen mithelfen und dort erste praktische und interkulturelle Erfahrungen sammeln.

Über die aktuelle Situation der internationalen Freiwilligendienste informierte sich der Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement in einem öffentlichen Fachgespräch mit Vertretern von Trägerorganisationen am Mittwoch, 17. Oktober 2018, unter dem Vorsitz von Katrin Werner (Die Linke).

Gildemeister: Angebote sind zu wenig bekannt

Jan Gildemeister, Geschäftsführer Aktionsgemeinschaft Dienste für den Frieden/Konferenz evangelischer Freiwilligendienste, gab einen Überblick über die Bandbreite der etwa 250 Träger sowie die Förderprogramme. Zu schaffen machen den Dienststellen und Freiwilligen laut Gildemeister demnach nicht nur finanzielle Engpässe, sondern auch Informationsdefizite: So seien Möglichkeiten, ein Jahr im Ausland zu verbringen, sowie die passenden Angebote dazu, bei jungen Menschen noch viel zu wenig bekannt.

Dabei liege der gesellschaftliche Nutzen der Freiwilligendienste auf der Hand: Sowohl die Jugendlichen profitierten, indem sie interkulturelle Kompetenzen sammelten und Verantwortung übernehmen, als auch die Gesellschaft, in die sie als reifere und mündigere Bürger zurückkehrten. Die kommunikative Herausforderung besteht laut Gildemeister nicht nur in einer besseren Werbung für die Freiwilligendienste, sondern auch in der Behauptung gegenüber kommerziellen „work and travel“-Angeboten, die zu stark auf Freizeitaktivitäten ausgerichtet seien. Da müsse man die Unterschiede stärker herausarbeiten.

Kerime: Die Finanzen müssen stimmen

Eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit, um bei Jugendlichen die Angebote des internationalen Freiwilligendienstes bekannter zu machen, forderte auch Barbara Kerime, Leiterin fid-Service und Beratungsstelle für internationale Freiwilligendienste in der Arbeistgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH). „Wir müssen die Zugangsmöglichkeiten weit öffnen“, sagte Kerime. Die Freiwilligendienstleistenden müssten einen gesellschaftlichen Querschnitt der jungen Menschen in Deutschland widerspiegeln.

Kerime gab außerdem zu bedenken, ob der momentan vorgesehene Zeitraum von zwölf Monaten nicht für viele junge Leute einen zu weiten zeitlichen Rahmen darstelle, und wünschte sich die Möglichkeit, auch kürzere Einsätze absolvieren zu können. Angesichts wachsender Herausforderungen bei der fachlichen und pädagogischen Begleitung der jungen Freiwilligen durch die Träger – „Die gute und intensive Begleitung der Freiwilligen ist ein Markenzeichen der internationalen Freiwilligendienste“ – sei der Aufwand für eine professionelle Begleitung in letzter Zeit gestiegen. 

Auch Kerime mahnte daher eine Erhöhung der Fördermittel auf 550 bis 650 Euro pro Monat sowie eine Ausweitung der förderfähigen Kosten an. „Die Finanzen müssen stimmen.“ Staatliche Förderprogramme deckten nur einen Teil der Kosten, die den internationalen Dienststellen entstünden. „Im Internationalen Jugendfreiwilligendienst wurde seit 2010 die Förderhöhe nicht angepasst, sodass viele Träger die stark steigenden Kosten kaum auffangen können.“ Sie wies außerdem darauf hin, welche Schwierigkeiten dass System der Kontingentierung für die Träger bei der Planung und Ausgestaltung der Plätze mit sich bringe. Nicht zuletzt im Hinblick auf die im Sommer angestoßene Debatte über eine Wiedereinführung der Dienstpflicht forderte sie Planungssicherheit für die Organisationen und Dienststellen. „Die Träger brauchen langfristige verlässliche Signale aus der Politik.“

Süßenguth: Gewährung von Visa stellt hohe Hürde dar

Über die Freiwilligen, die aus aller Welt nach Deutschland kommen, berichtete Tore Süßenguth, Referent internationale Freiwilligendienste/AKLHÜ Koordinator Gesprächskreis internationale Freiwilligendienste. 2.800 junge Menschen aus über 130 Ländern hätten im Rahmen der Förderprogramme 2017 für ein Jahr in Deutschland Dienst getan. Ein Freiwilligenjahr in Deutschland zu absolvieren, bringe einen enormen Mehrwert mit sich, so Süßenguth – einerseits für die Freiwilligen selbst, andererseits für die Gesellschaft. Die jungen Leute leisten wertvolle Hilfe in den Einsatzstellen, erwerben Sprachkenntnisse, knüpfen Beziehungen, und bringen einen lebendigen Eindruck von ihren Ländern mit. Lernprozesse auf beiden Seiten würden auf diese Weise angestoßen, der Perspektivwechsel gefördert und so ein Beitrag zur interkulturellen Kommunikation geleistet.

Verbesserungsbedarf sah Süßenguth bei der finanziellen Ausstattung, vor allem, indem auch die spezifischen Kosten, die ein Auslandsengagement mit sich bringt, bei der Förderung berücksichtigt würden. „Momentan zahlen die Dienststellen zwischen 50 bis 600 Euro pro Monat und Fall drauf.“ Auch die Gewährung von Visa stellt laut Süßenguth eine oft eine unangemessen hohe Hürde dar. „Ein Visum für Deutschland zu bekommen, ist eine große Herausforderung.“ Die Visa-Stellen fänden immer wieder Gründe für eine Ablehnung, da die geforderten Kriterien für eine Rückkehr von vielen jungen Menschen nicht erfüllt werden könnten. Zu lange Wartezeiten auf die Dokumente erschwerten zudem die Arbeitsaufnahme in Deutschland. (ll/18.10.2018)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Jan Gildemeister, Geschäftsführer Aktionsgemeinschaft Dienste für den Frieden/Konferenz Evangelischer Freiwilligendienste
  • Barbara Kerime, Leiterin fid-Service und Beratungsstelle für internationale Freiwilligendienste in der Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) e.V.
  • Tore Süßenguth, Referent Internationale Freiwilligendienste AKLHÜ/ Koordinator Gesprächskreis Internationale Freiwilligendienste

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