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Presse

9. November 2018

Pflegebevollmächtigter Westerfellhaus sieht Pflegepersonal-Stärkungsgesetz als Einstieg in weitere Reformen

Vorabmeldung zu einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Wochenzeitung
„Das Parlament“ (Erscheinungstag: 12. November 2018)

- bei Nennung der Quelle frei zur sofortigen Veröffentlichung-


Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, hat das am Freitag im Bundestag beschlossene Pflegepersonal-Stärkungsgesetz als Einstieg in weitere Reformen gewertet. Mit der Neuregelung werde ein Prozess in Gang gesetzt, „der andere Bereiche nach sich ziehen muss“, sagte Westerfellhaus der Wochenzeitung „Das Parlament“. So werde die Pflegeausbildung ab 2020 neu aufgestellt, Personalbemessungsinstrumente würden vorgestellt, der Pflege-TÜV werde überarbeitet, die Entbürokratisierung in der Pflege fortgeführt und die Ergebnisse der Konzertierten Aktion Pflege zeitnah umgesetzt. Dies alles diene dem Ziel, die Versorgung der Pflegebedürftigen zu verbessern.

Die in der vergangenen Legislaturperiode verabschiedeten Pflegereformen seien wichtig gewesen. Allerdings sei damals die Frage nicht beantwortet worden, „wie man für solche Prozesse ausreichend Personal bekommt“, sagte der Staatssekretär. Angesichts der hohen Pflegekosten forderte Westerfellhaus, es müsse mehr Augenmerk darauf gelegt werden, Pflegebedürftigkeit zu verhindern, etwa durch Prävention und Rehabilitation, auch im hohen Alter. „Rehabilitation macht nicht an Altersgrenzen Schluss und Prävention auch nicht.“ Dies sei „immens wichtig neben der Frage, wie wir Pflege finanzieren wollen“.


Das Interview im Wortlaut:

Herr Westerfellhaus, Sie haben unlängst einmal gesagt, sie sähen sich als ,,Seismograph" der aktuellen Lage. Wie ist denn die Stimmung in der Pflegebranche aus Ihrer Sicht?

Anerkennend wird wahrgenommen, dass sich die Koalition das Thema Pflege ernsthaft auf die Fahnen geschrieben hat. Es wird natürlich darauf hingewiesen, dass die Zeit drängt und Fachkräfte in allen Sektoren fehlen. Das jetzt beschlossene Pflegepersonal-Stärkungsgesetz ist der Einstieg in einen Prozess, der  andere Bereiche nach sich ziehen muss und wird. Die Pflegeausbildung wird ab 2020 neu aufgestellt, Personalbemessungsinstrumente werden vorgestellt, der Pflege-TÜV wird  überarbeitet, die Entbürokratisierung in der Pflege fortgeführt, die Ergebnisse der Konzertierten Aktion Pflege müssen zeitnah umgesetzt werden. Alles mit einem Ziel, die Versorgung der Pflegebedürftigen zu verbessern.

Wie groß ist denn das Personaldefizit in der Pflege aktuell? 

Das ist schwer zu quantifizieren. Wir haben ja auch nur vage Zahlen über die dreijährig ausgebildeten Pflegekräfte. Sie sind nach wie vor nicht registriert. Wir wissen nur, dass sich immer mehr Pflegekräfte überfordert fühlen und deswegen in die Teilzeit wechseln oder ganz rausgehen aus dem Beruf. Wir haben zu wenige Pflegekräfte und die Menge an Arbeit ist für sie kaum zu leisten. Dagegen steuern wir an. Wir wollen flächendeckend Tarife, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Köpfe in der Pflege.

Es hat aber doch schon einige Pflegereformen gegeben. Wirken die nicht?

Die Pflegegesetze der vergangenen Legislaturperiode waren wichtig. Damit sind entscheidende Verbesserungen angestoßen worden, beispielsweise über das ausgeweitete Leistungsspektrum. Was damals nicht beantwortet wurde war die Frage, wie man für solche Prozesse ausreichend Personal bekommt. Wenn wir damals viel für die Patienten und Bewohner gemacht haben, für die Versorgung, muss man jetzt die Frage beantworten, mit wem können diese Leistungen durchgängig erbracht werden.

Sie sind ja in den 70er Jahren zum Krankenpfleger ausgebildet worden. Können Sie verstehen, wenn junge Leute den Pflegeberuf  nicht mehr attraktiv finden?

Ich glaube nicht, dass junge Menschen die Ausbildung nicht mehr wollen. Wir haben nach wie vor eine hohe Bewerberanzahl. Das Interesse ist da. Allerdings wird die Ausbildung häufig abgebrochen, weil junge Leute Aufgaben übernehmen sollen, die sie von ihrem Ausbildungsstand her noch nicht beherrschen.

Sie müssen teilweise als vollwertiger Ersatz herhalten, wenn andere Kollegen krank werden. Wenn sie in der Ausbildung dann schon merken, dass eine Pflegefachkraft bisweilen nachts 40 Patienten versorgen soll, werden sie abgeschreckt. So werden junge Leute überfordert, das muss sich dringend ändern.

Was ist denn heute anders als früher auf den Stationen?

Die Arbeitsverdichtung hat sich massiv erhöht. Die Verweildauer im Krankenhaus wurde erheblich verkürzt. Wir haben heute eine hohe Konzentration pflegebedürftiger Menschen, die in kürzester Zeit versorgt werden müssen, dann kommt schon der nächste Patient. Mit immer weniger Leuten werden immer mehr Patienten versorgt. Die Krankenhäuser haben aus Kostengründen in der Vergangenheit viel Pflegepersonal abgebaut, dabei ist die Pflege doch ein ganz wesentlicher Bestandteil der Klinikversorgung. Gesundheitsminister Spahn hat nun mit Personaluntergrenzen eine rote Linie eingezogen, um gefährliche Pflege zu verhindern.

Die physischen und psychischen Gesundheitsrisiken für Pflegekräfte sind erheblich. Wie sehen Sie das Problem?

Ich kenne das Problem auch aus persönlichen Schilderungen. Gerade  psychosomatische Erkrankungen nehmen zu. Wenn Pfleger jeden Tag das Gefühl haben, ihren Patienten nicht gerecht zu werden und auch ihren beruflichen Ansprüchen nicht zu genügen, dann gehen sie nach Hause und werden krank. Andere Fluchtmöglichkeiten sind die Teilzeit oder das Ausscheiden aus dem Beruf. Die Pflegekräfte brauchen wieder planbare Freizeit, freie Wochenenden und Urlaub, sie dürfen nicht permanent auf dem Frei geholt werden und müssen Zeit haben für die Patienten. Mehr Personal ist also die Win-win-Situation für alle. 

Droht aber nicht bei der Personaloffensive nun ein Verdrängungswettbewerb unter Pflegefachkräften?

Ich glaube, die Sorge ist nicht ganz unberechtigt. Doch langsam ist allen Arbeitgebern klar: Sie müssen für gute Arbeitsbedingungen sorgen, sonst verlieren sie ihr Personal an attraktivere Arbeitgeber. Von Altenpflegern höre ich immer wieder, sie wollen eigentlich nur in der Langzeitpflege arbeiten. Man lässt sich ja auch normalerweise nicht in der Altenpflege ausbilden, um dann als Pflegekraft in ein Krankenhaus zu gehen. Allerdings zahlen die Kliniken öfter besser und bieten auch mehr Vollzeitstellen an. Das ist ein Manko in der Altenpflege. Dort werden oft Vollzeitstellen verwehrt mit dem Hinweis, das sei organisatorisch nicht möglich. Deswegen brauchen wir neue Arbeitszeitmodelle und auch flächendeckend Tarifverträge in der Altenpflege, die den Einkommen der Krankenhäuser entsprechen.

Ein anderes großes Problem sind die steigenden Pflegekosten. Wie lässt sich das zumindest eingrenzen?

Wir müssen  mehr Augenmerk darauf legen, Pflegebedürftigkeit zu verhindern, etwa durch Prävention und Rehabilitation, auch im hohen Alter. Rehabilitation macht nicht an Altersgrenzen Schluss und Prävention auch nicht. Der Eintritt einer Pflegebedürftigkeit muss so weit nach hinten verschoben werden wie möglich. Menschen wollen  ja auch so lange wie möglich selbstbestimmt leben. Prävention und Rehabilitation sind immens wichtig neben der Frage, wie wir   Pflege finanzieren wollen.

Die Pflegebeiträge werden  erneut angehoben. Müssen wir jetzt in jeder Legislatur mit einer Erhöhung rechnen?

Die Beitragssatzerhöhung um 0,5 Punkte ist zum jetzigen Zeitpunkt das richtige Maß.  Wenn es  gelingt, Prozesse effizienter zu gestalten und bürokratische Hemmnisse zwischen  Sektoren zu verringern, wäre da noch Potenzial. Wir dürfen nicht kapitulieren und nur auf mehr Geld im System setzen, sondern müssen Pflegebedürftigkeit möglichst verhindern und selbstbestimmtes Leben so lange wie möglich erhalten.

Versicherte und Pflegekräfte beklagen häufig die aufwendige Bürokratie. Geht es nicht auch einfacher?

Die Dokumentation der ambulanten häuslichen Pflegedienste ließe sich mit elektronischen Mitteln weiter vereinfachen. Wenn alle Daten in eine elektronische Akte eingepflegt würden, wäre das eine riesige Arbeitsersparnis. Wir haben eine große Entbürokratisierungsoffensive  begonnen. Jetzt wird nicht jeden Tag alles klein-klein dokumentiert, sondern vor allem Auffälligkeiten und Veränderungen. Das stärkt das eigenverantwortliche Arbeiten der Pflegekräfte und setzt Vertrauen voraus.

Wie anfällig ist das komplexe Pflegesystem eigentlich für Betrug?

In einem System, wo so viel Geld unterwegs ist, wird es immer Kreativität geben, das auszunutzen. Wir haben alle eine Verantwortung, auf Missstände hinzuweisen, wenn Leistungen, die abgerechnet werden sollen, nicht erbracht werden. Wir brauchen Transparenz, aber hinter jeden Leistungserbringer einen Kontrolleur zu stellen, würde zum Kollaps führen.
 

Staatssekretär Andreas Westerfellhaus (61) ist Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung. Er hat in den 1970er Jahren eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert und später berufsbegleitend studiert. Westerfellhaus war von 2009 bis 2017 Präsident des Deutschen Pflegerates.


Das Gespräch führte Claus Peter Kosfeld.