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Presse

Wildtiere als Infektionsrisiko

Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit/Ausschuss - 13.05.2020 (hib 496/2020)

Berlin: (hib/FLA) 60 Prozent der bekannten menschlichen Infektionskrankheiten sind tierischen Ursprungs - ebenso wie mindestens 75 Prozent der beim Menschen neu auftretenden Infektionskrankheiten. Mit diesen Angaben der Weltorganisation für Tiergesundheit haben Experten den Hintergrund für ein Fachgespräch des Ausschusses für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit im Zeichen der Corona-Pandemie beschrieben.

Ihr einhelliger Appell: Zur Vorsorge gegen solche Krisen müssten Mensch, Tier und Umwelt zusammen in den Blick genommen werden. Konkret ging es um Zoonosen. Es handelt sich um Infektionskrankheiten, die von Bakterien, Parasiten, Pilzen, Prionen oder Viren verursacht und zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können. Die Abgeordneten wollten Ursachen, Verbreitung und Vorbeugung ansprechen. Die Sitzung, bei der die Experten per Video zugeschaltet waren, wurde von Sylvia Kotting-Uhl (Bündnis 90/Die Grünen) geleitet.

Professor Franz J. Conraths vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit zählte drei Aspekte auf, die für die Entstehung von neuen Zoonosen von besonderer Bedeutung seien. Zum einen nannte er die Wechselwirkung von Wildtieren, Nutztieren und Mensch, beispielsweise auf Lebendtiermärkten. Zum anderen erwähnte er die hohe Bevölkerungsdichte sowie die globale Mobilität. Die weltweiten Regularien zum Handel mit Tieren und Erzeugnissen, die von Tieren stammen, könnten den illegalen Handel nicht erfassen. Eine Lösung könne im One-Health-Ansatz gesehen werden, der Gesundheit von Mensch, Tier und Umwelt betont.

Arnulf Köhncke (WWF Deutschland) forderte, zur Verminderung der Zoonosen-Risiken sei ein entschiedenes Vorgehen gegen den illegalen Wildtierhandel sowie bessere Kontrollen des legalen Artenhandels nötig. Zudem müsse die biologische Vielfalt geschützt und anerkannt werden, dass sie für Ökosysteme und menschliche Gesundheit unabdingbar sei. Die Gesundheit von Menschen, Wildtieren und Umwelt müsse zukünftig konsequent zusammen gedacht werden.

Professor Wim van der Poel von der niederländischen Wageningen-Universität für Biowissenschaften erläuterte, neue Zoonosen könnten immer schneller mit zunehmend verbesserten Methoden zum Nachweis von Infektionskrankheiten erkannt werden. Dazu zählten insbesondere innovative molekulardiagnostische Techniken. In den Niederlanden gebe es eine Frühwarnstelle, in der alle Forschungsinstitute, die an Zoonosen arbeiten, zusammenkommen, um neue Signale zu diskutieren und der Regierung zu berichten, wann ein Risiko für die öffentliche Gesundheit entstehen kann.

Professor Isabella Eckerle (Universität Genf) zeigte sich - das gelte für alle Experten - nicht überrascht, dass ein weiteres Virus den Wirtswechsel hin zum Mensch geschafft hat. Sie wies darauf hin, dass Kontrolle und Einschränkung von Wildtierhandel bislang vor allem auf den Artenschutz fokussiert sei. Dies müsse unbedingt um den Aspekt Gesundheitsschutz erweitert werden. Aus humanmedizinischer und virologischer Sicht erscheine im Hinblick auf die nicht abschätzbaren Risiken ein umfassendes Importverbot von Wildtieren angemessen. Sie lenkte den Blick auch auf die Haltung von Wildtieren etwa in Pelzfarmen oder auf exotische Haustiere. Die damit verbundenen Risiken seien noch nicht geklärt.

Für Sandra Altherr (Pro Wildlife) gehört zu den präventiven Maßnahmen in Deutschland gegen Zoonosen, dass das Importverbot für Wildvögel auf alle Wildtiere ausgeweitet wird. Die Haltung von Heimtieren müsse bundeseinheitlich in einer Positivliste geregelt werden. Neben einer Kennzeichnungspflicht der Herkunft von Tieren seien strikte Auflagen für Internethandel und Verkauf über Tierbörsen erforderlich. Die Expertin forderte ein stärkeres internationales Engagement zum Erhalt von Lebensräumen und Ökosystemen und den Kampf gegen illegalen, aber auch legalen Wildtierhandel. Präventiver Arten-, Natur- und Klimaschutz müssten Maxime der Politik sein.

Professor Simone Sommer (University of Ulm) befand, Pandemien seien menschengemacht. Zoonosen stünden meist in Verbindung mit dem Verzehr von Wildfleisch, also Wildtierhandel, mit Massentierhaltung oder Umweltzerstörung oder Veränderungen der Landnutzung. Die Menschheit stehe an einem Wendepunkt. Sie müsse die verbleibenden Naturräume bewahren. Umwelt- und Artenschutz müssten endlich den notwendigen Stellenwert bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen bekommen, der im Sinne von OneHealth/EcoHealth und nicht zuletzt dem Klimaschutz notwendig sei.