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Gesell­schaftliche Di­mension von Schwanger­schaft und Geburt

Rettungswagen-Notarztkoffer für Geburten

Rettungswagen-Notarztkoffer für Geburten

© picture-alliance/blickwinkel

Die Diskussion über die Geburtssituation in der Bundesrepublik setzt voraus, dass nicht nur über medizinische, sondern auch über kulturelle und strukturelle Faktoren gesprochen werden muss. Darin waren sich die Sachverständigen eines öffentlichen Fachgesprächs der Kinderkommission des Bundestages (Kiko) zur hiesigen Geburtssituation am Mittwoch, 3. April 2019, einig. 

Susann Rüthrich (SPD), Vorsitzende der Kiko, verwies in diesem Zusammenhang auch auf das zu diskutierende Spannungsfeld zwischen den individuellen Entscheidungen schwangerer Frauen und den vorgeprägten Bildern von Schwangerschaft und Geburt in der Gesellschaft.  

Geburtssituation in Deutschland braucht psychosoziale Basis

Franziska Kliemt, Vorständin und Bundeskoordinatorin der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V., diagnostizierte ein angstverhaftetes Bild, das über Schwangerschaft und Geburt in der Gesellschaft vorherrsche. Es brauche daher ein gesamtgesellschaftliches „Empowerment“, also ein breiteres und besseres Wissen über Geburt und Schwangerschaft sowie ein stärkeres Vertrauen in deren Natürlichkeit. 

In den Niederlanden etwa sei, so Kliemt, der „gesellschaftliche Schutzraum für Schwangerschaft und Geburt“ deutlich robuster einzuschätzen als in der Bundesrepublik. Dort liege beispielsweise der Fokus stärker auf einer teamorientierten Geburtshilfe und auch die schwangere Frau stünde entschiedener im Mittelpunkt als hierzulande.

Die Versorgungsmissstände in Deutschland, beispielsweise durch die Betreuung von mitunter vier bis fünf Frauen durch nur eine Hebamme, sowie damit einhergehende relativ schwache Vertrauensverhältnisse zwischen den Schwangeren und ihren Geburtshelferinnen führten zu Stresssituationen, die ein schlechter Rahmen für Geburten seien, so Kliemt. Es sei deshalb zwingend notwendig die Geburtssituation in Deutschland auf ein psychosoziales Fundament zu heben, also intime Schutzräume für Schwangere und eine 1:1-Betreuung zu gewähren. Angstverhaftung und nachlässige Betreuung sowie eine fahrlässige Missachtung von Mutter und Kind als integrale Einheit würden erwiesenermaßen zu psychischen Spätfolgen bei Kindern führen. Eine psychosozial orientierte Geburtshilfe würde entsprechend „die Grundlagen für eine gesunde Gesellschaft legen“.

Aus kinderrechtlicher Perspektive problematisch

Auf eine „unzureichende Leitkultur“ im Geburtswesen verwies auch Prof. Dr. med. Sven Hildebrandt, Facharzt und Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Jede fünfte Geburt werde in Deutschland gegenwärtig künstlich eingeleitet. Das sei allein aus kinderrechtlicher Perspektive höchst problematisch zu beurteilen, denn die Zeit im Mutterleib sei individuell und müsse daher auch individuell ausgeschöpft werden dürfen. Kinderrechtlich problematisch seien darüber hinaus etwa auch bestimmte vaginale Untersuchungen mit hohen Infektionsrisiken für das Kind oder die medikamentöse Behandlung werdender Mütter mit Antibiotika. 

Selbstverständlich dürfe es nicht darum gehen, so Hildebrandt, Gefahren- und Notsituationen zu ignorieren, es sei aber mit 90.000  „Angst- und Indikationskaiserschnitten“ (also solchen, die nicht aus der Not heraus vorgenommen werden) eine besorgniserregende Rate operativer Entbindungen gegeben. Das sei vor allem deshalb kritisch zu bewerten, weil sich vaginale Geburten, wie man heute wisse, deutlich besser auf die Immunsystementwicklung von Kindern auswirkten.

Es sei daher an der Zeit für einen Paradigmenwechsel im Geburtswesen: „Schwangerschaft und Geburt müssen unter den besonderen Schutz der Gesellschaft gestellt werden – mit Verfassungsrang“, so Hildebrandt. Es brauche dringend eine bessere Koordinierung mit freiberuflichen Hebammen sowie Personalaufstockungen insbesondere in den großen Kliniken, nur so könne eine selbstbestimmte und gewaltfreie Geburt zum unverrückbaren Standard werden. Von einer 1:1-Betreuung – und diese müsse gesellschaftspolitisch wie auch kinderrechtlich das erklärte Ziel sein – sei man in Deutschland weit entfernt.

Bessere Kooperationsnetzwerke in der Bundesrepublik

Prof. Dr. Klaus Vetter, ehemaliger Chef der Geburtshilfe im Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln, schlug vor, den Strukturproblemen in der Geburtshilfe mit einem bundesweiten Netz aus perinatalmedizinischen Kompetenzzentren zu begegnen. Immer fünf Kliniken verschiedener Größen sollten seiner Anregung nach eng miteinander zusammenarbeiten und füreinander zuständig sein. Besonders in peripheren Gebieten sei nämlich eine stärkere Team-Orientierung notwendig, um eine gute Versorgung zu gewährleisten. 75 solcher Zentren würden, so Vetter, ausreichen, wenn sie richtig und entsprechend flächendeckend über das Bundesgebiet verteilt wären. 

Ziel dieser Kompetenzzentren sei es auch, die „individuelle mit der klinischen Geburtshilfe zu verknüpfen“, indem etwa Hebammen in ländlichen Gebieten stärker in Kommunikations- und Kooperationsnetzwerke mit Medizinern eingebunden werden würden und so leitlinienorientierter praktizieren könnten. Für die Zukunft der Geburtssituation in Deutschland sollten darüber hinaus ein frühes Risiko-Screening, ein Angebot genetischer Diagnostik, eine risikoadaptierte Schwangerschaftsbetreuung und eine risikoorientierte Geburtsplanung am optimalen Geburtsort gewährt werden. Die Berücksichtigung individueller Vorstellungen schwangerer Frauen bei gleichzeitig objektivierten Behandlungs- und international anerkannten Qualitätsstandards sei ein weiteres wünschenswertes Ziel für die Geburtshilfesituation in Deutschland, so Vetter. (ste/04.04.2019)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Prof. Dr. med. Sven Hildebrandt, Facharzt und Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe; ehemaliger Präsident der Internationalen Gesellschaft für prä- und perinatale Psychologie und Medizin (International Society for pre- and perinatal Psychology and Medicine, ISPPM
  • Franziska Kliemt, Vorständin und Bundeskoordinatorin der Bundeselterninitiative Mother Hood e. V.
  • Prof. Dr. Klaus Vetter, ehemaliger Chef der Geburtshilfe im Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln; ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM)

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