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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Nach dem Bundespräsidenten ist er der höchste Repräsentant der deutschen Demokratie: der Bundestagspräsident - protokollarisch der „zweite Mann im Staate“. Mag seine politische Macht auch begrenzt sein, so genießt sein Amt doch höchstes Ansehen. Sein Wort hat in der Öffentlichkeit Gewicht. In unserer Serie stellen wir die zehn Männer und zwei Frauen vor, die bislang an der Spitze des deutschen Parlaments standen. Hier: Wolfgang Thierse, elfter Bundestagspräsident vom 26. Dezember 1998 bis zum 18. Oktober 2005. Als der Deutsche Bundestag Wolfgang Thierse zum Nachfolger von Prof. Dr. Rita Süssmuth im Amt des Bundestagspräsidenten wählt, ist dies in zweierlei Hinsicht eine historische Entscheidung: Erstmals seit der deutschen Wiedervereinigung übernimmt ein Ostdeutscher das zweithöchste Amt im Staat.

Gleichzeitig ist der Sozialdemokrat der erste, der die Geschicke des deutschen Parlaments wieder vom Reichstagsgebäude aus lenkt - der Bundestag zieht unter seiner Ägide zurück in die alte und neue deutsche Hauptstadt an der Spree. Für Thierse ist dies mehr als Symbolik: Er will am „zentralen Ort Berlin an der Vollendung der inneren Einheit Deutschlands mitwirken“.

„Radio-Sozialdemokrat“

Wolfgang Thierse kam am 22. Oktober 1943 als Sohn eines Rechtsanwalts in der niederschlesischen Provinzhauptstadt Breslau zur Welt. Als nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Familie von dort vertrieben worden war, ließ sie sich im thüringischen Eisfeld nieder, wo Thierse aufwuchs.

Für Politik interessierte er sich früh: Sein Vater war Mitglied der Zentrumspartei während der Weimarer Republik, nach der Neugründung der Ost-CDU vertrat er sie im Kreistag als Abgeordneter. Regelmäßig hörte der Vater den West-Berliner Rundfunksender RIAS.

So verfolgte der junge Thierse schon früh Debattenübertragungen aus dem Bundestag: Carlo Schmid, Herbert Wehner und später Willy Brandt gehörten zu den Rednern, die ihn begeisterten. Thierse wurde „Radio-Sozialdemokrat“, schrieb der Journalist Franz Sommerfeld 1993.

„Grimmige Idylle in der DDR“

Nach dem Abitur in Hildburghausen erlernte Thierse den Beruf des Schriftsetzers beim „Thüringer Tageblatt“ in Weimar. Journalistik zu studieren, wofür er sich interessierte, war jedoch in der DDR ohne Jugendweihe und Ableistung des Militärdienstes nicht möglich.

Statt dessen studierte Thierse von 1964 bis 1968 Germanistik und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Nach dem Diplom wurde er dort auch wissenschaftlicher Assistent für Kulturtheorie/Ästhetik.

1975 wechselte er ins Kulturministerium der DDR, wo er sich vor allem mit architekturbezogener Kunst befasste. Doch seine Tätigkeit war nur von kurzer Dauer: 1976 wurde Thierse aus dem Staatsdienst entlassen, da er aufgrund von Äußerungen gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR denunziert worden war.

1977 fand er eine berufliche Aufnahme im Institut für Literaturgeschichte. Der 33-Jährige wurde Mitverfasser des „Historischen Wörterbuchs der ästhetischen Grundbegriffe“ und begann, wie viele andere Intellektuelle in der DDR, ein Nischendasein zu leben. Seine berufliche Existenz bezeichnete Thierse später als „grimmige Idylle in der DDR“.

1989 als politisches Erweckungserlebnis

Der Katholik Thierse war nie SED-Mitglied. Als „Nicht-Genosse“ musste er die DDR zwar in Kauf nehmen, als SED-Mann hätte er sie aber billigend in Kauf nehmen müssen. So definierte Thierse in einem Gespräch mit dem Journalisten Ernst Elitz den Unterschied zwischen SED-Mitgliedschaft und SED-Abstinenz.

Thierse wollte sich nicht einbinden lassen, auch nicht von oppositionellen Gruppen. Das änderte sich 1989. Die Flucht von Zehntausenden aus der DDR wurde für ihn zum „politischen Erweckungserlebnis“. Thierse erzählte, er habe den Druck verspürt zu zeigen, dass nicht nur die „Faulen, Feigen und Folgsamen“ in der DDR blieben.

Er wollte mitmischen: „Wenn nicht jetzt, dann schäme ich mich ein ganzes Leben“, zitierte ihn Elitz in dem 1991 erschienenen Porträt „Genosse Rotbart“. Im Oktober 1989 schloss sich Thierse dem Neuen Forum an, im Januar 1990 dann der Ost-SPD.

„Nicht die Wahrheit gepachtet“

Thierse machte in der Politik schnell Karriere: Bei der Wahl zur ersten freien Volkskammer der DDR, am 18. März 1990, erhielt er ein Mandat und wurde stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD. Im Juni wählten ihn die Parteitagsdelegierten dann zum Parteivorsitzenden.

Der „Neupolitiker“ profitierte davon, dass er nie den Eindruck erweckte, „die Wahrheit gepachtet zu haben“, so Elitz über Thierse. Als im Streit um die Modalitäten des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik Richard Schröder im August vom Fraktionsvorsitz zurücktrat, übernahm Thierse dessen Amt.

Nach der Vereinigung der sozialdemokratischen Parteien der Bundesrepublik und der DDR Ende September 1990 wurde Thierse schließlich einer der stellvertretenden Vorsitzenden. Anlässlich der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember errang er ein Direktmandat im Wahlkreis Mitte/Prenzlauer-Berg.

„Mundwerk der Ostdeutschen“

Im Bundestag bewährte Thierse sich als glänzender Debattenredner. Als „wortgewaltiger Moralist“, wie ihn die Medien bald betitelten, nahm er nur selten ein Blatt vor den Mund, dachte gern quer - auch wenn er in der eigenen Partei aneckte.

Zum Streit führte so etwa in der Hauptstadt-Debatte sein leidenschaftliches Plädoyer für Berlin oder der Vorschlag eines politisch-moralischen „Tribunals“, worunter er „öffentliche, strenge Formen des Gesprächs“ über die Mechanismen systemstabilisierenden Verhaltens in der DDR verstand.

Auch später war Thierse stets derjenige, der ostdeutsche Befindlichkeiten auf der Tagesordnung hielt. 1998, als Rot-Grün unter Führung Gerhard Schröders (SPD) die Regierungsgeschäfte übernahm, wählte der 14. Bundestag Thierse mit 512 von 666 abgegebenen Stimmen zum neuen Bundestagspräsidenten. Eine „Rolle, wie auf den Leib geschneidert“, urteilte damals „Die Welt“ über den, den sie in der SPD „liebevoll-ironisch Ossi-Bär nennen“.

Aber auch als zweiter Mann im Staat wurde Thierse nicht leise, sondern mischte sich weiterhin in politische Debatten ein. Anlässlich der Diskussionen um das Finanzgebaren der Parteien erklärte Thierse im Jahr 2002, auch als parteipolitisch neutraler Repräsentant aller Abgeordneten des Bundestages müsse er schließlich kein „politischer Eunuch“ werden. Mit seiner Feststellung „der Osten stehe auf der Kippe“, löste Thierse zehn Jahre nach Wiederherstellung der deutschen Einheit eine Debatte über die Zukunft der neuen Bundesländer und die Fortführung staatlicher Förderprogramme aus.

Einsatz für interkulturellen Dialog

Thierse nahm sich insbesondere der Themen Zuwanderung, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus an. Auf seinen Reisen (unter anderem nach Marokko und Ägypten) setzte er sich für den interkulturellen Dialog ein, wobei er die Gelegenheit nutzte, westliche Werte kritisch zu hinterfragen und vor den Folgen ungehinderter Globalisierung und wachsender Individualisierung zu warnen.

Gefordert war Thierse vor allem auch durch Parteispendenaffären sowohl in der Kölner SPD als auch in der Union, die er als Parlamentspräsident mit hohen Strafgeldern ahndete. Zum Konflikt kam es 2000 zwischen Thierse und der Deutschen Lufthansa wegen einer Affäre um privat genutzte, aber dienstlich entstandene Bonusmeilen, welche einige Abgeordnete bereits in Bedrängnis gebracht hatte.

Die Lufthansa verweigerte aus Datenschutzgründen die Herausgabe von Listen der Abgeordneten, die die Bonusmeilen nutzten. In den Medien wurde aber auch über Thierses Mitverantwortung diskutiert, nachdem der Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim ihm als Chef der Bundestagsverwaltung einen „guten Teil der Verantwortung“ unterstellt hatte.

Bundestagsvizepräsident seit 2005

Als die rot-grüne Bundesregierung 2005 nach den vorgezogenen Neuwahlen die Mehrheit im Bundestag verlor und die CDU/CSU stärkste Fraktion wurde, löste Dr. Norbert Lammert (CDU/CSU) Thierse nach zwei Legislaturperioden im Amt des Bundestagspräsidenten ab.

Thierse ist seitdem Bundestagsvizepräsident und wird noch immer seinem Ruf als „Mundwerk der Ostdeutschen“ gerecht: Zuletzt forderte er anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls in einem Beitrag des Online-Magazins „The European“, zwischen dem politischen System der DDR und den darin lebenden Menschen zu unterscheiden. Nur so könne man zu einem differenzierten Urteil in der Debatte um die historische Bewertung der DDR kommen.

Thierse erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz (1993), den Ignatz-Bubis-Preis (2001) und den Theodor-Heuss-Preis (2001) sowie die Ehrendoktorwürde, verliehen durch die philosophische Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er veröffentlichte mehrere Bücher. Thierse lebt in Berlin-Prenzlauer Berg. Seit 1973 ist er mit der Kunsthistorikerin Irmtraud Thierse verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder.

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