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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Tierärztin aus Brandenburg: Kirsten Tackmann

Kirsten Tackmann (Die Linke)

Kirsten Tackmann (Die Linke)

© DBT/Melde

Drei Bauern, eine Tierärztin und eine Lehrerin – fünf Abgeordnete, deren Weg in die Politik nicht unterschiedlicher gewesen sein könnte. Und dennoch haben sie eins gemeinsam: Sie alle haben sich einem Politikfeld verschrieben, dass zwar nicht großes Prestige verspricht, aber große Auswirkungen für die Menschen in ihrem Alltag hat: die Agrar-, Ernährungs- und Verbraucherschutzpolitik.


Ein Fuchs, ein Elefant, kleine Hunde

Die drei Bilder ziehen den Blick des Besuchers sofort in ihren Bann: Sie hängen in Dr. Kirsten Tackmanns Bundestagsbüro und zeigen, im Stil des Sozialistischen Realismus gemalt, die technischen Entwicklungen in der Landwirtschaft – von der Arbeit mit dem Pflug bis zum Einsatz von Mähdreschern bei der Getreideernte. „Die Bilder provozieren immer eine Reaktion“, sagt die Abgeordnete der Linksfraktion und erzählt, dass sie eine Leihgabe eines Mitarbeiters seien.

Dieser habe gemeint, sie passten gut in das Büro der agrarpolitischen Sprecherin der Linksfraktion. Aber nicht nur die Bilder erzählen eine Menge über die burschikose 53-Jährige – auch die kleine Sammlung von Tierfiguren auf ihrem Schreibtisch: ein Fuchs, ein Elefant, mehrere kleine Hunde. Die gebürtige Thüringerin, die in Berlin aufgewachsen ist und heute in Brandenburg lebt, beschäftigt sich gern mit Tieren – nicht nur privat, wie mit ihrem Hund Sammy, sondern auch beruflich.

Schweine, Pferde, Schafe, Bandwürmer

„Mein Traum war schon früh, Tierärztin zu werden“, erinnert sich Tackmann. „Ich wollte Schweine, Pferde und Schafe behandeln.“ Zu DDR-Zeiten studierte sie an der Berliner Humboldt-Universität Veterinärmedizin und war danach im Bereich Tierseuchenforschung tätig. Promoviert hat sie 1993. Der Titel der Arbeit: „Die Immunreaktion bei Befall mit Cysticercus bovis unter experimenteller und natürlicher Erregerexposition mit besonderer Berücksichtigung der serologischen Diagnostik mittels ELISA.“

Eine Berufspolitikerkarriere war nicht das Ziel der Wissenschaftlerin, die nur auf Bitten ihrer Parteifreunde 2005 das erste Mal für den Bundestag kandidierte und seitdem dem deutschen Parlament angehört. Trotzdem besteht Tackmann darauf: „Der Bundestag war in meiner Lebensplanung nicht vorgesehen – so wie überhaupt hauptamtliche Politik darin keine Rolle spielte.“

„Dieses Hierarchische fand ich falsch“

Ehrenamtlich dafür umso mehr: Die aus einem „intellektuellen Elternhaus“ stammende Tackmann durchläuft die üblichen Stationen einer DDR-Kindheit: Sie ist bei den Pionieren ebenso aktiv wie bei der FDJ, bevor sie als 19-Jährige der SED beitritt. „Weil ich nicht richtig fand, wie einiges lief“, sagt sie zur Begründung.

Sie glaubt an das Ideal der sozialistischen Gesellschaft. Doch die Umsetzung der DDR-Führung findet weniger ihre Zustimmung: „Dieses Hierarchische, dass man über die Menschen bestimmte, manchmal unnötig hart in deren Leben eingriff – das fand ich falsch.“ Sich selbst bezeichnet die Abgeordnete im Rückblick als „undogmatisch, aber sendungsbewusst“. Sie habe etwas verändern wollen und sich überlegt: „Kann man das von innen oder von außen besser?“

Ein „Glückstreffer“

Sie setzt mit ihrem SED-Beitritt auf die Erneuerung von innen und hofft auf „Perestroika“, merkt aber bald, wie verkrustet und reformunfähig das System ist. Dass sie nach dem abgeschlossenen Studium 1986 einen Forschungsstuhl an der Universität ausschlägt, habe auch mit dem Unwillen zu tun gehabt, „in den Apparat“ zu geraten, so Tackmann. Sie möchte lieber als Tierärztin arbeiten.

Doch stattdessen wird ihr eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Staatlichen Institut für Epizootiologie und Tierseuchenforschung im brandenburgischen Wusterhausen zugewiesen. „Für mich im Nachhinein ein Glückstreffer“, sagt die Linkspolitikerin. „Es war ein neugegründetes Institut, man hatte dort mehr Freiheiten, etwas Eigenes, Neues zu entwickeln.“

Auch privat ist das Institut ein Glücksgriff: Tackmann lernt dort ihren späteren Mann kennen. Gemeinsam ziehen sie in das 60-Seelen-Dorf Tornow im Landkreis Ostprignitz-Ruppin, der heute zum Wahlkreis der Bundestagsabgeordneten gehört. Wenig später wird ihr Sohn geboren. Die Tochter kommt 1990 zur Welt, zwei Monate bevor die DDR zusammenbricht.

Runder Tisch als „Sternstunde der Demokratie“

„Ich bin jemand, der Wendungen im Leben als Chance begreift, der guckt, was kommt und versucht, etwas daraus zu machen“, sagt Tackmann über sich. Auch die politische Wende in ihrem Land habe sie so gesehen: „Ich sah das zu Beginn als riesige Chance, etwas zu verändern und einen dritten Weg auszuprobieren“, so die Politikerin, die deshalb in der Wendezeit Mitglied der SED-Kreisleitung Kyritz ist.

„Aber als die ,Wir sind ein Volk′-Rufe kamen, da war klar, was kommt.“ Die Zeit der „Runden Tische“ bezeichnet sie als „Sternstunde der Demokratie“: „Plötzlich waren alle gezwungen, aufeinander zuzugehen, zuzuhören und sich selbst mit sehr schmerzhaften Entwicklungen auseinanderzusetzen. Man musste sich selbst hinterfragen. Das hat mich extrem geprägt.“ Als die Wiedervereinigung kommt, zieht sich Tackmann von der Parteipolitik zurück. „Ich bin zwar nie aktiv ausgetreten, habe aber die organisierte politische Arbeit ruhen lassen.“

Streit um das „Bombodrom“

Der Grund für ihre Zurückhaltung: „Ich musste in diesem Staat erst einmal ankommen. Parteipolitisch konnte ich nicht einfach so weitermachen. Ich musste verstehen, was da passiert ist – und warum so viele aufgegeben haben, als die DDR noch zu reformieren gewesen wäre.“ Fast zehn Jahre dauert die Phase, in der Tackmann nur mit der SED-Nachfolgepartei PDS „sympathisiert“, wie sie es nennt.

Sie engagiert sich stattdessen gewerkschaftlich. Doch als sich die Auseinandersetzungen um die Nutzung des Truppenübungsplatzes Wittstock, das sogenannte Bombodrom, in der Kyritz-Ruppiner Heide, Ende 2000 zuspitzen, ändert sie ihre Meinung. 2001 kehrt sie auf die politische Bühne zurück, übernimmt wieder Funktionen, wie ab 2003 im Landesvorstand der PDS Brandenburg. Seit 2005 gehört die geerdet wirkende Veterinärmedizinerin dem Bundestag an.

Gammelfleischskandal und Vogelgrippe

Den Wechsel ins Parlament hat sie alles andere als sanft in Erinnerung: Die Newcomerin sitzt als einzige PDS-Abgeordnete im Landwirtschaftsausschuss und fühlt sich zunächst „überfordert“. „Da habe ich wirklich zum ersten Mal im Leben gedacht ‚Kirsten, da hast du eine falsche Entscheidung getroffen′“, räumt sie ehrlich ein. Doch ob Gammelfleischskandal oder Vogelgrippe – das Pfund, mit dem sie wuchern kann, ist ihr veterinärmedizinischer Hintergrund. „Da wusste ich fachlich einfach besser Bescheid als andere – das hat mir den Einstieg ein bisschen erleichtert.“

Die Politikerin sieht sie sich angesichts wiederkehrender Lebensmittelskandale in den vergangenen Jahren „nicht als Schiedsrichterin“. Stattdessen möchte sie den „Dialog“ zwischen Landwirtschaft und Verbrauchern herstellen. Den Streit um konventionelle oder ökologische Landwirtschaft hält sie zudem für wenig sinnvoll: „Dieses große Höfe gegen kleine Höfe, konventionell gegen bio – das ist nicht hilfreich.“ Wichtiger sei es, über den Schutz und die Haltungsbedingungen von Tieren zu sprechen, findet sie. Sorgen bereiten der Linken zudem ein „sozial und ökologisch blinder Markt“ und dass „nichtlandwirtschaftliches Kapital an Einfluss gewinnt“.

„Dünner besiedelte Regionen keine sterbenden Räume“

Pragmatisch, lösungsorientiert und unaufgeregt: Man nimmt Tackmann ab, dass sie weiß, was sie tut. Insbesondere, wenn sie sich für die Entwicklung der ländlichen Regionen stark macht. Ein aus ihrer Sicht vernachlässigtes Thema: „Ich sehe die dünner besiedelten Regionen nicht als sterbende Räume. Im Gegenteil: Es gibt die Chance, dass die Dörfer ihre Identität behalten und sich neu erfinden können.“

Voraussetzung dafür jedoch sei, dass die „Politik ihre Hausaufgaben macht“ und die notwendigen Rahmenbedingungen schaffe: Mobilität, Internetzugang, gesundheitliche Versorgung und Bildung. Sie selbst jedenfalls will ihr Leben auf dem Land nicht missen: „Die Natur – aber auch die Dorfgemeinschaft, in der man auf einander achtet, das genieße ich sehr.“ (sas/12.12.2013)

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