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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Landmaschinenbauerin und Powerfrau: Sabine Stüber

Sabine Ursula Stüber, DIE LINKE.

Sabine Ursula Stüber, DIE LINKE.

© DBT/Urban

16 Direktmandate holte Die Linke bei der Bundestagswahl 2009. So viele wie nie zuvor. Auch die auf der bundespolitischen Bühne bis dahin noch recht unbekannte Kommunalpolitikerin Sabine Stüber zog über ein solches Direktmandat für den Wahlkreis Uckermark-Barnim I in den Bundestag ein. Seitdem macht sich die studierte Landmaschinenbau-Ingenieurin im Umweltausschuss und im Petitionsausschuss vor allem für die Interessen der Menschen in Brandenburg stark.

Powerfrau von links

Es ist eine Chance, die sich Sabine Stüber nicht entgehen lassen kann: Als sie gefragt wird, ob sie sich vorstellen kann, als Kandidatin der Partei Die Linke im Wahlkreis Uckermark-Barnim I bei der Bundestagswahl 2009 anzutreten, zögert die damalige Stadtverordnete von Eberswalde nicht lange: „Ich dachte mir: ‚Warum eigentlich nicht? Wenn es klappt, dann bist du eben in dieser bunten Republik die Powerfrau von links.’“ Powerfrau von links — damit lässt sich Stübers politisches Engagement trefflich betiteln. Dabei wäre eine politische Karriere, wie sie die 58-Jährige erlebt, unmöglich gewesen ohne zwei Ereignisse, die sie sicher nicht herbeigesehnt hat: den Zusammenbruch der DDR und die deutsche Wiedervereinigung.

Stationen einer DDR-Jugend

Stüber wird 1953 in Prenzlau geboren. Ihr Vater ist Mitglied der Nationalen Volksarmee, und Stüber durchläuft die üblichen Stationen einer Jugendlichen in der DDR: „Es war typisch, dass man in der ersten Klasse Jungpionier wurde, dann Thälmannpionier und in der achten Klasse schließlich Mitglied der FDJ.“ Stüber gehört zu den Eifrigen: Sie ist Gruppenratsvorsitzende bei den Pionieren und FDJ-Sekretärin – außerdem eine Klassenbesten.

Das zahlt sich aus: Stüber erhält das Privileg eines Stipendiums für ein Auslandsstudium in der damaligen Sowjetunion. Als Vorbereitung darauf absolviert sie eine Art Vorstudium an der „Arbeiter-und-Bauern-Fakultät“ in Halle, das sie 1972 mit dem Abitur abschließt. Doch die Wahl des Studienfachs ist reglementiert. Stüber liebäugelt mit Maschinenbau. Dann streicht das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) überraschend die Zahl der Studienplätze von 20 auf fünf: „Man hatte festgestellt, dass es bereits zu viele Maschinenbau-Ingenieure gab“, erinnert sich Stüber. So schreibt sie sich für Landmaschinenbau in Rostow am Don ein.

„Gelernt herauszulesen, was nicht gesagt wurde“

Fünf Studienjahre verbringt sie in der südrussischen Stadt. Eine wertvolle Erfahrung, nicht nur in fachlicher Hinsicht. Stüber beginnt sich über so manches zu wundern: „Da war die Lebenssituation viel schlechter als bei uns in der DDR, zum Beispiel die Versorgung mit Lebensmitteln oder Kleidung. Ich fand das seltsam, denn die Sowjetunion galt als unser ‚großer Bruder’, als Vorbild.“

SED-Verlautbarungen habe sie daraufhin kritischer studiert: „Man hat gelernt, hinter die Worte zu schauen, herauszulesen, was eben nicht deutlich gesagt wurde“, erklärt Stüber und betont, wie sehr sie 1988 das plötzliche Verbot der zu dieser Zeit sehr populären, weil kritischen sowjetischen Zeitschrift Sputnik „aufgeregt“ habe. Die Zeitschrift ist — beeinflusst durch den Glasnost- und Perestroika-Kurs des KPdSU-Generalsekretärs Michail Gorbatschow — den DDR-Oberen zu unbequem geworden. Stüber ärgert sich, doch grundsätzliche Zweifel am politischen System weckt das Verbot nicht. Von der DDR ist sie „überzeugt“.

Konstrukteurin beim „Kombinat Fortschritt“

Zurück aus der Sowjetunion als diplomierte Landmaschinenbau-Ingenieurin tritt Stüber 1978 ihre erste Stelle als Ingenieurin beim „Kombinat Fortschritt“ an, dem damals größten Landtechnikhersteller der DDR. Stüber arbeitet zunächst im Erntemaschinenwerk in Neustadt/Sachsen, später in Elsterwerda, wo insbesondere Melkmaschinen konstruiert und gebaut werden.

1983 wechselt sie schließlich ans Institut für Pflanzenschutzforschung, wo man vor allem ihre Russischkenntnisse zu schätzen weiß: In der Abteilung für Internationale Zusammenarbeit unterstützt sie fortan den Austausch im Rahmen des damaligen „Rats für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, einem wirtschaftlichen Zusammenschluss sozialistischer Staaten unter Führung der Sowjetunion. Hier organisiert sie unter anderem Dienstreisen, arbeitet als Dolmetscherin und wertet Reiseberichte aus.

Kandidatin auf „Bewährung“

In dieser Zeit wird Stüber auch politisch aktiv: Bereits 1981 ist sie Kandidatin der SED geworden — und damit Anwärterin auf eine Mitgliedschaft. „Ein Jahr musste man sich bewähren, dann wurde man offiziell aufgenommen“, erklärt Stüber das recht ungewöhnliche Aufnahmeverfahren. Bereits als Abiturientin ist sie Kandidatin gewesen, tritt aber dann doch nicht bei. „Die SED war ja eigentlich eine Arbeiter- und Bauernpartei, aber in meinem Jahrgang war der Intelligenz-Anteil sehr hoch, sodass nicht alle Kandidaten Mitglied werden konnten.“

1982 ist die Situation anders: Stüber wird Parteimitglied. Ihr stärkstes Motiv: „Ich war dankbar für das Auslandsstudium. Das war doch sehr teuer für die kleine DDR.“ Stüber ist in den folgenden Jahren insbesondere in der innerbetrieblichen Frauenkommission aktiv. Es ist der Grundstein für ihr frauenpolitisches Engagement, das sie nach der Wiedervereinigung fortsetzt: 1999 wird Stüber Sprecherin des Frauenpolitischen Rats im Land Brandenburg. Fast zehn Jahre engagiert sie sich in dieser Funktion für die Organisation, unter deren Dach sich verschiedene Frauenverbände und -gruppen von Gewerkschaften, Parteien und Kirchen zusammengeschlossen haben.

Runder Tisch der Frauen

In der Wendezeit ist es aber zunächst der „Runde Tisch der Frauen“ in Eberswalde, an dem sich Stüber beteiligt: „Mir ging es um die Verbesserung der Mitsprachemöglichkeiten, dass Frauen und ihre Sichtweise mehr Gehör finden“, erinnert sich Stüber. Zuwenig Mitsprache — das ist auch, was Stüber im Rückblick an der DDR bemängelt. Es ist offenbar jedoch ihre einzige Kritik: „Wir haben die Mitwirkungsrechte total ignoriert. Wenn wir wirklich das gemacht hätten, was im Programm stand, dann hätten wir die Wende nicht erleben müssen.“

Die Wende bringt für Stüber beruflich schlechte Nachrichten: Es zeichnet sich ab, dass die Eberswalder Zweigstelle des Instituts für Pflanzenforschung schließen wird. Doch Stüber ist gut vernetzt: Von 1992 an wird sie über 15 Jahre als Beraterin und Koordinatorin in verschiedenen Projekten zur Gleichstellung von Frauen und zur Förderung von Langzeitarbeitslosen arbeiten. Und auch politisch bringt die Wende ihr neue Chancen: 1990 kandidiert Stüber bei der Kommunalwahl für die PDS, die Nachfolgepartei der SED. „Ich habe mich entschieden, in dieser Partei zu bleiben, weil ich gedacht habe: ‚Es kann nicht sein, dass wir so sang- und klanglos abtreten!’“ Stüber will ihre Region mitgestalten und erhält die Möglichkeit dazu: 13 Jahre, 1990 bis 2003, ist sie Kreistagsabgeordnete, sitzt im Jugendhilfeausschuss sowie im Beirat für Migration und Integration. Von 2008 bis 2010 ist sie zudem Stadtverordnete in Eberswalde.

Biosphärenreservat, Buchenwald, Betreuungsgeld

Auch als Bundestagsabgeordnete steht die Region Uckermark-Barnim für sie im Vordergrund: Dass sie statt im Familienausschuss, wie ursprünglich anvisiert, nun Mitglied im Umweltausschuss und im Petitionsausschuss ist, findet sie aber keineswegs schlecht: „In meinem Wahlkreis gibt es den Nationalpark Unteres Odertal, das Biosphärenreservat Schorfheide und den Grumsiner Buchenwald, der im letzten Jahr zum Weltnaturerbe erklärt wurde. Da passt der Ausschuss sehr gut.“

Diese Landschaft zu schützen, etwa vor breiten Stromtrassen für den Netzausbau oder großen unterirdischen Depots zur Speicherung von Kohlendioxid als Teil der „Carbon and Capture Storage“-Technologie, kurz CCS, ist eines ihrer Anliegen. Fragt man sie aber, welche politische Entscheidung der Regierung sie besonders kritisiert, dann ist sie wieder bei der Frauen- und Familienpolitik, ihrem Thema: „Das Betreuungsgeld stört uns im Osten massiv. Es ist dort normal, dass Kinder in die Kita gehen, selbst wenn die Eltern ohne Arbeit sind.“ Und gerade das sei richtig: „Es ist gut, dass die Kinder draußen und im Kontakt mit anderen sind.“ (sas)

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