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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Lothar de Maizières Rückblick auf die Einigungszeit

Lothar de Maizière, Wolfgang Thierse

Lothar de Maizière, Wolfgang Thierse

© DBT/Melde

Ob es ein Zufall war, dass Lothar de Maizière just am 20. Jahrestag der ersten gesamtdeutschen Wahl in der Bibliothek des Bundestages über die bewegten Monate vor diesem Ereignis berichtete? Vor Kurzem hat der letzte Ministerpräsident der DDR seine Erinnerungen an diese Zeit aufgeschrieben. „Ich will, dass meine Kinder nicht mehr lügen müssen. Meine Geschichte der deutschen Einheit“ ist der Titel des Buches, aus dem der mittlerweile 70-Jährige am Donnerstag, 2. Dezember 2010, im Lesesaal vor einer interessierten Zuhörerschar las. Ein alter Bekannter de Maizières aus jenen Tagen, Bundestagsvizepräsident Dr. Wolfgang Thierse (SPD), führte den Gast mit den Worten ein, er sei damals ohne die „berühmt-berüchtigte Ochsentour in hohe politische Ämter geschleudert worden“.

De Maizière kokettierte mit der Feststellung, er sei als 16-Jähriger in die Ost-CDU eingetreten und habe nie ein Amt bekleidet - bis er 1989 zum Vorsitzenden gewählt wurde. Gemeinsam ist de Maizière und Thierse; dass beide am 2. Dezember 1990 als Abgeordnete in den ersten gesamtdeutschen Bundestag gewählt wurden.

Revolution statt Wende

Lothar de Maizière, Protestant, Musiker, Rechtsanwalt, Politiker, dreifacher Vater und elffacher Großvater, war nach der ersten freien Volkskammerwahl in der DDR am 18. März 1990 Ministerpräsident geworden, wickelte mit seinen Mitstreitern im folgenden halben Jahr die DDR ab, wurde nach der Wiedervereinigung Minister im Kabinett Kohl und stellvertretender Vorsitzender der gesamtdeutschen CDU. Nach kurzer Zeit legte er seine Ämter nieder und arbeitete fortan wieder als Rechtsanwalt.

Das Wort „Wende“ zur Beschreibung der Jahre 1989/90 gefällt Lothar de Maizière nicht, Honeckers SED-Nachfolger Egon Krenz habe diesen Begriff geprägt. Er spreche lieber von „Revolution“, sagte er.

Stolpe und Kohl

Der Autor ließ bei seinem Streifzug durch die Kapitel des Buches manche Begegnung mit anderen Zeitzeugen aufleben, etwa mit dem späteren Ministerpräsidenten von Brandenburg, Manfred Stolpe, den er durch Verbindungen in der Evangelischen Kirche in der DDR seit den siebziger Jahren kannte. „Die Chemie zwischen uns stimmte“, sagte de Maizière über Stolpe, beide seien gern auf den Punkt gekommen und hätten langes Herumreden um eine Sache gescheut.

Dem Wunsch Wolfgang Thierses, doch über sein Verhältnis zu Helmut Kohl vorzulesen, mochte de Maizière nicht nachkommen. Es sei aber kein Geheimnis, dass „zwischen mir und Helmut Kohl keine Männerfreundschaft entstanden ist in dieser Zeit“. Ein „pfälzischer Drei-Zentner-Katholik“ und ein „protestantischer Hugenotte“ passten nicht gut zusammen.

Mitterrand und Thatcher

Dass François Mitterrand der Einheit „mehr als skeptisch“ gegenüberstand, ist bekannt. Er wollte, wie de Maizière berichtete, mit der DDR noch ein vierjähriges Handelsabkommen abschließen. Er habe dem französischen Staatspräsidenten damals abgeraten, sagte de Maizière, der Vertrag werde seine Laufzeit nicht erreichen.

Auch die britische Regierungschefin Margaret Thatcher sei „bis zum letzten Tag“ gegen die Wiedervereinigung gewesen. Die eiserne Lady habe ihm empfohlen, sich auf Fotos mit den „großen Kerlen“ Kohl und Genscher eineinhalb Schritte wegzustellen, damit der Größenunterschied nicht so deutlich wird.

Doch kein Harmloser

Ein Zuhörer fragte nach den Verhandlungen um den „Zwei-plus-vier“-Vertrag mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs. De Maizière räumte ein, bei der Vertragsunterzeichnung in Moskau im September 1990 den Füllfederhalter mitgenommen zu haben in der Absicht, ihn einmal seinen Enkeln zu schenken. Beim Verlassen des Raums habe er festgestellt, dass auch die Füller der anderen fünf Unterzeichner nicht mehr da waren...

Und noch eine Episode: Beim Zusammenschluss von Ost- und West-CDU hätten 26 Millionen Mark an die klamme Westpartei überwiesen werden sollen. De Maizière habe jedoch mit dem Geld hohe Rückstellungen für Sozialpläne zugunsten entlassener Mitarbeiter der Ost-CDU gebildet und den Rest an die fünf ostdeutschen Landesverbände verteilt. „Kohl war wütend, er hatte mich bisher für einen Harmlosen gehalten.“ Verschmitzt fügte er hinzu: „Auf diesen Bubenstreich bin ich heute noch stolz.“ (vom)

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