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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Dan Diner untersucht „Israels deutsche Frage“

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau und Dan Diner

Petra Pau und Dan Diner in der Bibliothek des Bundestages

© DBT/Melde

Mit dem Historiker und Autor Prof. Dr. Dan Diner war am Mittwoch, 14. Oktober 2015, einer der besten Kenner der deutschen und israelischen Geschichte zu einer Lesung und Diskussion in die Bibliothek des Deutschen Bundestages gekommen. Die als Folge des Holocaust einzigartigen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel lassen sich heute nach Jahrzehnten der Zusammenarbeit längst als freundschaftlich und vertrauensvoll bezeichnen.

Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke), die die Veranstaltung moderierte, erinnerte an den mittlerweile auf allen Ebenen gelebten Austausch zwischen beiden Völkern und rief die historischen Reden von Israels Staatspräsident Schimon Peres am 27. Januar 2010 im Bundestag und die in deutscher Sprache von Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert am 24. Juli 2015 vor der israelischen Knesset gehaltene Rede in Erinnerung. „Der Grundstein für die heute so vielfach erlebbare Verbundenheit zwischen beiden Ländern ist mit dem sogenannten Wiedergutmachungsabkommen 1952 gelegt worden“, sagte Pau.

2015 jährte sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel zum 50. Mal. Dass dieser Schritt 1965 alles andere als selbstverständlich erschien, zeigen schon die vielen Jahre, die bis dahin seit der Gründung beider Staaten 1948/49 verstrichen waren.

Schwierige Annäherung nach dem Krieg

Dan Diner untersucht in seinem aktuellen Buch „Rituelle Distanz: Israels deutsche Frage“, aus dem er zentrale Passagen vortrug, die Restitutionsverhandlungen zwischen Deutschland und Israel 1952 sowie die äußerst kontroverse Debatte im israelischen Parlament, die dem Vertragsschluss damals vorausgegangen war.

Diner erläuterte, wie die Verhältnisse in der unmittelbaren Nachkriegszeit die damaligen Regierungen in Deutschland und Israel zu einer politisch-diplomatischen Annäherung und zu einer moralischen Standortbestimmung zwangen und welche Zerreißprobe das für die israelische Seite bedeutete. Die nach der Katastrophe neu gegründeten Staaten mussten sich zueinander in Beziehung setzen.

Die Bundesrepublik bekannte sich zu ihrer Verantwortung für die Ermordung der europäischen Juden und bot dem noch fragilen nahöstlichen Staatswesen konkrete Unterstützung an. Israel wiederum benötigte die angebotene Hilfe dringend, das Land stand angesichts des Zustroms von Flüchtlingen aus Europa vor einer existenziellen Krise. Aber es gab in Israel viele, die die ausgestreckte Hand aus dem Land der Mörder zurückwiesen. In der Knesset entspann sich damals eine hitzige Debatte.

Zwischen Distanz und Anlehnung

Israel stand vor einer Zerreißprobe zwischen Distanz zu allem Deutschen einerseits und der Staatsräson andererseits, die in Deutschland einen notwendigen Partner sah, den man um Unterstützung angehen und auf dessen Reparationszahlungen man bestehen musste. Deutschland wollte verhandeln. Dan Diner ging ausführlich auf die komplizierte Dramaturgie der Unterfertigungszeremonie am 10. September 1952 in Luxemburg ein, bei der es so viele diplomatische Fallstricke zu beachten gab, sowie auf die damit verbundenen persönlichen Dramen einzelner Delegationsmitglieder: von der Sprachenfrage – die Israelis lehnten Deutsch als Verhandlungssprache ab – bis zur Zerstörung persönlicher Identitäten – die einander gegenübersitzenden Delegationen bedeuteten eine neue künstliche Grenze, die einzelne Verhandlungsteilnehmer eines Teils ihrer Identität beraubte.

In der Sache war man übereingekommen, aber den zwischen erfolgreichen Verhandlungspartnern üblichen symbolischen Händedruck verweigerten die Israelis den Deutschen, auf Redebeiträge wurde verzichtet. Festgehalten ist all dies auf einer Fotografie der Unterzeichnungszeremonie – für Diner ein wesentliches Zeitzeugnis, ein Symbolbild für die damalige Stimmungslage zwischen beiden Ländern und Völkern: abgrenzend und frostig.

Diner erschließt das Quellenmaterial neu

Für Diner sind das Luxemburger Restitutionsabkommen und die Umstände seines Zustandekommens der Kristallisationspunkt schlechthin und ein Schlüssel zum Verständnis der frühen deutsch-israelischen Geschichte. Der Historiker erschließt dazu das Quellenmaterial neu, nennt die drei Tage dauernde Debatte im Januar 1952 in der Knesset die „Selbstverständigungsdebatte Israels überhaupt“ und die Bereitschaft Deutschlands zu dem Abkommen den „moralischen Gründungsakt“ der Bundesrepublik.

„Als praktizierende Politikerin habe ich aus der Lektüre dieses wichtigen Buches und aus der heutigen Veranstaltung viel wertvolles und nötiges Wissen mitgenommen für künftiges Handeln“, sagte Petra Pau, und wünschte dem Buch von Dan Diner noch viele Leser.

Dan Diner (69) ist Professor für arabische, jüdische und europäische Geschichte. Diner folgte einer Einladung der Bibliothek des Deutschen Bundestages zu einer Lesung und Diskussion über sein neues Buch „Rituelle Distanz: Israels deutsche Frage“. (ll/15.10.2015)

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