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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Polyglotte Stipendiatin aus Estland

Portrait von Lilian Pungas

© DBT/Photothek

Es ging gleich gut los. „Schon am ersten Tag des Praktikums bin ich mit Frau Werner und Herrn Gysi zu einem Termin in einer Behindertenwerkstatt gefahren“, erzählt Lilian Pungas. „Herr Gysi“ – das ist der Vorsitzende der Linksfraktion, Dr. Gregor Gysi. „Frau Werner“ wiederum ist Katrin Werner, die „Patenabgeordnete“ von Lilian Pungas. Die 27-Jährige aus Estland absolviert derzeit ein Praktikum im Rahmen des Internationalen Parlamentsstipendiums (IPS) im Büro der behindertenpolitischen Sprecherin der Linksfraktion.

Praktikum bei Katrin Werner

Noch bis Ende Juli ist sie dadurch ganz nah dran am parlamentarischen Geschehen. Wird Ausschusssitzungen besuchen, bei Arbeitsgruppensitzungen dabei sein und in Fraktionssitzungen gehen. „Das ist schon sehr interessant“, lautet ihr Zwischenfazit. Aber auch kompliziert: „Frau Werner ist Sprecherin für Behindertenpolitik. Das ist für mich etwas ganz Neues“, sagt Lilian Pungas.

Die Kulturwissenschaftlerin, die ihren Bachelor an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder gemacht hat und seit sechs Jahren in Berlin lebt, hatte schon vor Jahren von der Möglichkeit gehört, am IPS teilzunehmen. Damals habe ihr jedoch noch der geforderte Studienabschluss gefehlt. Und überhaupt – irgendwie war ihr das eine Nummer zu groß.

Deutsch in der Schule gelernt

„Ich habe ja schließlich nicht Politik studiert, und so kam mir das zu anspruchsvoll vor“, sagt sie. Später fasste sie dann den Mut zur Bewerbung. Die – neben dem Hochschulabschluss – zweite wichtige Voraussetzung, um sich für das IPS zu bewerben, erfüllt sie hingegen schon lange. „Ich habe Deutsch in der Schule gelernt“, erzählt sie.

In der deutschen Schule von Tallinn, genau gesagt. Und das eher aus logistischen Gründen: „Die Schule war nicht weit von unserer Wohnung entfernt. Und außerdem gab es dort eine nagelneue Schwimmhalle mit toller Sauna“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Sauna – eine wichtige Sache offenbar nicht nur für Finnen, sondern auch für Esten.

Mitbewohnerin aus Israel

Nachdem Lilian Pungas in Tallinn das deutsche Abitur erworben hatte, ging es erst einmal in die weite Welt hinaus. Nach Südamerika führte sie ihr Weg ebenso wie nach Australien, wo sie ein halbes Jahr lebte und arbeitete. Schließlich zog es sie nach Berlin. „Als ich erfahren habe, dass es keine Stunde weg in Frankfurt eine Europa-Universität gibt, habe ich mich dort immatrikuliert“, sagt sie und schwärmt vom internationalen Flair der Uni.

Internationales Flair bietet auch das IPS. Immerhin treffen hier 120 junge Leute aus 31 Ländern aufeinander. Sehr zur Freude der Estin. Sie ist auch froh, bei der „Wohnortentscheidung“ für die fünf Monate des Praktikums die richtige Wahl getroffen zu haben. „Ich hätte auch in meiner WG in Berlin wohnen bleiben können.“ Stattdessen wohnt sie nun im Wohnheim mit den anderen Stipendiaten und hat eine „super Mitbewohnerin“ aus Israel. Gesprächsstoff gibt es ausreichend – war doch Lilian Pungas erst vor Kurzem in Tel Aviv.

„Der Umgang mit Russen“

Aber auch über ihre Heimat gibt es einiges zu erzählen. Ist das Land so frisch und jung, wie es dank eines erst 34-jährigen Ministerpräsidenten, der mit einer Popsängerin liiert ist, und der Erfindung solch innovativer Internetangebote wie Skype wirkt? „Ja – ich bin schon ein bisschen stolz, dass Estland im Ausland so gesehen wird“, sagt Lilian Pungas.

Es gebe in der Tat, besonders in Tallinn, große Wifi-Zonen, zudem könnten viele administrative Sachen – wie auch die Wahlen - schon seit Längerem online erledigt werden. Aber: „Das ist nicht das Wichtigste“, sagt die 27-Jährige. Es gelte, in Estland an der politischen Kultur zu arbeiten und auch an der Geschichtsaufarbeitung. Stichwort: der Umgang mit Russen.

„Zweisprachigkeit nutzen“

Wobei sie deutlich macht, dass ihre Generation, die der nach 1985 Geborenen, kaum Probleme im Umgang miteinander habe. Und sonst? Gibt es Angst vor Russland, vor allem aufgrund der Krim-Krise? Diesbezüglich gebe es in Estland momentan sehr viele unterschiedliche Positionen, glaubt sie. „Aber dennoch habe ich noch nicht wirklich davon gehört, dass die Leute ihre Koffer packen und das Land verlassen“, sagt sie.

Ob Lilian Pungas selbst irgendwann mal ihre Koffer packen und Berlin in Richtung Estland verlassen wird, steht in den Sternen. „Irgendwie ist ja Berlin auch zu meiner Heimat geworden“, sagt sie. Andererseits könnte sie sich eine Arbeit für das estnische Außenministerium oder estnische Stiftungen auch gut vorstellen. „Ich denke, ich sollte bei meiner künftigen Arbeit meine Zweisprachigkeit nutzen“, findet sie.

„Osteuropa muss mehr in Bildung investieren“

Und natürlich auch die Erfahrungen durch das IPS. Schon jetzt ist Lilian Pungas zu der Erkenntnis gelangt, dass insbesondere die Beteiligungskultur, die politische Bildung und die Protestkultur in Deutschland vorbildlich sind. „Osteuropa muss mehr in Bildung investieren, auch in politische Bildung. Und eine Plattform schaffen, wo die Bürger miteinander und mit den Politikern diskutieren, sich austauschen und nicht zuletzt, sich hörbar machen können“, fordert sie.

Demokratie müsse gelebt werden, sich weiterentwickeln und nicht statisch bleiben. „Das ist meiner Meinung nach unabdingbar für eine höhere Wahlbeteiligung und damit auch eine Grundvoraussetzung für eine konsolidierte, transparente Demokratie“, macht sie deutlich. Dass das nicht von heute auf morgen geht, weiß Lilian Pungas. „Wir müssen hier Schritt für Schritt gehen“, sagt sie. (hau/22.04.2014)

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