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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

„Gute präventive Jugend- und Sozialarbeit gefragt“

Joachim Günther (FDP)

© DBT/Zippel

Am Mittwoch, 8. Februar 2012, veranstaltet der Sportausschuss eine öffentliche Anhörung zum Thema „Gewalt in und um Fußballstadien“. Anlass dafür sind nicht zuletzt die Ereignisse während des DFB-Pokalspiels zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Dresden im Oktober 2011, das aufgrund randalierender Dynamo-Anhänger kurz vor dem Abbruch stand. Im Januar dieses Jahres kam es bei einem Hallenturnier in Hamburg zu einer Massenschlägerei zwischen unterschiedlichen Fangruppen. Aber auch in unteren Ligen kommt es immer mal wieder zu Fanausschreitungen. Zum Thema der Anhörung äußert sich Joachim Günther (FDP), stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses, im Interview:


Herr Günther, können Eltern mit ihren Kindern noch gefahrlos in ein Fußballstadion gehen?

Das denke ich schon. Vorfälle wie beim Pokalspiel in Dortmund oder dem Hallenturnier zuletzt in Hamburg sind ja eher die Ausnahme. Es sind immer wieder Einzelne oder auch einzelne Gruppen, die das Ganze in Verruf bringen. Die Masse der Fußballspiele verläuft aber absolut friedlich und die Fans zeigen sich dabei sportbegeistert.

Der öffentliche Eindruck ist ein anderer. Sowohl die Zahl der Verletzten als auch die Zahl der als gewalttätig geltenden Fans ist in der letzten Saison auf Rekordniveau gestiegen…

Es ist bedauerlich, dass einige den Fußball als Ventil für ihre im Alltag angestauten Aggressionen missbrauchen. Hier ist eine gute präventive Jugend- und Sozialarbeit gefragt. In dem Zusammenhang möchte ich anmerken, dass es auf diesem Gebiet seit langem Bemühungen gibt, die unter anderem auch der Bund finanziell unterstützt. Und viele Fußballvereine können ja auch bereits auf erfolgreich arbeitende Fanprojekte verweisen.

Sie sprechen die Verantwortung der Vereine und Verbände an. Zuletzt gab es Streit um das Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion. Die Deutsche Fußballliga (DFL) hatte hier gegenüber den sogenannten Ultras ein Entgegenkommen signalisiert. Es sollte extra Zonen für das Abbrennen geben. Schlussendlich blieb das Verbot aber bestehen. Eine richtige Entscheidung?

Auf jeden Fall. Pyrotechnik in Fußballstadien ist immer gefährlich, egal in welchem Bereich sie angewendet wird. Soviel Einsicht müsste bei allen Beteiligten eigentlich da sein. Da müssen die Vereine und die Fangruppen im Interesse der Sicherheit aller Stadienbesucher zusammenarbeiten.

Eine Zusammenarbeit mit den Ultras scheint aber schwierig. Geht nicht gerade von diesen Gruppen oftmals auch Gewalt aus?

Das kann man so nicht sagen. Die Ultras insgesamt sind überwiegend nicht gewalttätig. Wir müssen daher aufpassen, dass diese Gruppierungen nicht in eine falsche Ecke gestellt werden. Es gibt aber immer wieder einzelne Gewalttäter, die unter dem Deckmantel des Ultras agieren. Tatsächlich sind das aber keine Fans, sondern Berufsrandalierer.

Also sollte mit den Ultras das Gespräch gesucht werden?

Das wäre der richtige Weg. Gerade die Ultragruppen, die sich als echte Fans ihrer Vereine sehen, unterstützen auch die Bemühungen zur Gewaltvermeidung. Das Problem ist nur: Schon zehn Verrückte können ein ganzes Stadion durcheinanderbringen.

Ist es aus Sicht der Vereine sinnvoll, Stadionverbote auszusprechen?

Das mag in Einzelfällen so sein. Gerade in kleineren Vereinen, wo man die Leute auch genau kennt. Ich weiß aber nicht, wie das in großen Arenen funktionieren soll, da man ja bei der Einlasskontrolle keine Fingerabdrücke nehmen kann. Seit dem Jahr 2000 gab es im Übrigen 9.500 bundesweit ausgesprochene Stadionverbote. Das ist auf die Summe der Stadionbesucher gerechnet natürlich nur ein verschwindender Teil. Aber es sind die, die alles kaputt machen.

Ihr Heimatverein, der VFC Plauen, bei dem Sie ja als Mitglied des Aufsichtsrates fungierten, ist als Regionalligist von Ausschreitungen auch nicht verschont geblieben. Was kann die Führungsebene eines Vereins tun, um dies zu verhindern?

Der VFC hat mit den Fangruppen gesprochen, was natürlich angesichts der übersichtlichen Größe auch leichter möglich war. Dabei hat sich dann auch herausgestellt, dass viele der Unruhestifter gar nicht aus Plauen kamen, sondern von ohnehin als gewaltbereit bekannten Gruppierungen anderen Teams.

Wochenende für Wochenende wird ein großes Polizeiaufgebot benötigt, um die Spiele der drei Profiligen zu sichern. Für viele, die nicht so sehr mit dem Fußball verbunden sind, stellt sich da die Frage, ob nicht hierfür verstärkt die Vereine zur Kasse gebeten werden sollten?

In den Stadien selber arbeiten die Vereine der ersten und der zweiten Bundesliga ja schon verstärkt mit eigenen privaten Sicherheitsdiensten. Je weiter man bei den Ligen nach unten geht, umso problematischer wird das jedoch. Bei Lok Leipzig gab es lange Probleme mit gewaltbereiten Fans. Als Fünft- oder Sechstligist fehlen dem Verein aber die finanziellen Mittel, um eigene Sicherheitsdienste zu beauftragen.

Angesichts der geringeren Sicherheitsvorkehrungen weichen Krawallmacher gern in untere Ligen aus. Da gibt es dann auch schon mal Ausschreitungen bei einer Partie der zweiten Mannschaft vom VfL Wolfsburg gegen die Reserve von Union Berlin. Da kann man doch nur mit dem Kopf schütteln…

Ja, dass sind dann aber auch keine Fußballfans. Das sind Leute, die so ein Spiel nutzen, um sich auszutoben. Würden sie das nicht beim Fußball tun, täten sie das in einem anderen Rahmen.

(hau)

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