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Deutscher Bundestag - Archiv

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Brücker: Integration in Arbeitsmarkt braucht Zeit

Über eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Es ist abzusehen, dass ein beträchtlicher Teil von ihnen für längere Zeit bleiben wird. Eine besondere Herausforderung wird dabei die Integration in den Arbeitsmarkt sein. Wie diese Integration gelingen kann, darum ging es bei der Veranstaltungsreihe „W-Forum“ der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages am Donnerstag, 22. April 2016. Gastreferent war Prof. Dr. Herbert Brücker, Leiter des Forschungsbereichs „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg und Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

2016 deutlich weniger Flüchtlinge

In seiner Einführung illustrierte Prof. Dr. Ulrich Schöler, Leiter Wissenschaft und Außenbeziehungen der Bundestagsverwaltung, wie kontrovers das Thema Migration in Medien und Politik weiterhin diskutiert wird – von der Beschwörung damit verbundener Gefahren bis hin zu einem wesentlichen Beitrag zur Überwindung des Fachkräftemangels.

Arbeitsmarktforscher Brücker rief zunächst ins Gedächtnis, dass die aktuelle Flüchtlingswelle nicht als Arbeitsmigration klassifiziert werden könne, sondern dass es sich dabei um humanitäre Migration handele, um Menschen, die nicht nur der abstrakten Gefahr von Krieg und Verfolgung ausgesetzt seien, und denen daher ihr international verbriefter Schutz gewährt werden müsse: „Diese Menschen haben individuell Schreckliches erfahren.“

Der starke Zustrom an Flüchtlingen nach Deutschland seit dem Frühjahr 2015 habe damit zu tun, dass Deutschland als Volkswirtschaft und Arbeitsmarkt seit Jahren sehr günstige Bedingungen biete, und damit, dass andere Länder rasch ihre Grenzen geschlossen hätten, was zu Umleitungseffekten geführt habe. In letzter Zeit aber sei die Zahl der Neuankömmlinge deutlich gesunken. „Wir werden in diesem Jahr mit Sicherheit deutlich weniger Flüchtlinge haben als 2015“, sagte Brücker.

„Die Mehrheit integriert sich in den Arbeitsmarkt“

Von den etwa 800.000 schließlich im Jahr 2015 registrierten Fällen, befänden sich etwa 600.000 im erwerbsfähigen Alter. Abgesehen von der unmittelbaren Nachkriegszeit sei dies der größte Zustrom an Flüchtlingen, der jemals nach Deutschland gekommen sei. Brücker zeigte sich jedoch optimistisch, dass der Arbeitsmarkt auch diese Zahl an neuen Arbeitskräften aufnehmen könne und verwies auf die Erfahrungen der Vergangenheit.

„Nach einem Jahr hatten stets zunächst zehn Prozent der registrierten Flüchtlinge eine Beschäftigung gefunden, nach fünf Jahren war es dann bereits die Hälfte.“ Zwar seien nun viel mehr Menschen gekommen – „aber heute tun wir auch viel mehr für deren Integration“, so Brücker. „Die Mehrheit integriert sich in den Arbeitsmarkt – es braucht nur Zeit.“

„Ungeklärter Aufenthaltsstatus größtes Integrationshindernis“

Das größte Integrationshindernis stellt laut Brücker der ungeklärte Aufenthaltsstatus vieler Flüchtlinge dar. Die Dauer von Asylverfahren sei zu lang, zwischen der Registrierung eines Neuankömmlings und dem Abschluss des Verfahrens liege aktuell im Schnitt ein Jahr. Es sei aber für Arbeitsuchende sehr wichtig, rasch Rechtssicherheit zu erhalten.

„In den Arbeitsmarkt integrieren kann sich nur jemand, der einen Schutzstatus hat.“ Alles hänge nun vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ab, der wesentlichen institutionellen Engstelle. Zurzeit schaffe die Nürnberger Behörde 50.000 Entscheidungen pro Monat, Tendenz steigend.

Berufliche Qualifikation Schlüssel zur Integration

Obwohl die Datenbasis über die jüngsten Migrationsströme noch lückenhaft sei, könne man sich mittlerweile ein ungefähres Bild über die Qualifikation der Flüchtlinge machen, sagte Professor Brücker. Aus der Vergangenheit wisse man, dass Menschen, die sich auf den Weg in eine neue Heimat machten, grundsätzlich besser qualifiziert seien als der Bevölkerungsdurchschnitt ihrer Herkunftsländer.

So habe auch fast die Hälfte der in Deutschland neu registrierten Flüchtlinge eine weiterführende Schule besucht. Viele hätten dabei in ihrer Heimat oder während der Flucht ihre Ausbildung unterbrechen müssen, Abschlüsse lägen noch nicht vor. Auch seien viele Zertifikate nicht mit dem hiesigen Arbeitsmarkt kompatibel. „Wir haben im Bereich der beruflichen Bildung große Defizite“, sagte Brücker.

„Qualifizierung aller Berufsgruppen fördern“

Den qualifizierten Migranten stünden etwa ein Drittel gering Qualifizierte gegenüber. Dabei erweise sich dieses Segment des Arbeitsmarktes entgegen allen Prognosen als erstaunlich dynamischer Bereich. Auch der Mindestlohn stelle keine Integrationsbremse dar. Insgesamt gelte es, die Qualifizierung aller Berufsgruppen zu fördern und vergleichbare Abschlüsse zügig anzuerkennen, beispielsweise nach einer betrieblichen Probezeit.

Dass es neben den beruflichen Fähigkeiten entscheidend auf die Beherrschung der Landessprache ankomme, hätten alle Flüchtlinge erkannt. „Die Flüchtlinge wissen, dass dies der Schlüssel zur Integration ist. Wir haben ein riesiges Interesse gefunden, die deutsche Sprache zu erlernen“, berichtete Brücker von aktuellen Befragungen seines Instituts.

„Wohnsitzauflage behindert Integration“

Professor Brücker warnte davor, mit einer „Wohnsitzauflage“, die die Verteilung der Neuankömmlinge nach allen möglichen Kriterien regele, die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu erschweren. Aus wirtschaftlicher Sicht sei es nicht ratsam, die Mobilität der Menschen einzuschränken, aus Effizienzerwägungen müsse man jedem einzelnen seine individuelle Wahl lassen. „Wenn wir eine Wohnsitzauflage haben, behindern wir die Arbeitssuche und die Integration in den Arbeitsmarkt.“ Dabei dürfe man natürlich nicht die mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit einhergehenden Probleme wie die Bildung von ethnischen Parallelgesellschaften oder Wohnraumknappheit in Ballungsräume aus dem Auge verlieren.

Ohne die Hilfe ethnischer Netzwerke und der Zivilgesellschaft insgesamt sei der Staat bei derart hohen Fallzahlen im Übrigen überfordert gewesen, nichtprofessionelle Helfer seien vielfach in die Bresche gesprungen. Auch wenn sich solche vielfach als Parallelgesellschaften bezeichneten Strukturen oft als Hindernis beim Spracherwerb und der sozialen Integration erwiesen: „Wir brauchen ethnische Netzwerke – sie sind der Schlüssel für die Integration in den Arbeitsmarkt. 60 Prozent der Flüchtlinge finden ihre Jobs über Freunde und Bekannte.“

Prof. Dr. Herbert Brücker ist Leiter des Forschungsbereichs „Internationale Vergleiche und Europäische Integration“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg und Lehrstuhlinhaber für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Integration Europäischer Arbeitsmärkte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. (ll//22.04.2016)

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