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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Deutscher Bundestag statt Europameisterschaft

Anastasiia Chuchman

© DBT/photothek.net

Im Grunde war schon alles besprochen. Anastasiia Chuchman wollte sich als Volunteer für die Fußball-Europameisterschaft in ihrem Heimatland Ukraine bewerben. Mit der Tageszeitung „Segodnya“, bei der die Jungjournalistin schon ein Praktikum gemachte hatte, war verabredet, dass sie einen Blog während ihrer Zeit als EM-Volunteer schreiben würde. „Auf einmal habe ich aber die Zusage für das Internationale Parlaments-Stipendium (IPS) erhalten“, erzählt die 22-Jährige.

Lange nachdenken musste sie nicht. „Ich habe sofort bei der Redaktion angerufen und gesagt, dass das mit dem Blog nichts wird.“ Nun arbeitet sie seit dem 1. März im Büro der Abgeordneten Viola von Cramon (Bündnis 90/Die Grünen). Bereut hat Anastasiia Chuchman ihre Entscheidung nicht. „Ich bin super zufrieden, dass ich hier bin“, sagt sie.

„Mit den meisten Positionen bin ich einverstanden“

Mit Viola von Cramon arbeitet sie nun mit einer Politikerin zusammen, die sich sehr stark mit der Ukraine beschäftig und als eine der schärfsten Kritikerinnen der derzeitigen Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch gilt. Wie klappt das? „Nun — mit den meisten Positionen bin ich einverstanden, aber manchmal versuche ich auch die andere Seite der Medaille zu beleuchten“, sagt die in Kiew lebende Anastasiia Chuchman. In der Ukraine gebe es auch noch andere Themen als jene, die hier in Deutschland aufgegriffen werden. „Man muss auch diese Themen nach vorn bringen, weil sie für mein Land wichtig sind“, sagt sie.

Wie sehr sie manchmal zwischen den Stühlen sitzt, verdeutlicht eine Episode aus dem Sportausschuss, in dem von Cramon Mitglied ist und dessen Sitzung die Stipendiatin besucht hat. Als dort im Vorfeld der Europameisterschaften der Gesandte der ukrainischen Botschaft geladen war, hagelte es Kritik. „Es wäre super schwer gewesen, an seiner Stelle zu sein“, sagt Anastasiia Chuchman und fügt hinzu: „Wir mussten heftige Kritik einstecken.“ Wir? Ja, räumt sie ein. „Das nehme ich dann persönlich.“

„Stärker den Austausch suchen“

Das Kritik wichtig ist, steht auch für die 22-Jährige außer Frage, und dass die Ukraine eine „schwierige politische Situation“ erlebt, ebenso. Aber: „Es muss ein Weg gesucht werden, auf dem weitergearbeitet werden kann, um die Eiszeit zwischen der Europäischen Union und der Ukraine zu beenden“, fordert sie. Schaden würde eine solche Eiszeit nicht den dortigen Spitzenpolitikern. „Die haben genug Geld gemacht.“ Nein — für „normale Menschen“ wie sie sei das ein Problem.

Daher lobt sie auch den Vorschlag der EU-Kommission, künftig verstärkt mit zivilgesellschaftlichen Organisationen den Austausch zu suchen. Außerdem findet sie die Idee gut, Programme aufzulegen, mit denen junge Europäer in der Ukraine arbeiten können. So könnten junge Juristen beispielsweise im Parlament und der Verwaltung beim Aufbau der Strukturen helfen. „Ich habe viele junge Deutsche kennengelernt, die das gern machen würden“, sagt sie. Würde das denn die ukrainische Regierung tolerieren? Auch darüber hat sie sich schon ihre Gedanken gemacht. „Sie würden sicher sagen, dafür haben wir kein Geld“, vermutet sie. Könne man dann aber ein fertiges Programm zur Finanzierung aus der Tasche ziehen, „traut sie sich nicht, das Ganze abzulehnen“, lautet ihre Prognose.

Deutsch als zweite Fremdsprache gewählt

Dass Anastasiia Chuchman den umgekehrten Weg — von der Ukraine nach Deutschland — gegangen ist, hat zuallererst einmal damit zu tun, dass sie sehr gut Deutsch spricht. An der Universität Kiew, so erzählt sie, hatte sie sich für das Studium der russischen Sprache entschieden, weil sie sich bessere Jobchancen als Journalistin davon versprochen hatte. „Der große Teil des Medienmarkts bleibt russischsprachig, obwohl die Popularität der russischen Sprache damals im Jahre 2006 nach der Orangenen Revolution deutlich nach unten gegangen ist“, erklärt sie.

Als zweite Fremdsprache wurde ihr seinerzeit Deutsch empfohlen. Spätestens seit ihrer Arbeit für die Organisation der deutschen Minderheit spricht sie die Sprache perfekt. Hier habe sie auch das erste Mal vom IPS gehört. Als sie wenig später eine Veranstaltung an der Uni besuchte, die ein ehemaliger IPSler organisiert hatte, entschloss sie sich zur Bewerbung, ohne sich freilich große Hoffnungen zu machen. „Ich hatte ja vorher noch nicht einmal ein Auslandssemester in Deutschland absolviert.“

„Opposition bedeutet nicht Blockade“

Umso größer die Freude, dass es geklappt hat. „Ich komme aus eher einfachen Verhältnissen“, erzählt sie. An der juristischen Fakultät ihrer Uni habe sie jedoch „viele Freunde, die ziemlich reich sind“. Denen kann sie nun zeigen, dass sie im deutschen Parlament gearbeitet hat, obwohl sie nicht so begütert ist.

Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Zeit im Bundestag gehört ihrer Aussage nach, dass Opposition nicht automatisch Blockade bedeutet. „Die Grünen arbeiten engagiert mit“, lautet ihr Urteil. In ihrer Heimat sei das anders, bedauert Anastasiia Chuchman. Dort hätten die Leute den Glauben an die Opposition verloren, weil sie den Eindruck hätten, diese würde „nur blockieren statt zu arbeiten“. Ein weiteres Plus des Programms: „Hier kann ich nicht nur die deutsche Kultur kennenlernen, sondern bekomme von den anderen Stipendiaten viele aktuelle politische Informationen aus erster Hand.“

2013: Die nächste Chance für die Ukraine

Mit ihren 22 Jahren gehört Anastasiia Chuchman zu den eher jüngeren Teilnehmern des Programms. Dass sie schon Bachelor- und Masterabschluss in der Tasche hat, zeigt, dass sie sehr zielstrebig studiert haben muss. Nebenbei hat sie noch aktiv im Studentenparlament und der studentischen Gewerkschaftsleitung mitgearbeitet und diverse Praktika absolviert. Wo soll er nun hingehen, der berufliche Weg? „Zur Zeit suche ich nach Arbeit“, sagt sie. Entscheidend dabei sei, sich mit dem Job identifizieren zu können. „Ich muss nicht nur als Journalistin arbeiten, sondern könnte mir auch ein Pressereferat oder die Tätigkeit als Projektmanagerin für Projekte, die etwas mit der Ukraine zu tun haben, vorstellen“, sagt sie.

Abschließend kommt sie dann doch noch einmal auf die Fußball-Europameisterschaft zurück: Insbesondere in der „westlichen Presse“ sei zu lesen gewesen, dass die Ukraine dabei eine politische Chance vertan habe. Anastasiia Chuchman stimmt dieser Einschätzung im Grunde auch zu, denn: „Eine Annäherung zur EU fand nicht statt.“ Aber sie verbreitet Optimismus: „Die nächste Chance dazu gibt es spätestens, wenn die Ukraine 2013 den OSZE-Vorsitz übernimmt.“ (hau)

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