Der Bundestag hat am Donnerstag, 28. November 2019, den Einzelplan 06 des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat im Regierungsentwurf für den Haushalt 2020 (19/11800(Dokument, öffnet ein neues Fenster), 19/11802(Dokument, öffnet ein neues Fenster), 19/13800(Dokument, öffnet ein neues Fenster), 19/13801(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD gegen das Votum der Opposition in zweiter Beratung angenommen. Dazu lagen Beschlussempfehlungen des Haushaltsausschusses vor (19/13406(Dokument, öffnet ein neues Fenster), 19/13924(Dokument, öffnet ein neues Fenster)). Der Etat sieht Ausgaben in Höhe von 15,05 Milliarden Euro (2019: 15,85 Milliarden Euro) vor. Die Personalausgaben im Ressort von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) machen mit 5,03 Milliarden Euro knapp ein Drittel des gesamten Etats aus (2019: 4,82 Milliarden Euro).
Einstimmig angenommen wurde der Einzelplan 21 des Haushalts 2020 (Bundesbeauftragter für den Datenschutz und die Informationsfreiheit). Auch dazu lagen Beschlussempfehlungen des Haushaltsausschusses vor (19/13924(Dokument, öffnet ein neues Fenster), 19/13925(Dokument, öffnet ein neues Fenster)).
Minister: EU-Binnengrenzen stärker beobachten
In der Debatte zum Etat des Bundesministeriums des Inneren, für Bau und Heimat unterstrichen Vertreter von Koalition und Opposition die Notwendigkeit verstärkter Anstrengungen zur Bekämpfung des Rechtsextremismus in Deutschland. Während Bundesinnenminister Horst Seehofer zugleich auf einen anhaltenden Rückgang der Straftaten in Deutschland verwies, warfen ihm Redner der Oppositionsfraktionen Versäumnisse im Bereich der inneren Sicherheit vor.
Seehofer betonte, auch wenn die Sicherheitslage im Lande „manchmal überschattet wird von grässlichen Verbrechen“, weise die allgemeine polizeiliche Kriminalstatistik auch für 2019 und damit im dritten Jahr in Folge einen Rückgang der Straftaten in der Bundesrepublik aus. „Wir gehören zu den sichersten Ländern auf dieser Erde“, fügte der Ressortchef hinzu. Er bekräftigte zugleich, an den von ihm angeordneten stärkeren Kontrollen der deutschen Grenzen festzuhalten, solange die Kontrollen an den EU-Außengrenzen und das Schengen-System nicht wie gewünscht funktionierten.
So seien innerhalb von elf Tagen 40 mit Haftbefehl gesuchte Menschen im deutschen Grenzraum von der Polizei aufgegriffen worden und „annähernd 100 Menschen, die eine Einreisesperre haben und trotzdem illegal nach Deutschland eingereist sind“. Solange die Sicherheit nicht an den Außengrenzen der EU gewährleistet werde, „müssen wir unsere Binnengrenzen stärker beobachten“, unterstrich Seehofer.
AfD: Sicherheitspolitisches Desaster
Martin Hess (AfD) hielt dem Minister ein „sicherheitspolitisches Desaster“ vor. Seehofers Darstellung der Sicherheitslage habe mit der Lebenswirklichkeit im Lande nichts zu tun. „Deutschland wird immer unsicherer, und unser Rechtsstaat verliert immer mehr Boden an seine Feinde“, beklagte Hess und warf die Frage auf, warum sonst der Minister immer mehr Geld für die innere Sicherheit ausgeben und für einen Stellenaufwuchs bei den Sicherheitsbehörden sorgen müsse.
„Sie versuchen, mit diesem Haushalt sicherheitspolitische Probleme zu beseitigen, die es ohne Ihr inakzeptables Versagen im Bereich der inneren Sicherheit gar nicht gäbe“, fügte Hess hinzu. Die islamistische Terrorgefahr sei „so hoch wie nie“, und die „Migranten- und Messerkriminalität“ steige stetig an.
FDP: Antisemitismus entschieden bekämpfen
Dr. Stefan Ruppert (FDP) sagte, auch seine Fraktion freue sich über einen Personalaufbau im Bereich der inneren Sicherheit. Sie habe aber den Eindruck, dass „viele Probleme der Rechtsdurchsetzung nicht gelöst sind“, fügte Ruppert hinzu und verwies auf den Fall des mehrfach verurteilten Ibrahim Miri, der nach seiner Abschiebung nach Deutschland zurückgekehrt war und mittlerweile erneut in den Libanon gebracht wurde.
Zugleich hielt Ruppert dem Bundesinnenminister vor, das Problem der „gesteuerten Zuwanderung“ nicht endgültig in den Griff zu bekommen. Nachdrücklich mahnte er zudem eine entschiedene Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland an, dem „das ganze Parlament, die ganze Zivilgesellschaft entgegentreten müsse.
Linke vermisst strategisches Konzept
Victor Perli (Die Linke) kritisierte, dass bei den Sicherheitsbehörden seit 2013 zwar mehr als 15.000 neue Stellen geschaffen worden seien, der Aufwuchs jedoch “zunehmend planlos„ erfolge. So würden beim Bundeskriminalamt (BKA) die Stellen im Bereich “Neonazi-Kriminalität„ jetzt verdreifacht, obwohl bislang jede vierte Stelle unbesetzt gewesen sei.
Seehofer habe zwar in den vergangenen Monaten “endlich erkannt, dass der Staat mehr gegen die Gewalt und den Terror von Neonazis tun muss„, doch fehle ein strategisches Konzept. Hass und Hetze im Internet ließen sich nicht wirksam mit einer Überwachung durch “noch mehr Personal mit noch mehr Befugnissen„ bekämpfen. Um die “gesellschaftlichen Ursachen dieser Verrohung„ zu ändern, müsse man vielmehr die Zivilgesellschaft stärken.
Grüne: Gegen geistige Brandstifter kämpfen
Dr. Tobias Lindner (Bündnis 90/Die Grünen) monierte, dass der Innenetat keine “gute Antwort„ auf die bestehenden Herausforderungen sei. So habe Seehofer nach dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke 440 zusätzliche Stellen für das BKA gefordert, doch seien es letztendlich 300 geworden: “Ein Drittel weniger, als Sie selbst für notwendig und vernünftig erachtet haben.„
Seit Jahren sei offensichtlich, dass “von rechts eine Gefahr für unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft ausgeht„ und man “mit aller Macht gegen diesen Rechtsterrorismus und gegen die geistigen Brandstifter kämpfen„ müsse. Wer darauf heute halbherzig reagiere, habe die Gefahr “immer noch nicht richtig verstanden„.
SPD: Sicherheitsbehörden beispiellos gestärkt
Martin Gerster (SPD) betonte demgegenüber, dass die Große Koalition die Sicherheitsbehörden in den vergangenen fünf Jahren in einer in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellosen Weise gestärkt habe. Mit dem Etat 2020 habe man nun erneut mehrere hundert Stellen beschlossen, “um besser gegen rechtsextremen Terror und Hasskriminalität vorgehen zu können„, fügte Gerster hinzu und verwies darauf, dass die Zahl rechtsextremistischer Straf- und Gewalttaten steige.
Mit dem Innenetat mache man deutlich, was eine wehrhafte Demokratie ausmache: “Wir bekämpfen die Feinde der Demokratie mit allen uns zur Verfügung stehenden rechtsstaatlichen Mitteln.„ Dies sei “das Gebot der Stunde„.
CDU/CSU: Das Land stabil halten
Für Klaus-Dieter Gröhler (CDU/CSU) sorgt der Seehofer-Etat mit dafür, das Land “stabil zu halten„. Mit 2.150 neuen Stellen für die Bundespolizei, 800 für das BKA und 150 für das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) schaffe man die Voraussetzung, “dass die Bürger in diesem Staat sicher leben können„.
Dabei erhalte das BKA 300 Stellen und auch das Bundesamt für Verfassungsschutz zusätzliche Stellen, um gegen Rechtsextremismus und -terrorismus vorzugehen. Dies sei sehr wichtig, denn wenn man weiterhin in der “freiesten Republik„ leben wolle, müsse man denen entgegentreten, die diese Ordnung beseitigen wollen – “egal, ob sie von rechts kommen oder von links oder ob sie religiös verblendet sind„.
Innere Sicherheit größter Ausgabeposten
Der Etat 2020 von Seehofers Ministerium umfasst nach der Beschlussempfehlung des Haushaltsausschusses ein Ausgabenvolumen von 15,05 Milliarden Euro. Das sind gut 270 Millionen Euro weniger als noch im Regierungsentwurf vorgesehen und knapp 800 Millionen Euro weniger als im laufenden Jahr.
Größter Ausgabenposten ist dem Ministerium zufolge der Bereich der inneren Sicherheit mit rund 6,4 Milliarden Euro, was einem Anteil von rund 42,5 Prozent des Etats des Ministeriums entspricht.
Bauen, Wohnen, Stadtentwicklung
An zweiter Stelle folgt der Bereich “Bauen, Wohnen und Stadtentwicklung„ mit rund 3,6 Milliarden Euro oder rund 23,5 Prozent. Zugleich sind im Einzelplan 06 für das kommende Jahr Einnahmen in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro veranschlagt. Im Vergleich zum Haushalt 2019 sind nach Ministeriumsangaben mehr als 3.900 neue Stellen für das Bundesinnenministerium und seine Geschäftsbehörden vorgesehen. Allein für den Bereich der inneren Sicherheit seien im kommenden Jahr rund 3.150 neue Stellen eingeplant.
Die Ausgaben für Wohngeld belaufen sich dabei auf 600 Millionen Euro (2019: 510 Millionen Euro). Für das Baukindergeld sind 861,35 Millionen Euro vorgesehen (2019: 570 Millionen Euro). Die in den vergangenen Jahren im Etat befindlichen 1,52 Milliarden Euro für Kompensationszahlungen wegen der Beendigung der Finanzhilfen des Bundes zur sozialen Wohnraumförderung an die Länder finden sich im aktuellen Entwurf nicht, da die Kompensationszahlungen Ende 2019 beendet werden.
Für die Städtebauförderung sind eine Milliarde Euro eingeplant (2019: 899,75 Millionen Euro) und für die nationale Stadtentwicklungspolitik 20,9 Millionen Euro (2019: 9,5 Millionen Euro). Das Bauprogramm “Sanierung kommunaler Einrichtungen in den Bereichen Sport, Jugend und Kultur„ wird aufgrund des erheblichen Sanierungsbedarfs um 332 Millionen Euro aufgestockt.
Netzpolitik, moderne Verwaltung, Sportförderung
Für Informationstechnik (IT), Netzpolitik, Digitalfunk und die Modernisierung der Verwaltung sind 1,17 Milliarden Euro eingestellt (2019: 1,24 Milliarden Euro). Davon entfallen auf den Digitalfunk 390,83 Millionen Euro (2019: 390,45 Millionen Euro), auf die Umsetzung der IT-Konsolidierung des Bundes 473,12 Millionen Euro (2019: 579,16 Millionen Euro), auf IT und Netzpolitik 27,1 Millionen Euro (2019: 23,14 Millionen Euro) und auf die Modernisierung der Verwaltung 127,91 Millionen Euro (2019: 97,02 Millionen Euro). Der Haushaltsausschuss hat in dem IT-Bereich Kürzungen eingeplant, die eine Senkung des Gesamtetats des Einzelplans 06 um 274 Millionen Euro auf 15,05 Milliarden Euro zur Folge hätten.
Für den Sport sieht der Etatentwurf Ausgaben von rund 278 Millionen Euro (2019: 234,9 Millionen Euro) vor. Als Zuschuss für Maßnahmen zur Dopingbekämpfung sind 6,59 Millionen Euro eingeplant (2019: 7,25 Millionen Euro). Die Sportfördermittel wurden im Haushaltsausschuss um rund 33 Millionen Euro erhöht, unter anderem für die Errichtung und Ausstattung von Sportstätten für die Ski-Weltmeisterschaft in Oberstdorf 2021, die Biathlon-Europameisterschaft im Bayerischen Wald 2022 und die Biathlon- und Rodel-Weltmeisterschaft in Oberstdorf 2023, darüber hinaus auch für zentrale Maßnahmen auf dem Gebiet des nichtolympischen Sports.
Insgesamt sieht der Haushaltsentwurf der Bundesregierung für 2020 in der durch den Haushaltsausschuss geänderten Fassung Gesamtausgaben in Höhe von 362 Milliarden Euro vor (2019: 356,4 Milliarden Euro).
Zwei Änderungsanträge der AfD abgelehnt
In zweiter Beratung lehnte der Bundestag je zwei Änderungsanträge der AfD-Fraktion (19/15504(Dokument, öffnet ein neues Fenster), 19/15505(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) und der FDP-Fraktion (19/15471(Dokument, öffnet ein neues Fenster), 19/15472(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) ab. Die AfD forderte in ihrem ersten Änderungsantrag (19/15504(Dokument, öffnet ein neues Fenster)), den Haushaltstitel zur Durchführung von Integrationskursen von 698,6 Millionen Euro auf 98,6 Millionen Euro zu kürzen. Zur Begründung hieß es, subsidiär Schutzberechtigte und Flüchtlinge hätten nur einen temporären Aufenthaltstitel und keine dauerhafte Bleibeperspektive, sodass eine Teilnahme an Integrationskursen unnötig sei. Alle übrigen Fraktionen stimmten gegen diesen Änderungsantrag.
Im zweiten Änderungsantrag (19/15505(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) verlangte die AfD, den Haushaltstitel “Zuschuss für Programme zur Förderung der freiwilligen Ausreise„ in Höhe von 52,27 Millionen Euro zu streichen. Dadurch wollte die Fraktion Missbrauch eindämmen. Auch sei es nicht notwendig, zur Ausreise verpflichtete Personen mit Prämien für rechtskonformes Verhalten zu belohnen. Auch diesen Änderungsantrag lehnten alle übrigen Fraktionen ab.
Zwei Änderungsanträge der FDP abgelehnt
Keine Mehrheit fanden auch die beiden Änderungsanträge der FDP. Im ersten Änderungsantrag (19/15471(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) hatte die Fraktion gefordert, der “Stiftung Datenschutz e. V.„ einen Zuschuss von 628.000 Euro zukommen zu lassen. Der Haushaltstitel sollte mit Zuschüssen an die Stiftung “Die Mitarbeit„ und an die “Deutsche Gesellschaft e. V.„ entsprechend ergänzt und um den genannten Betrag auf 1,72 Millionen Euro aufgestockt werden. Zur Begründung hieß es, die “Stiftung Datenschutz e. V.„ könne mit risikoarmen Anlagen ihres Treuhandvermögens im aktuellen Zinsumfeld keine ausreichenden Erträge erzielen, was ihren Handlungsrahmen empfindlich einschränke. Der Zuschuss sei notwendig, um die Stiftungsaktivitäten auskömmlich zu finanzieren. In der Abstimmung lehnten CDU/CSU, SPD, AfD und die Linksfraktion den Änderungsantrag ab, Bündnis 90/Die Grünen enthielten sich.
Im zweiten Änderungsantrag (19/15472(Dokument, öffnet ein neues Fenster)) wurde gefordert, den Haushaltsansatz für das Baukindergeld von 861,35 Millionen Euro auf null Euro herabzusetzen. Statt des Baukindergeldes hielt die FDP die Einführung eines Freibetrags bei der Grunderwerbsteuer für gerecht, da sie jedem zugute kommen würde. Das Baukindergeld komme dagegen nur jenen zugute, die bereits über ausreichend Eigenkapital verfügten. CDU/CSU, SPD, AfD und Bündnis 90/Die Grünen lehnten diesen Änderungsantrag ab, die Linksfraktion enthielt sich.
Etat des Bundesdatenschutzbeauftragten
Im Etat 2020 des Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Ulrich Kelber, sind die Ausgaben mit knapp 27 Millionen Euro veranschlagt; der Entwurf der Bundesregierung hatte noch gut 25 Millionen Euro vorgesehen. (sto/scr/hau/vom/28.11.2019)