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Deutscher Bundestag - Archiv

Artikel

Willi Brase wirbt für mehr freiwilliges Engagement

Willi Brase (SPD) sitzt am einem Tisch und schaut nach links.

Willi Brase leitet den Unterausschuss Bürgerschaftliches Engagement.

© DBT/Simone M. Neumann

Der Vorsitzende des Unterausschusses Bürgerschaftliches Engagement, Willi Brase (SPD), wirbt kurz vor dem Tag des Ehrenamtes am Dienstag, 5. Dezember 2016, für mehr freiwilliges Engagement. Mit Engagement könne man die Gesellschaft ein Stück weit mitgestalten, sagt er im Interview. Der Abgeordnete aus Kreuztal im Siegerland ist selber unter anderem für die ambulante Hospizpflege in seinem Heimatort ehrenamtlich aktiv.

Um dem Engagement auf politischer Ebene mehr Rückhalt zu geben, spricht sich Brase für ein Engagementgesetz ebenso wie für die Einrichtung eines regulären Ausschusses zu dem Thema im Bundestag aus. „Das wäre auch eine Anerkennung für die Millionen von Menschen, die den staatlichen Organen in den schwierigen Phasen geholfen haben und auch zukünftig einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten sollen“. Das Interview im Wortlaut:


Herr Brase, am 5. Dezember ist der Tag des Ehrenamtes. Sind Sie neben ihrer Abgeordnetentätigkeit noch ehrenamtlich aktiv?
Ich bin neben meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten innerhalb der SPD, die aber sicherlich in Zusammenhang mit meinem Bundestagsmandat stehen, Förderer in der ambulanten Hospizpflege der Diakoniestation Kreuztal, meines Heimatortes. Zugleich bin ich Mitglied in mehreren Vereinen, in denen ich Aufgaben wie etwa die des Kassenprüfers übernehme.

Warum sollten sich die Menschen Ihrer Ansicht nach ehrenamtlich engagieren?
Weil sie damit auch ein Stück weit die Gesellschaft gestalten können. Wer sich gemeinsam mit anderen für bestimmte Ideen einsetzt oder Veränderungen erreichen will - in der dörflichen Struktur oder im städtischen Quartier - der zeigt, wie Demokratie geht. Für mich gehört das zum Leben dazu. Seit meiner Kindheit bin ich in irgendeiner Weise ehrenamtlich aktiv.

Im Frühjahr dieses Jahres wurden die Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2014 vorgestellt. Eine der Grundaussagen war: die Zahl der freiwillig Engagierten steigt – zugleich investieren sie jedoch weniger Zeit. Laut Survey wenden knapp 60 Prozent der Engagierten maximal bis zu zwei Stunden pro Woche für ihr Engagement auf. Nur 18 Prozent – und damit weniger als bei der letzten Befragung  wenden mehr als sechs Stunden pro Woche auf. Wie ordnen Sie diesen Befund ein?

Wir erleben, dass die Bereitschaft sinkt, beispielsweise ein Vorstandsamt in einem Verein für mehrere Jahre zu übernehmen. Gleichzeitig beteiligen sich die Menschen vermehrt an zeitlich befristeten Projekten. Das entspricht dem Zeitgeist und hat sicher auch mit den Anforderungen durch die Arbeitswelt zu tun, wodurch die Verfügbarkeit für das Engagement nicht immer gegeben ist.

Ist das nicht problematisch für die Dachorganisationen, die das zum einen anders gewohnt sind und zum anderen auch längerfristig planen müssen?
Durchaus. Nehmen Sie beispielsweise das Technische Hilfswerk (THW). Wer dort aktiv sein will und auch bei Einsätzen mitmachen möchte, braucht eine Qualifizierung. So etwas kostet das THW Geld und Zeit. Da ist es natürlich schlecht, wenn man alle paar Jahre einen ganz neuen Stamm in seinem THW-Zug ausbilden muss. THW, aber auch Wohlfahrtsverbände und Feuerwehr, brauchen eher Leute, die langfristig am Ball bleiben. Etwas anderes ist es, wenn es darum geht, in einem Stadtteil ein Kulturzentrum zu gründen. Das ist eine zeitlich befristete Sache.

Eine weitere Feststellung aus der Befragung war, dass sich vor allem gut gebildete und im Beruf stehende Menschen engagieren. Muss nicht versucht werden, auch andere Bevölkerungsgruppen in das freiwillige Engagement zu bekommen?
Wir sollten darum kämpfen, dass sich Menschen aus sozial schwierigen und materiell schlechten Verhältnissen stärker engagieren. Aber es scheint in der Tat so zu sein: Dort, wo es gute Bildung gibt, wo die Menschen in guten Arbeitsverhältnissen sind, ist auch die Bereitschaft größer, sich ehrenamtlich zu engagieren. Die Herausforderung für die Zivilgesellschaft ist, mehr Menschen aus sozial schwierigen und bildungsfernen Schichten für ein Engagement zu gewinnen.

Das führt zum Stichwort Geld. Immer wieder thematisiert  auch in den Sitzungen des Unterausschusses  wird das Thema Monetarisierung des Ehrenamtes. Viele Experten sehen darin eine Gefahr und wenden sich gegen Zahlungen, die über Aufwandsentschädigungen hinausgehen. Aber ist Geld nicht auch eine Form der Anerkennungskultur, die immer gefordert wird?

Laut dem angesprochenen Freiwilligensurvey spielt das Thema Geld bei 90 Prozent der Befragten keine Rolle. Diese Menschen engagieren sich, weil sie dafür Anerkennung erhalten und weil sie die Gesellschaft mitgestalten wollen. Wir müssen also die gesellschaftliche Anerkennung weiter stärken.

Der Bundesfreiwilligendienst wird aber teilweise schon als Finanzierungsquelle für den Lebensunterhalt angesehen…
Das ist zumeist in den neuen Bundesländern der Fall, weil es dort an Arbeitsplätzen fehlt. Die Menschen versuchen dann mit einer Kombination aus Bundesfreiwilligendienst und Minijobs ihr Leben zu gestalten. Das ist aber nicht der Sinn des bürgerschaftlichen Engagements. Richtig ist es, dass die Menschen, die sich engagieren, ihren Aufwand erstattet bekommen. Das hat für mich aber nichts mit einer Monetarisierung zu tun.

Die Flüchtlingskrise hat das freiwillige Engagement in einen besonderen öffentlichen Fokus gerückt. Ohne Ehrenamtliche wäre die Aufnahme der Flüchtlinge nicht möglich gewesen – in dieser Einschätzung sind sich wohl alle einig. Ist es jetzt positiv zu bewerten, dass sich die Politik auf das Ehrenamt verlassen konnte? Oder ist es eher ein Armutszeugnis für die politisch Verantwortlichen, dass Deutschland in dieser Frage so auf das Ehrenamt angewiesen ist?
Für mich ist ganz klar: Ohne das Engagement der Menschen, die barmherzig waren und gesagt haben, wir möchten den Flüchtlingen helfen, aber auch ohne die Wohlfahrtsorganisationen und die Kirchen wäre dieser Kraftakt nicht gelungen und die staatlichen Organe wären kollabiert. Daraus sollte die Zivilgesellschaft und sollten die bürgerschaftlich Organisierten auch Ansprüche formulieren. Ohne die Bürgergesellschaft werden wir auch in der Folge die Integration nicht schaffen. Dessen sollte sich die Zivilgesellschaft bewusst sein und das eine oder andere an Mitsprache fordern.

Wie stellen Sie sich das konkret vor?
Die Politik wäre – auf allen Ebenen – gut beraten, zu beachten, wie die Bürgergesellschaft tickt, wie die Zivilgesellschaft arbeitet. Bedenkenswert wäre ein Engagementgesetz, um die Strukturen zu stärken und zu schützen. Möglicherweise sollte das Thema auch in einem ordentlichen Ausschuss im Deutschen Bundestages Platz finden, der als Querschnittsausschuss die vielen Erfahrungen, Anforderungen und Bedürfnisse der Zivilgesellschaft aufnimmt.

Braucht es aus Ihrer Sicht einen solchen Ausschuss?
Ich halte das für absolut richtig und notwendig. Es wäre auch eine Anerkennung für die Millionen von Menschen, die den staatlichen Organen in den schwierigen Phasen geholfen haben und auch zukünftig einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten sollen. Denn ohne ehrenamtlich Engagierte wird sie nicht gelingen.  

(hau/01.12.2016)

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