+++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++

+++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++ Archiv +++

Direkt zum Hauptinhalt springen Direkt zum Hauptmenü springen

Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Rede des Vorsitzenden der Knesset, Yuli-Yoel Edelstein, anlässlich des Besuchs von Bundestagspräsident Norbert Lammert am 24. Juni 2015

(zu begrüßende Personen)

Sehr geehrte Abgeordnete der Knesset,

ich möchte meinen Kollegen, Professor Norbert Lammert, den Präsidenten des Deutschen Bundestages, und seine Delegation herzlich begrüßen. Herzlich willkommen, Herr Präsident, in Jerusalem, der Hauptstadt Israels, und in der Knesset, dem Sitz der israelischen Demokratie.

Verehrte Gäste,

Deutschland und Israel teilen viele gemeinsame Positionen, und die guten  Beziehungen zwischen den Ländern sind besonderer und außergewöhnlicher Natur.

Ich freue mich sehr über Ihren Besuch hier, sehr geehrter Herr Bundestagspräsident, und ich bin mir mehr als sicher, dass er auch in Ihren Augen einen wichtigen Baustein in den stabilen Beziehungen zwischen unseren beiden Staaten bildet. Diese Beziehungen bestehen schon seit vielen Jahren und finden ihren Ausdruck in zahlreichen Gebieten und Kooperationen zwischen beiden Ländern.

Persönlich möchte ich meine eigene Wertschätzung sowie die der Knesset und ihrer Abgeordneten darüber zum Ausdruck bringen, dass Sie mit Leib und Seele ein Freund Israels sind. Niemals haben Sie gezögert, uns zur Seite zu stehen und zugunsten Israels das Wort zu ergreifen. Es ist mir in Erinnerung geblieben, wie Sie in der Vergangenheit sogar einmal gesagt haben, dass die Hand, die das jüdische Volk und der Staat Israel Deutschland ausgestreckt hätten, eine Geste gewesen sei, die es Deutschland ermöglicht habe, zu dem zu werden, was es ist: „Ihr habt uns ein menschliches Antlitz zurückgegeben, Ihr habt uns eine neue Chance gegeben, und dafür sind wir euch dankbar“, so sagten Sie seinerzeit.

Unsere Verbindung, sowohl auf der öffentlichen als auch auf der persönlichen Ebene, ist eine ganz besondere, auch wenn Sie uns, wo es erforderlich ist, keine Kritik ersparen.

Schon oft haben Sie die besondere Bedeutung hervorgehoben, die Sie den Beziehungen zwischen den Parlamenten unserer beiden Staaten beimessen. Besonders bemerkenswert ist hierbei Ihre offene Haltung, die eine Annäherung zwischen den Angehörigen der jungen Generation in Deutschland und in Israel erreichen möchte.

Verehrte Gäste,

Deutschland ist ein wahrer Freund Israels. Dass Sie uns und dem jüdischen Volk zur Seite stehen, ist immer von überragender Bedeutung – und ganz gewiss in diesen Zeiten, der Periode eines schwierigen und globalen Kampfes gegen den Antisemitismus und seine neue Ausprägung, den Anti-Israelismus.

Es erübrigt sich fast, darauf hinzuweisen, Herr Präsident, dass jeder Besuch eines hochrangigen politischen Repräsentanten Deutschlands in Israel für einen Teil unserer Bevölkerung eine recht sensible Angelegenheit ist.

Nicht wenige Überlebende der Schoah leben noch immer unter uns und einige von ihnen geben uns hier auf der Besuchertribüne die Ehre. Ich möchte sie hiermit noch einmal herzlich begrüßen.

Viele von uns gehören zur zweiten, dritten oder vierten Generation des europäischen Judentums, das unter den Stiefeln der Nazi-Schergen im besetzten Europa den Flammen zum Opfer fiel.

Vor vierundfünfzig Jahren sorgte Israel unweit von hier, im Gebäude des Jerusalemer Bezirksgerichts, für historische Gerechtigkeit, indem es einen hohen Vertreter des Naziregimes, Adolf Eichmann, wegen mehrfacher Verbrechen zur Rechenschaft zog.

Gideon Hausner, der Hauptankläger im Prozess, erklärte in seinen berühmten Worten, dass er hier nicht alleine stehe, sondern mit ihm sechs Millionen ständen, deren Blut zum Himmel schreie.

In seinem Schlussplädoyer des Prozesses beschrieb Hausner die Macht der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie mit folgenden Worten: „Wo sind, meine Richter, meine Damen und Herren, die Quellen des Giftes, von dem jene Personen die Kraft aufsogen, einen Menschen wie Gewürm zu zertreten, einen Säugling mit bloßen Händen zu zerschmettern, als sei er ein schäbiger Lumpen, sowie sich über fünf Jahre lang damit zu beschäftigen, Millionen in den Tod zu treiben?“

„Die Lügenlehre“, fuhr Hausner fort, „tötet das Herz des Menschen und macht aus ihm einen Eisblock, einen Marmorblock, der über Papieren und Befehlen lastet .... Das war keine Massenhypnose oder eine andere psychotische Erscheinung, in die sich Menschen verstrickten, ohne die Möglichkeit zu haben, sich zu befreien; dies waren Handlungen, die willentlich und bewusst erfolgten und bekannt waren.“

Meine Damen und Herren, wir haben selbstverständlich kein Recht, im Namen jedes Einzelnen der sechs Millionen, die auf unterschiedliche Weise ums Leben kamen, zu vergeben, und auch nicht im Namen auch nur eines einzigen Überlebenden!

Gerade vor diesem Hintergrund bin ich der Meinung, dass wir trotz der Ressentiments  und der so schwierigen Geschichte der beiden Völker weiterhin dazu beitragen müssen, in dieser Zeit vertrauensvolle, auf einer tiefen Zusammenarbeit zwischen den Staaten beruhende Beziehungen aufzubauen. Mehr noch, es ist unsere Pflicht zu beweisen, dass es möglich ist, gänzlich andersartige Beziehungen zu schaffen: nichts zu leugnen, nichts zu ignorieren, nichts zu vergessen und nichts unter den Teppich zu kehren! Im Gegenteil: Wir müssen uns sehrwohl an diese Vergangenheit erinnern, um uns mit ihr auseinanderzusetzen und um sicherzustellen, dass etwas Derartiges nie wieder geschieht und weder dem jüdischen Volk noch anderen Menschen widerfährt, an welchem Ort auch immer.

Es ist wichtig, dies zu betonen, da auch in Deutschland heute Stimmen zu hören sind, insbesondere bei der jungen Generation, wonach trotz der Verpflichtung, die Erinnerung an die Schoah zu bewahren, dies keine Verpflichtung bedeute, Israel, den Nationalstaat des jüdischen Volkes, zu unterstützen.

Aus diesem Grunde, Herr Präsident, ist Ihre Anwesenheit hier sowie die Rede, die Sie gleich vor uns halten werden, von großer Bedeutung, sowohl für die israelische Öffentlichkeit als auch auch für die Bürger Deutschlands und sogar darüber hinaus. Die Lehren aus der Schoah sind nicht nur universell, sondern auch partikular, und haben einen direkten Bezug zu Israel und zum jüdischen Volk.

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,

in letzter Zeit werden Stimmen lauter, die zum Boykott Israels auf wirtschaftlichem, akademischem und kulturellem Gebiet aufrufen.

Dies sind von der Realität losgelöste und zudem heuchlerische Aufrufe, da sie sich gegen den weltweit am heftigsten angegriffenen Staat richten, der höchste Anstrengungen unternimmt, jederzeit seinem moralischen Anspruch gerecht zu werden. Diese Aktivitäten werden von Hass, Vorurteilen und nicht zuletzt von Antisemitismus und blindem Anti-Israelismus angetrieben.

Dieser Anti-Israelismus ist blind für alles, was in zahlreichen Staaten unserer Region geschieht, darunter in Syrien, unmittelbar an unserer Grenze, und blind für die alltäglichen grausamen Massaker und Massenvertreibungen, verübt von extremistischen Kräften wie dem IS, El-Qaida und anderen, die eine Bedrohung für die Stabilität der gesamten westlichen Welt darstellen.

Die Kräfte des Boykotts und der Diffamierung sind auch gegenüber der Tatsache blind, dass der wahre Konflikt bereits seit langer Zeit nicht mehr eine lokale Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern ist, dessen Ursache nicht in der angeblichen Besatzung oder Vertreibung liegt.

Der eigentliche Kampf ist viel weitreichender: Es ist der „Kampf der Kulturen“, der vor einem religiösen und kulturellen Hintergrund zwischen der extremistischen islamischen Welt und der freien toleranten Welt stattfindet.  

Gerade Deutschland muss sich an der Front des Kampfes gegen die BDS-Kampagne und andere Organisationen positionieren, die den hässlichen und unzulässigen Weg des Boykotts wählen möchten, sowie gegen diejenigen, die Israel vernichten wollen.

Zu meinem Bedauern gibt es auch heute solche, die glauben, die Welt sähe ohne Israel und ohne das jüdische Volk, das in diesem Staat lebt, besser aus. Diese gefährlichen Stimmen stammen zu einem großen Teil aus Teheran, mit dem angeblich Verhandlungen zum Abbau seiner Atomwaffen geführt werden, wobei alle sehr wohl wissen, gegen wen diese gerichtet sind.

Jedoch, sehr geehrter Herr Präsident, muss allen klar sein: Diese zerstörerischen Waffen sind nicht nur gegen Israel gerichtet! Die Atomwaffen, die in beschleunigtem Umfang ohne Unterlass in den mörderischen Reaktoren von Bushehr, Natanz und anderswo produziert werden, sind ein Werkzeug zur Vernichtung der gesamten westlichen Zivilisation. Deshalb sind sie nicht nur für uns eine Frage von „Sein oder Nichtsein“.

Ich appelliere an uns alle, in Erinnerung zu behalten, dass auch nur ein einziger Tag nach Abschluss dieser Verhandlungen ein Tag zu spät sein kann!

Die Hand Israels ist zum Dialog mit denjenigen Kräften ausgestreckt, die Israel respektieren und bereit sind, mit ihm eine echte Vereinbarung zu treffen und Feindschaft und  Ressentiments beizulegen.

Mir scheint, dass es vielleicht in der gesamten Geschichte der Nationen keinen besseren Beweis gibt als die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, um zu veranschaulichen, dass man das Verhältnis zwischen Nationen auch auf ganz andere Weise wiederherstellen kann.

Denn nur wenn wir die Vergangenheit geschärft wahrnehmen und daraus Lehren ziehen, können wir eine Gegenwart und eine Zukunft entstehen lassen, die viel besser ist als das, was wir jemals gekannt haben.

Sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,

ich bin ganz sicher, dass es uns im Geiste dessen, worüber wir in früheren Begegnungen gesprochen haben, sowie kraft der Freundschaft und der besonderen Verbindung zwischen unseren Staaten gelingen wird, eine stabile Brücke zum Nutzen der kommenden Generationen zu bauen:

 

eine Brücke der Freundschaft

und eine Brücke des Glaubens an dieselben geteilten Werte.

Im Namen der Knesset und des Volkes in Israel heiße ich Sie

herzlich willkommen in Jerusalem!

Marginalspalte