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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

„Wir brauchen eine Willkommenskultur“

Ute Kumpf (SPD)

© DBT/Melde

Eine „Willkommenskultur“ in der Gesellschaft mahnt die SPD-Abgeordnete Ute Kumpf aus Stuttgart im Interview an. Die stellvertretende Vorsitzende des Unterausschusses „Bürgerschaftliches Engagement des Familienausschusses des Bundestages sieht angesichts des „Tages des Ehrenamtes“ am Montag, 5. Dezember 2011, das bürgerschaftliche Engagement als Schlüssel für das soziale Miteinander in der Gesellschaft an. Sie verweist darauf, dass dieses Engagement nicht „Ausfallbürge für wegfallende staatliche Leistungen“ sein dürfe. Dies wäre nicht nur ein „gefährlicher Trend“ hin zur Verdrängung von Arbeitsplätzen, sondern würde auch das Engagement abwürgen, das staatliche Leistungen ergänzen und nicht kompensieren solle. Das Interview im Wortlaut:


Frau Kumpf, am 5. Dezember ist der Tag des Ehrenamtes. Was antworten Sie den Menschen auf die Frage, warum sie sich freiwillig engagieren sollten?

Der Zusammenhalt unserer Gesellschaft geht uns alle an. Solidarität ist keine Einbahnstraße und Demokratie kennt keinen Schaukelstuhl. Daher: Mitmachen ist Ehrensache!

In Deutschland sind laut dem Freiwilligensurvey 2009 36 Prozent der Menschen – ebenso viele wie bei der letzten Erhebung 2004 - freiwillig engagiert. Gestiegen ist hingegen die Zahl derjenigen, die grundsätzlich zu einem Engagement bereit sind. Was muss getan werden, um diese wachsende Gruppe zu tatsächlich Engagierten zu machen?

Dieser brachliegende Schatz muss gehoben werden. Dafür braucht es mehr Anlaufstellen, wie zum Beispiel Freiwilligenagenturen, Vereine und Verbände, die sich für Engagementbereite öffnen. Freiwilliges Engagement kann sich in vielen Feldern entfalten. Die Palette reicht von Sport und Gesundheit über Kultur und Bildung bis hin zu zur Politik. Gerade Ältere haben noch viel zu bieten und wollen ihre Kompetenzen einbringen. Es gibt wunderbare Beispiele von Patenschaften zwischen Jung und Alt: Ältere engagieren sich als Bildungslotsen im Übergang von Schule und Ausbildung, als Lesepaten oder „Seniorpartner in School“, als Mediatoren, als Kulturlotsen für Ältere mit Migrationshintergrund im Pflegeheim oder als Senior Experten, die weltweit Hilfe zur Selbsthilfe für Unternehmen, Organisationen, Kommunen anbieten.

Der Freiwilligensurvey zeigt – entgegen dem allgemeinen Trend - einen Rückgang der Engagementquote bei Jugendlichen auf. Gehen uns also in Zukunft die freiwillig Engagierten aus?

Das ist ein Alarmsignal und auf die Rahmenbedingungen für die Jugendlichen zurückzuführen. Der Druck in Schule und Ausbildung ist gestiegen. Die Einführung des achtjährigen Gymnasiums in vielen Bundesländern und die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen sind zwei Beispiele für die zunehmende Belastung. Die Einführung der Ganztagsschule wird diese Entwicklung verstärken. Oft fehlt schlicht die Zeit sich zu engagieren. Hier müssen wir gemeinsam gegensteuern.

Wie könnte das aussehen?

Es müssen Modelle entwickelt werden, wie sich Engagement auch im Bildungssystem, in der Schule und Hochschule, entfalten kann. Engagement kann gelernt werden! Die Schulen sollen sich für die örtlichen Vereine und Initiativen öffnen. Natürlich unter der Maßgabe, dass freiwilliges Engagement keine Lehrerstellen ersetzen darf. Von einer Öffnung profitieren sowohl Schule, Schülerinnen und Schüler als auch die örtlichen Vereine und Initiativen.

Als problematisch wird auch das sogenannte Schichtenphänomen angesehen. Gerade bei Jugendlichen sind es diejenigen mit einem höheren Bildungsstatus, die sich stärker engagieren. Wie erklären Sie sich das?

Dieses Muster besteht nicht nur bei Jugendlichen, sondern auch bei Erwachsenen. Schon in der Enquete-Kommission zur „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ haben wir festgestellt, dass Engagement finanzielle Sicherheit und Kompetenz voraussetzt. Wir müssen daher gezielt gerade auf die Menschen zugehen, die nicht über diese Ressourcen verfügen. Nur so kann es gelingen, Menschen für das Engagement zu gewinnen, die bisher keinen Zugang gefunden haben. Manchmal reicht ein Impuls, ein Zutrauen in ihre Fähigkeiten oder die Möglichkeit sich zu qualifizieren.

Ganz besonders großer Nachholbedarf besteht bei der Gruppe der Migranten, heißt es immer wieder von den Wissenschaftlern, die sich mit der Thematik beschäftigen. Wirkt das deutsche Vereinswesen, über das ja nach wie vor der Großteil des freiwilligen Engagaments organisiert wird, abschreckend auf diese Gruppe?

Ich denke nicht, dass speziell die Vereinsstruktur daran Schuld ist. Migranten gründen ja selbst Vereine. Oft wissen wir auch zu wenig von diesem Engagement. In Sportvereinen gelingt Engagement von Migranten oft problemlos. Wir brauchen eine Willkommenskultur, in unserer Gesellschaft generell wie auch im bürgerschaftlichen Engagement. Denn gerade das bürgerschaftliche Engagement ist ein Schlüssel für das soziale Miteinander in der Gesellschaft. Und das Engagement von Migrantinnen und Migranten leistet einen zentralen Beitrag zur Integration.

Wie bewerten Sie die Gefahr, dass der Staat angesichts leerer Kassen das freiwillige Engagement ausnutzt, um eigene Aufgaben kostengünstig auszulagern?

Bürgerschaftliches Engagement darf nicht Ausfallbürge für wegfallende staatliche Leistungen sein. Engagierte dürfen nicht ausgenutzt werden. Das ist nicht nur ein gefährlicher Trend in Bezug auf die Verdrängung von Arbeitsplätzen, sondern würgt auch bürgerschaftliches Engagement ab, das staatliche Leistungen ergänzen und nicht kompensieren soll.

Seit 1. Juli gibt es den Bundesfreiwilligendienst (BFD). Wie ist dieses auch als Ersatz für den Zivildienst angedachte Instrument bisher angenommen worden?

Die Einführung des Bundesfreiwilligendienstes sehe ich zweischneidig. Das Bundesfamilienministerium bezeichnet die Einführung des BFD als großen Erfolg. Meine Erfahrungen vor Ort in meinem Wahlkreis und bei den Trägern sind aber andere. Die Einführung des neuen Dienstes fand überhastet statt. Handwerkliche Mängel bei den Gesetzen führten zu großer Verwirrung bei den Interessenten wie bei den Trägern. Deshalb haben sich diese lieber für die bekannten und etablierten Programme Freiwilliges Soziales Jahr oder Freiwilliges Ökologisches Jahr entschieden. Hinzu kommt, dass mit dem Bundesfreiwilligendienst eine Doppelstruktur geschaffen wurde. Anstatt einen vom Staat gesteuerten Freiwilligendienst einzurichten, hätte ich mir gewünscht, die bestehenden, etablierten Freiwilligendienste zu stärken. Im Unterausschuss werden wir uns im ersten Quartal 2012 die gemachten Erfahrungen bei der Einführung genauer ansehen und daraus die notwendigen Schlüsse ziehen.

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