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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Bäckermeister aus Bayern: Ernst Hinsken (CDU/CSU)

Ernst Hinsken (CDU/CSU)

© DBT/photothek.net

Eine „kleine Politkanonenkugel von dem ganz eigenen Erz, aus dem sie in Bayern ihre Politiker machen“, so beschrieb der Journalist Jakob Augstein einmal recht treffend den CSU-Abgeordneten Ernst Hinsken in der „Zeit“. Und tatsächlich wurde vieles, was der gelernte Bäckermeister und Konditor aus dem niederbayerischen Haibach in seiner 33-jährigen Laufbahn im Bundestag anpackte, ein durchschlagender Erfolg.

Der heute 70-Jährige war leitete sieben Jahre den Tourismusausschuss des Bundestages, war Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium und Tourismusbeauftragter der Bundesregierung. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Technologie.

Rüge für eine rote Laterne

Bundesweites Aufsehen erzeugte der Mann mit dem kantigen Kinn jedoch vor allem mit einer Aktion, die ihm eine Rüge des Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse einbrachte: 2002 versuchte er während einer Rede des damaligen Bundeswirtschaftsministers Werner Müller der Regierung eine rote Laterne zu überreichen. Als Symbol dafür, dass Deutschland damals das Schlusslicht der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa war.

Darauf angesprochen, dass er damals für einige Aufregung im Plenum gesorgt habe, blitzen Hinskens Augen belustigt: „Einige Aufregung? Eine große Aufregung war das!“, korrigiert er und beginnt zu erzählen, wie ihm damals in der CSU-Landesgruppe die Idee zu dieser Aktion kam und wie er die Laterne nach einiger Suche in seinem Wahlkreis auftrieb. „150 Mark hat die gekostet, teuer war die“, lacht er.

Eigentlich habe Michael Glos, damals CSU-Landesgruppenchef, die Laterne während der Debatte um den Jahreswirtschaftsbericht übergeben wollen. Doch dem sei das letztlich nicht ganz geheuer gewesen, so Hinsken. Also habe eben er die Laterne unbemerkt in den Plenarsaal geschmuggelt und zur Regierungsbank getragen.

Von der Süddeutschen karikiert

„Der, der sofort den Braten gerochen hat, war Otto Schily – der hat sich auch ganz furchtbar aufgeregt. ‚Unparlamentarisches Verhalten‘ hat er gebrüllt und wäre am liebsten über die Bank gesprungen.“ Hinsken grinst. Er wird zwar gerügt, doch die rote Laterne sorgt für maximale Medienpräsenz: „Alle großen Sender und Zeitungen haben berichtet. Die Süddeutsche hat mich sogar mit einer Karikatur geadelt“, berichtet Hinsken stolz. 

Am meisten freut ihn aber, dass die Laterne heute im „Haus der Geschichte“ in Bonn einen Platz gefunden hat: „Als zeithistorisches Dokument – weil es mir gelungen ist, den Menschen bildhaft zu sagen, wo sich Deutschland damals wirtschaftlich befand.“

Einfach, direkt, ideenreich – der Niederbayer versteht es, die Menschen zu erreichen. Sein politisches Talent wird früh entdeckt: „Mein Lehrer hat mich sehr gefördert, er hat immer gesagt‚ aus dir wird einmal ein tüchtiger Politiker“, erinnert sich Hinsken.  Lehrer und Pfarrer hätten sich gemeinsam dafür eingesetzt, dass er das Gymnasium besuchen dürfe. Doch: „Mein Vater war dagegen, er hatte die Bäckerei aufgebaut und wollte, dass ich sie übernehme.“

Der Stimmenkönig der CSU

Das tut er schließlich auch, doch das Herz des Bäckers schlägt für die Politik. „Ich wollte nicht nur über Politik reden, sondern sie mitgestalten“, sagt Hinsken über sein frühes parteipolitisches Engagement. 1967 kommt er zur CSU und wird als erstes Kreisvorsitzender der Jungen Union in Straubing-Bogen. „80 Mitglieder hatte der Verband damals. Als ich den Vorsitz nach fast zehn Jahren abgab, waren es mehr als 720 Mitglieder“, betont er.

An seine Leidenschaft für Politik erinnert sich auch Gerda Hasselfeldt, CSU-Landesgruppenvorsitzende und politische Weggefährtin seit seinen Tagen in der Jungen Union, nur zu gut: In einer Rede zum 70. Geburtstag Hinskens im Februar 2013 berichtete sie, ihre Eltern hätten sie mit Hinsken als Fahrer bedenkenlos überall hinfahren lassen, denn „der hat nur Politik im Kopf, da passiert weiter nichts.“

1972 wird er Mitglied des Kreistags Straubing-Bogen. 1978 kandidiert er für den Bayerischen Landtag – allerdings vergebens. Es ist eine der seltenen Niederlagen für Hinsken, der später mehrmals bei Bundestagswahlen „Stimmenkönig“ der CSU werden wird. Er habe immer viele Förderer gehabt, erzählt Hinsken. Einer sei der damalige CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß gewesen. Dieser habe einmal gesagt: „Du bist der klassische Mittelständler, du bist Handwerksmeister und du weißt, wie man ansetzen muss. Praktiker wie dich braucht man im Parlament, nicht nur Theoretiker.“

Mitglied der Mehl-Fraktion

Also tritt Hinsken 1980 erstmals für ein Bundestagsmandat an. Früh morgens in seiner Backstube erreicht ihn die Nachricht, dass die Kandidatur erfolgreich ist. An diesen Moment erinnert sich Hinsken auch noch 33 Jahre später sehr gut. „Ich habe mich sehr auf meine neue Aufgabe gefreut.“ Als Mitglied der „Mehl-Fraktion“, zu der sich die Müller, Bäcker und Konditoren im Parlament zählen, setzt er sich insbesondere für den Mittelstand ein. Er beschäftigt sich etwa mit kartellrechtlichen Fragen, Ladenschlusszeiten oder Novellen zur Handwerksordnung.

Von 1990 bis 1997 ist Hinsken wirtschafts- und verkehrspolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe, im Januar 1998 beruft ihn Bundeskanzler Helmut Kohl zum Parlamentarischen Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Nach dem Regierungswechsel übernimmt Hinsken im November 1998 den Vorsitz des Tourismusausschusses, 2005 wechselt er als Tourismusbeauftragter ins Wirtschaftsministerium, 2009 schließlich wird er Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses, dessen Unterausschuss „Regionale Wirtschaftspolitik“ er zuvor schon geleitet hatte.

Spitzname „Turbo“

Viele Spitzenämter hat der als emsig und zielstrebig geltende Bayer innegehabt. Doch: „An erster Stelle stand immer mein Wahlkreis Straubing“, betont Hinsken. Sein größter politischer Erfolg? „Dass ich mithelfen konnte, dass sich meine Heimat vom Armenhaus zur Spitzenregion in Europa entwickelt hat. Heute haben wir dort eine Arbeitslosigkeit von unter drei Prozent. Damals waren es 21, 22 Prozent. Im Winter sogar bis zu 43 Prozent.“

Ob Infrastrukturprojekte oder Tourismusförderung – in seiner Heimat hat der bürgernahe und gut vernetzte Politiker nicht umsonst den Ruf, selbst das Unmögliche möglich zu machen. Sein Spitzname ist „Turbo“. Seine Hartnäckigkeit ist legendär: CSU-Chef Horst Seehofer flachste darüber einmal, dass es „mit Rücksicht auf die eigene Lebenserwartung“ besser sei, ihm nachzugeben.

Politik als „Lebenselixier“

Dies muss wohl auch die Bundeskanzlerin beherzigt haben, als sie zusagte, den deutsch-französischen Gipfel 2008 ausgerechnet in Straubing stattfinden zu lassen. Für Hinsken ist dieser „Husarenstreich“ noch heute Anlass für spitzbübische Freude: „Nicolas Sarkozy hat sich erst beschwert, dass er in die tiefste Prärie musste, aber als die Straubinger ihm zugejubelt haben, war er im siebten Himmel.“

Vom Bundestag Abschied zu nehmen, falle ihm schwer, gibt Hinsken zu: „Ich gehe mit Wehmut.“ Ganz aufhören mit der Politik wird er jedoch nicht: Sein Kreistagsmandat behält er bei, neue Aufgaben wie die als Präsident des Deutschen Heilbäderverbandes hat er bereits übernommen. Sich gar nicht mehr zu engagieren wäre für ihn, der die Politik als sein „Lebenselixier“ bezeichnet hat, unmöglich. „Ich baue lieber langsam ab“, sagt Hinsken lächelnd. „Früher war ich immer auf 180. Jetzt bin ich immerhin schon auf 179.“ (sas/01.07.2013)    

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