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Presse

25. Juli 2019

„Branche mit Zukunft“ - Thomas Jarzombek (CDU) im Interview mit der Wochenzeitung „Das Parlament“

Vorabmeldung zu einem Interview in der nächsten Ausgabe der Wochenzeitung „Das Parlament“ (Erscheinungstag: 29. Juli 2019)
- bei Nennung der Quelle frei zur sofortigen Veröffentlichung -

Der Koordinator der Bundesregierung für die Deutsche Luft- und Raumfahrt, Thomas Jarzombek (CDU), hält eine Aufstockung des nationalen Raumfahrtprogramms um 200 Millionen Euro für notwendig. „Die Raumfahrt braucht mehr staatliche Unterstützung, wenn Deutschland als High Tech-Standort international ganz vorne mitmischen will“, sagte Jarzombek im Interview mit der Wochenzeitung „Das Parlament“ (Erscheinungstag der Themenausgabe „Raumfahrt“: 29. Juli). Deutschland müsse Zukunftsthemen wie New Space voranbringen und wesentliche Beiträge zu europäischen Raumfahrtprojekten leisten können.

Jarzombek sprach sich außerdem für ein nationales Weltraumgesetz aus. Die Akteure im All müssten die technische Sicherheit ihrer Anwendungen sicherstellen, außerdem müsse geklärt werden, wer im Schadensfall – etwa wenn ein Satellit gegen einen anderen fliege – haftet. Wichtig sei dabei, Startups und mittelständische Akteure nicht wegen horrender Risikoabsicherungen vom Markt zu verdrängen.

Das Interview im Wortlaut:

Herr Jarzombek, geboren im Jahr 1973 haben Sie die erste Mondlandung knapp verpasst. Haben Sie als Kind dennoch davon geträumt, wie Neil Armstrong einmal Astronaut zu werden?
Ich habe erst durch mein Amt wirklich begriffen, wie faszinierend das Raumfahrtthema ist und wie viel Bewegung da drin steckt. Inzwischen habe ich meinen kleinen Sohn mit meiner Begeisterung angesteckt – meine Frau sagt scherzhaft, ich hätte ihn „spacifiziert“. Er ist ein großer Fan von Alexander Gerst und Roboter Cimon, der im vergangenen Jahr mit auf der Internationalen Raumstation ISS war. Ich glaube, wir können viel mehr Menschen in unserem Land für Raumfahrt begeistern, wenn wir unsere Leistungen besser sichtbar machen.

Wir führen dieses Gespräch auf der Raumfahrt-Veranstaltung „InnoSpace Masters“ in Berlin, auf der sich auch viele Firmen tummeln. Warum ist das Thema so interessant für die Wirtschaft?
Bisher war die Raumfahrt eine Nischenbranche, die von staatlichen Akteuren dominiert wurde. Seit die Amerikaner den Markt vor etwa zehn Jahren für kommerzielle Firmen geöffnet haben, ist sie im Begriff, zu einer großen Industrie zu werden. Das macht sie für private Akteure und Startups interessant. Tüftler bauen heute winzige Satellitenantriebe und andere Komponenten, Startups bieten Services rund um Satellitendaten an. Die Palette der Anwendungen und Kunden ist groß: Unter anderem ist hier eine Firma, die eigens für die Deutsche Bahn Prognosen über problematische Waldgebiete an Bahntrassen erstellt.

Was bedeutet dieser Paradigmenwechsel für Sie als Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt?
Ich sitze im Bundeswirtschaftsministerium und das ist gut so, denn wir sollten die Raumfahrt mittlerweile als wichtigen Wirtschaftsfaktor begreifen. Wir müssen Unternehmensgründungen unterstützen und die Branche mehr für kommerzielle Geschäftsmodelle öffnen. Außerdem sollten wir zeigen, was für tolle Technologien wir in Deutschland entwickeln. Bisher weiß kaum jemand, dass das europäische Modul der Internationalen Raumstation ISS, das Columbus-Modul, in Bremen gebaut wurde. Das muss sich ändern.

Warum ist das Wirtschaften im All für die Menschen auf der Erde wichtig?
Die Raumfahrt bietet nicht nur eine unverzichtbare Infrastruktur für Wettervorhersagen, Satellitennavigation und weltweite Kommunikation. Sie ist auch Treiber für viele Entwicklungen. Insbesondere die Digitalisierung der industriellen Produktion, die „Industrie 4.0“ und ihr Herzstück, die Künstliche Intelligenz, profitieren von Impulsen aus der Raumfahrt. Es gibt heute Satelliten, die nur wenige Kilogramm wiegen und innerhalb von 24 Stunden hochauflösende Bilder von jedem Ort der Erde machen können. Landwirte können punktgenau wässern und düngen und so Ressourcen sparen. Nach wie vor haben außerdem viele Landstriche kein Internet oder verfügen nur über ein von Regierungen gefiltertes Netz. Freies Internet in die ganze Welt zu bringen – an dieser Mission versuchen sich derzeit gleich mehrere Unternehmen.

Die Vorstellung, dass bald Zehntausende Satelliten über uns kreisen und glasklare Fotos von jedem Punkt des Planeten machen können, ist allerdings auch beängstigend. Droht eine Rundum-Überwachung aus dem All?
Die Erhebung von personenbezogenen Daten durch Satellitenbilder ist nach dem heutigen Stand der Technik nicht möglich. Wir haben außerdem mit dem Satellitendatensicherheitsgesetz genau geregelt, unter welchen Bedingungen Firmen mit Sitz in Deutschland hochauflösende Satellitenbilder verbreiten dürfen. Grund dafür ist auch der Schutz der sicherheits- und außenpolitischen Interessen der Bundesrepublik Deutschland.

Dabei geht es aber nur um nationale Kontrolle. Brauchen wir für solche Fragen nicht einen neuen internationalen Weltraumvertrag?
Wir brauchen aufgrund der zunehmenden „Verkehrsdichte“ auf jeden Fall klarere und angepasste Regeln für die Nutzung des Weltraums. Vorbild für eine multilaterale Vereinbarung könnte der Antarktis-Vertrag sein.

Er untersagt unter anderem den Abbau von Bodenschätzen in der Antarktis. Gerade im Rohstoffabbau auf erdnahen Asteroiden sehen aber viele Potenziale.
Hier müssen wir auf verbindliche internationale Regeln hinarbeiten, für den Fall, dass der Weltraumbergbau tatsächlich langfristig interessant für die Wirtschaft wird.

Die Bundesregierung hat für 2020 einen Entwurf für ein Weltraumgesetz angekündigt. Was soll es konkret beinhalten?
Angesichts der neuen Akteure im All müssen wir sicherstellen, dass sie auch wissen, was sie tun. So sollten sie die technische Sicherheit ihrer Anwendungen nachweisen müssen. Geklärt werden muss auch, wer im Schadensfall haftet – etwa, wenn ein Satellit gegen einen anderen fliegt. Dabei gilt, dass Startups und mittelständische Akteure nicht wegen horrender Risikoabsicherungen vom Markt verdrängt werden dürfen. Wir arbeiten an einem Weg, der technische Sicherheit und Konkurrenzfähigkeit garantiert.

Aktuell gibt die Bundesregierung rund 1,5 Milliarden Euro für die deutsche und europäische Luft- und Raumfahrt aus. Ist das ausreichend?
Nein. Die Raumfahrt braucht mehr staatliche Unterstützung, wenn Deutschland als High Tech-Standort international ganz vorne mitmischen will. Wir wollten das nationale Raumfahrtprogramm gerne um 200 Millionen Euro aufstocken, um Zukunftsthemen wie New Space voranzubringen und wesentliche Beiträge zu europäischen Raumfahrtprojekten leisten zu können. Das ist aber nicht gelungen. Andere Nationen ziehen an uns vorbei: Großbritannien oder Frankreich geben ein Vielfaches für ihre nationalen Raumfahrtprogramme aus. Die Europäische Union will ihren Mittelansatz für die nächste Finanzperiode auf 16 Milliarden Euro erhöhen.

Derzeit bewerben sich zwei deutsche Astronautinnen um die Teilnahme an einer ISS-Mission. Wird die Bundesregierung sie unterstützen? Deutschland hat bisher elf Männer ins Weltall geschickt, aber noch nie eine Frau.
Das soll sich ändern. Wir müssen mehr tun, um junge Frauen für Naturwissenschaften und Ingenieursberufe zu begeistern und sich bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA zu bewerben. Bisher machen sie nur ein Siebtel der Bewerbungen aus, das schlägt sich in der geringen Zahl der europäischen Astronautinnen nieder. Für eine Mission außerhalb des ESA-Astronautenprogramms fehlen im derzeitigen Haushaltsansatz schlichtweg die Ressourcen.

Die Amerikaner wollen mit internationaler Beteiligung eine ständige Präsenz im Orbit des Mondes errichten. Welche Rolle spielt Deutschland dabei?
Wir sind stolz darauf, dass wir die Technikplattform des Orion-Raumschiffs beisteuern, mit dem die Amerikaner zum Gateway fliegen werden. Sie wird im Wesentlichen von Airbus in Bremen gebaut. Erstmals sind wir damit an einem missionskritischen Pfad der NASA beteiligt. Das Mondprojekt ist extrem spannend, weil es größere Ziele und Visionen in den Blick nimmt. Ein großer Traum von uns wäre es, damit auch eine Deutsche oder einen Deutschen auf den Mond zu bringen.