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Digi­tales Zelt­lager, Beach Party und Geld­sorgen: Ju­gend in der Coro­na-Krise

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Zwischen digitalem Zeltlager, Beach Party und finanziellen Sorgen: Jugendbildungs-, Freizeit- und Begegnungsstätten mussten während der Corona-Krise dank weiter fließender Fördermittel und der allmählichen Lockerung der Maßnahmen 2020 nicht komplett ihre Pforten schließen, blicken aber in eine finanziell ungewisse Zukunft, so das Fazit eines Expertengesprächs der Kinderkommission des Bundestages am Mittwoch, 16. September 2020, unter dem Vorsitz von Norbert Müller (Die Linke).

Zumutung Kontaktbeschränkungen

„Von jetzt auf gleich nicht mehr rauszukommen und seine Freunde nicht zu treffen, ist eine Zumutung.“ Diese Stimme eines Jugendlichen über die Zeit des Shutdowns stehe stellvertretend für Millionen junge Menschen, die im Frühjahr 2020 den Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung unterworfen waren, sagte Lisi Maier, Vorsitzende des Deutschen Jugendrings.

Vor allem Kontaktbeschränkungen seien für Kinder und Jugendliche schwer erträglich. Bemerkenswerterweise hätten diese die Regeln aber weitestgehend bereitwillig befolgt. Dabei seien Freizeitzentren und Sportvereine, Gruppen und Zusammenhänge, in denen sich die jungen Leute normalerweise bewegten, keinesfalls komplett geschlossen gewesen.

„Jugendarbeit hat nicht dichtgemacht“

Die Fachkräfte vor Ort hätten weiter gearbeitet, auch ohne Besucherverkehr, und die Zeit genutzt, um alternative Angebote zu entwickeln; die Förderer ihr Engagement fortgesetzt und Stellen in der Jugendarbeit weiterhin finanziert. „Viel Jugendarbeit wurde in den digitalen Raum verlagert, Vernetzung hat stattgefunden“, bis hin zu „digitalen Zeltlagern“. Man habe versucht aus der Situation das Beste zu machen.

Junge Menschen verbrächten zwar viel Zeit mit Medien – vor allem, um Freundschaften zu organisieren. „Nach der Aufhebung der Maßnahmen war dann aber plötzlich niemand mehr online. Das Bedürfnis, mit Freunden raus an den See zu gehen, war größer, als Freunde in digitalen Räumen zu treffen“, sagte Lisi Maier. Den „Digitalisierungsschub“ müsse man mitnehmen in die neue Normalität nach Corona. Da sei einiges lang Ersehnte in Bewegung gekommen.

Erschwernis durch unterschiedliche Länder-Regeln

Zu den Dingen, die nicht so gut gelaufen seien, zählte Maier, dass die Kinder- und Jugendarbeit im Rahmen der Pandemiemaßnahmen allzu häufig auf die Begriffe „Schutz“ und „Betreuung“ reduziert worden sei. Das werde aber dem gesetzlichen Auftrag, wie er im Paragrafen 11 des Achten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VIII) formuliert sei, nicht gerecht. Kindern und Jugendlichen müssten Bildungsangebote gemacht werden, die sie in die Lage versetzen, sich an der Gesellschaft zu beteiligen.

Außerdem habe die Rechtsunsicherheit durch unterschiedliche Regeln der einzelnen Bundesländer sowie kaum vorhersehbare kurzfristige Regeländerungen die Kinder- und Jugendbildung erschwert. Was nutze denn Kindern aus Hamburg ein in Schleswig-Holstein erlaubtes Ferienlager, wenn sie in Hamburg nicht gemeinsam in einen Bus steigen dürften, fragte Maier.

„Erfahrungen fürs Leben“ im Ferienlager

Gunter Schinke, Vorsitzender des Bundesarbeitsgemeinschaft Kindererholungszentren Deutschland (BAG KiEZ), unterstrich die Bedeutung von Kinder- und Jugendfreizeiten jenseits von Klassenfahrten und kommerziellen touristischen Urlaubsreisen vor allem für die soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen: „Erfahrungen fürs Leben“ seien das, „die man nur in solchen Ferienlagern machen kann“.

Unter Einhaltung höchster Qualitätsstandards erfüllten die 13 Mitgliedseinrichtungen seines Verbandes in vier Bundesländern als freie Träger der Jugendhilfe und außerschulische Lernorte ihren Bildungsauftrag für junge Leute. Kinder aus unterschiedlichsten sozialen Kontexten und Regionen kämen dabei zusammen. Man verbinde Übernachtungsmöglichkeit und Verpflegung mit Jugendarbeit. 180.000 Kinder und 500.000 Übernachtungen habe man 2019 gezählt.

„Corona stand wie eine Wand vor uns“

„Das alles hat es dieses Jahr nicht gegeben.“ Die Buchungszahlen würden 2020 lediglich 20 Prozent des Vorjahres betragen. Man habe „im März in den Startlöchern gestanden“ für die Hauptsaison: von März bis September. „Wir hatten alles vorbereitet. Dann musste alles abgesagt werden“, sagte Schinke. „Corona stand wie eine Wand vor uns.“

Die Freizeiteinrichtungen hätten nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können. Einnahmen seien ausgeblieben. Als gemeinnützige Träger dürfe man „keine großen Rücklagen“ bilden. Sommerferienlager hätten die „KiEZe“ dann noch mit einem Drittel der Teilnehmer kurzfristig aus dem Boden stampfen können. Glücklicherweise habe es keinen Corona-Fall gegeben. „Unsere Hygienekonzepte müssen aufgegangen sein“, resümierte Schinke. Statt Disko in geschlossenen Räumen habe es Beach Parties gegeben.

„Wird es eine nächste Saison geben?“

Mittlerweile gebe es „Förderprogramme, die uns helfen, diese Zeit zu überstehen“, darunter seit Ende August eine Förderung durch das Bundesfamilienministerium. Aber man blicke jetzt schon mit Sorge auf das Ende des Haushaltsjahres. „Was passiert am 31.12.? Was passiert zum nächsten Saisonstart? Wird es eine nächste Saison geben?“

Geld sei in diesem Bereich der gemeinnützigen Arbeit immer schon knapp. Aber durch die fehlenden Einnahmen verschärfe sich der Investitionsstau 2020 in den Einrichtungen weiter, erklärte Schinke und appellierte an die Verantwortlichen, die Kindererholungszentren als Bildungseinrichtungen zu erhalten. Er erinnerte dabei an deren schwierigen Aufbau. „Wenn solche Einrichtungen einmal verschwinden, werden sie vermutlich nie wieder eröffnen“, orakelte der Sachverständige.

Einrichtungen brauchen sichere Finanzierung 2021

Jugendbildungs-, Freizeit- und Begegnungsstätten bräuchten eine sichere finanzielle Basis auch im kommenden Jahr, forderte Lisi Maier. „Dass einige Bundesländer frühzeitig Handlungssicherheit gegeben haben, das war gut.“ So hätten etwa Bayern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen Programme aufgelegt, um die Häuser zu sichern. Bayern habe die Saison durch finanziert, als hätten die stornierten Freizeiten stattgefunden. Regulatorische Unklarheiten und finanzielle Unsicherheiten dagegen seien nervenzehrend gewesen.

An ganz vielen Ortern stehe die Finanzierung für 2021 auf dem Spiel, Kürzungen deuteten sich an. Dabei sei die Durchführung von Präsenz- und Onlineveranstaltungen jetzt viel teurer als der Betrieb zuvor: „In den Kommunen ist der Wille nötig, das auszufinanzieren.“

„Großes Engagement“ bei den Mitarbeitern

Dass die Maßnahmen „gravierende Einschnitte“ sowohl für die Kinder als auch für die Bildungseinrichtungen bedeutet hätten, das unterstrich Anke Miebach-Stiens, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen. „Die Verbände haben sich schnell digital vernetzt“ und „Träger und Fachkräfte ermutigt, neue Wege zu gehen, um Kontakte und Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Leute schaffen.“

Von März bis Mai seien fast sämtliche Einrichtungen von Schließungen betroffen, und auch danach sei der Besucherverkehr noch sehr eingeschränkt gewesen. Die Fachkräfte seien jedoch die ganze Zeit vor Ort gewesen und „haben diese Zeit genutzt“, etwa um digitale Angebote zu entwickeln und die Wiederaufnahme des Betriebs vorzubereiten. „Es gab ein großes Engagement, um die Situation zu bewältigen.“

Jugendarbeit in „Sandwich-Position“

„Was die offene Kinder- und Jugendarbeit jetzt braucht, ist eine Stärkung der Strukturen und eine nachhaltige Finanzierung“, ein angemessener Anteil an den Haushaltsmitteln, in Bund, Ländern und Kommunen, so Miebach-Stiens.

Die Jugendarbeit befinde sich in einer „Sandwich-Position“, in der sie sowohl ihre Arbeit entsprechend der gesetzlichen Vorgaben leisten als auch den gesundheitspolitischen Vorgaben folgen müsse.

„Junge Leute durch die Krise stärker verunsichert“

Jeder junge Mensch habe ein Recht auf Bildungsangebote im Jugendfreizeitbereich. Die Jugendlichen verstünden auch die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung. Bei der Ausgestaltung der schwierigen Situation wollten sie aber auch gehört werden, mitmachen oder hätten einfach „Gesprächsbedarf, beispielsweise, um Verordnungen zu übersetzen“.

Junge Leute seien durch die Krise stärker verunsichert als Erwachsene, sie hätten weniger Erfahrung und „möchten ihre Erfahrungen nachbereiten“, sagte die Sachverständige. (ll/16.09.2020)

Liste der geladenen Sachverständigen

  • Lisi Maier, Vorsitzende des Deutschen Bundesjugendrings
  • Anke Miebach-Stiens, Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Jugendfreizeitstätten Sachsen e. V.
  • Gunter Schinke, Vorsitzender des BAG KiEZ Deutschland e. V.

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