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Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

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Der Bundestag hat am Mittwoch, 31. Januar 2018, der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die deutsch-britische Cellistin und Holocaust-Überlebende Dr. h. c. Anita Lasker-Wallfisch sagte in ihrer Gedenkrede, es gebe weder Entschuldungen noch Erklärungen für das, was damals geschehen ist. Was bleibe, sei die Hoffnung, „dass letzten Endes der Verstand siegt“. Die Gedenkstunde fand aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus statt, der seit 1996 immer am 27. Januar begangen wird. Er erinnert an den Tag der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945.

Überlebende von Auschwitz und Bergen-Belsen

Im Beisein von Bundespräsident Dr. Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Bundesratspräsident Michael Müller, des Vizepräsidenten des Bundesverfassungsgerichts Prof. Dr. Ferdinand Kirchhof und zahlreicher Ehrengäste sagte Bundestagspräsident Dr. Wolfgang Schäuble: „Auschwitz – das ist Synonym für den planmäßigen, industriellen Völkermord an den europäischen Juden, für die nationalsozialistischen Verbrechen, für die Unmenschlichkeit im Menschen.“

Anita Lasker-Wallfisch, 92 Jahre alt, beschrieb in ihrer Gedenkrede „unsere Karriere als Überlebende von Auschwitz und Bergen-Belsen“. Ihre Schwester Renate und sie seien in diesem Land geboren, „also deutsch“, sagte die 1925 in Breslau geborene Tochter eines Rechtsanwalts und Notars am Oberlandesgericht. Der Vater war „Frontkämpfer“ im Ersten Weltkrieg und Träger des Eisernen Kreuzes, die Mutter eine „wunderbare Geigerin, wir waren drei Töchter“. Sie selbst habe mit Begeisterung Cello, ihre eineinhalb Jahre ältere Schwester Renate „mit weniger Begeisterung“ Geige gespielt.

„Radikale Ausgrenzung“

Das „Idyll“ sei plötzlich zu Ende gewesen, berichtete Anita Lasker-Wallfisch, es folgte „radikale Ausgrenzung“ – „Juden unerwünscht war überall zu lesen, man darf nicht mehr ins Schwimmbad gehen, auf Parkbänken sitzen, Fahrräder mussten abgegeben werden, Männer mussten den Namen Israel und Frauen den Namen Sara zusätzlich annehmen, wir mussten unsere Wohnung räumen und zurück ins Mittelalter, wir mussten den gelben Stern auf unserer Kleidung tragen. Auf der Straße wurde ich angespuckt und dreckiger Jude genannt“.

Nach der sogenannten „Kristallnacht“ 1938 kam die Einsicht, dass man hier nicht bleiben kann: „Aber da war es zu spät, wir waren gefangen.“ Massenerschießungen hätten bereits 1939 mit der Besetzung Polens begonnen. 1942 fand die Wannseekonferenz statt: „Sogenannte kultivierte Menschen saßen zusammen und diskutierten ernsthaft, wie man am besten Millionen von Menschen, Juden, aus der Welt schaffen kann.“

„Die Anita Sara Lasker gibt es nicht mehr“

Die Eltern seien am 9. April 1942 deportiert worden: „Es erübrigt sich zu sagen, dass wir sie nie wieder gesehen haben.“ Die 16-Jährige und ihre Schwestern mussten in ein Waisenhaus und wurden zum Arbeitsdienst in einer Fabrik eingezogen, in der auch französische Kriegsgefangene arbeiteten. „Und so begann unsere Karriere als Urkundenfälscher“, um Franzosen zur Flucht zu verhelfen. Der verzweifelte Versuch, mit gefälschten Papieren selbst in die unbesetzte Zone Frankreichs zu fliehen, sei misslungen.

Ihre Schwester Renate sei zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus, sie selbst zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, erinnerte sich Anita Lasker-Wallfisch: „Wir haben die Strafe nicht abgesessen und wurden beide separat nach Auschwitz geschickt.“ Da sie als „Verbrecher“ nach Auschwitz kamen, seien sie sogenannte „Karteihäftlinge“ gewesen, was vorteilhafter gewesen sei, da sie nicht an der Rampe zu Leben oder Tod verurteilt wurden. „Mein Kopf wurde rasiert und die Nummer 69388 wurde auf meinen linken Arm tätowiert. Die Anita Sara Lasker gibt es nicht mehr.“

Mitglied der Lagerkapelle in Auschwitz-Birkenau

Da eine Cellospielerin gebraucht wurde, wurde sie Mitglied der Lagerkapelle in Auschwitz-Birkenau. Dirigentin sucht war Alma Rose, die Nichte von Gustav Mahler und Tochter von Arnold Rose, des langjährigen Konzertmeisters der Wiener Oper. Die Kapelle habe nur ein paar Meter vom Krematorium 1 entfernt gewohnt: „Wir konnten alles sehen, die Ankunftszeremonien, die Selektionen, die Kolonnen von Menschen, die Richtung Gaskammer gingen und in Rauch verwandelt wurden.“ Sie hätten am Lagertor Märsche für die Gefangenen gespielt, die in den umliegenden Fabriken, IG Farben, Buna, Krupp, arbeiteten.

Durch einen „unglaublichen Zufall“ habe sie ihre Schwester Renate wiedergefunden, „ein Skelett mit offenen Wunden an den Beinen, die einfach nie heilten“. Als die russische Front sich näherte, seien sie in einen Viehwagen verladen und nach Bergen-Belsen gebracht worden: „Wer hätte geglaubt, dass wir Auschwitz lebendig und nicht als Rauch verlassen würden.“ Der Unterschied beider Lager sei gewesen: „In Auschwitz hat man Menschen auf die raffinierteste Art und Weise en gros ermordet, in Belsen ist man ganz einfach krepiert. Am 15. April 1945 seien sie dann von den Engländern befreit worden. Ein Zuhause habe es nicht mehr gegeben: „Wir waren diese neue Menschengattung, displaced persons“, erinnerte sich Anita Lasker-Wallfisch.

„Leugnen darf nicht sein“

Man könne es der heutigen Jugend nicht verübeln, dass sie sich nicht mit den Verbrechen identifizieren wollten: „Aber leugnen, dass auch das zur deutschen Vergangenheit gehört, darf nicht sein“, sagte Anita Lasker-Wallfisch unter Beifall. Der berühmte Schlussstrich? Was geschehen sei, ist geschehen und könne nicht mit einem Strich ausgelöscht werden. Wie schon die Gedenkrednerin Prof. Dr. Ruth Klüger im Jahr 2016 lobte auch Anita Lasker-Wallfisch die deutsche Flüchtlingspolitik: „Für uns haben sich die Grenzen damals hermetisch geschlossen, und nicht wie hier geöffnet dank dieser unglaublich generösen, mutigen, menschlichen Geste, die hier gemacht wurde.“

Schuldgefühle seien vollkommen fehl am Platz, es handele sich jetzt um Verantwortung, um Sicherheit, dass so etwas nie, „aber auch nie wieder geschehen kann“. Heute gedenke man der Millionen von unschuldigen Opfern: „Wir sollten auch der mutigen Helfer gedenken, es gab sie, nicht genug, aber es gab sie. Es gab Menschen, die damals ihr eigenes Leben gefährdet haben, um anderen Menschen zu helfen“, sagte Lasker-Wallfisch. 

Kampf gegen den Antisemitismus

Noch vor fünf Jahren sei nicht möglich gewesen, was sie im bayerischen Rosenheim vor einer Lesereise in Schulen erlebt habe. Als sie mit Niklas Frank, dem Sohn „Judenschlächters“ Hans Frank, zur Vorbereitung der gemeinsamen Termine zusammensaß, sei ein Mann an ihren Tisch gekommen und habe sich beschwert, „dass wir hier die schöne Atmosphäre mit diesen Auschwitz-Geschichten verderben“. Sie mahnte, angesichts des „wiederaufblühenden Antisemitismus“ aufzupassen. Man müsse sich fragen, warum jüdische Schulen, sogar jüdische Kindergärten polizeilich bewacht werden müssten: „Was für ein Skandal.“ 

Anita Lasker-Wallfisch lobte, dass der Bundestag am 18. Januar eine Entschließung zur Bekämpfung des Antisemitismus angenommen hatte: „Man kann nur hoffen, dass Sie den Kampf gewinnen. Die Zukunft liegt in Ihren Händen“, sagte sie. Damals habe sie geschworen, „nie wieder meine Füße auf deutschen Boden zu setzen“. Ihr Hass auf alles Deutsche sei grenzenlos gewesen: „Wir Sie sehen, bin ich eidbrüchig geworden, schon vor vielen Jahren, und ich bereue es nicht.“

„An Auschwitz scheitert jede Gewissheit“

Zuvor hatte der Bundestagspräsident betont, dass an Auschwitz jede Gewissheit scheitere. „Wir gedenken nicht als persönlich Schuldige. Aber aus der Schuld, die Deutsche in den zwölf Jahren der NS-Diktatur auf sich geladen haben, wächst den nachfolgenden Generationen eine besondere Verantwortung zu.“ Eine Gesellschaft brauche eine konsequente Haltung gegen jede Form der Ausgrenzung – „bevor es zu spät ist“, sagte Schäuble unter Beifall.

Der Bundestag gedachte der ermordeten Juden Europas, der Sinti und Roma, der Kranken und Behinderten, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas, der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, der Kriegsgefangenen, der zu „Untermenschen“ degradierten slawischen Völker. Zugleich ehrte er nach den Worten Schäubles den Mut derjenigen, die sich nicht abfinden wollten mit der Zerstörung von Freiheit und Humanität, die sich nicht abfinden konnten, die Verfolgten und Bedrängten geholfen haben und die Widerstand leisteten.

„Anlass zur Selbstbeunruhigung“

An die Gedenkrednerin gewandt, sagte Schäuble, sie habe die Musik als ihren inneren Zufluchtsort beschrieben, um „einen Funken menschlicher Würde zu behalten“. Schäuble erinnerte an den am 28. Januar verstorbenen Jazz-Musiker Coco Schumann, der sein Mitwirken bei den „Ghetto Swingers“ in Theresienstadt und später in Auschwitz so auf den Punkt gebracht habe: „Wir spielten um unser Leben.“ Er wies auch auf die Ausstellung mit Werken des israelischen Künstlers Jehuda Bacon, die derzeit im Bundestag zu sehen ist. Auch er ein Auschwitz-Überlebender.

Der Bundestagspräsident räumte ein, dass es „Anlass zur Selbstbeunruhigung“ gibt und nannte die Verrohung im Internet und in den sozialen Netzwerken, die meist fremdenfeindlich motivierte Hasskriminalität. Beunruhigen müsse, wenn Angriffe auf Zuwanderer, auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte stillschweigend oder gar laut gebilligt würden. Beunruhigend sei auch, wenn ein Großteil der heute in Deutschland lebenden Juden angebe, im Alltag antisemitische Anfeindungen zu erleben. „Das ist inakzeptabel“, sagte Schäuble unter dem Applaus des Hauses.

„Jede Form von Antisemitismus ist unerträglich“

Jede Form von Antisemitismus sei unerträglich. Das gelte für alle, die hier leben, auch für jene, für die die deutsche Vergangenheit nicht die eigene ist und die hier oder anderswo vielleicht selbst Ablehnung und Diskriminierung erfahren mussten. Wer hier leben wolle, sei in eine „Verantwortungsgemeinschaft“ eingewandert und müsse diese Verpflichtungen akzeptieren.

Hetze und Gewalt dürften „in unserer Gesellschaft keinen Raum haben“, betonte Schäuble: „Wer vom Volks spricht, aber nur bestimmte Teile der Bevölkerung meint, legt Hand an unsere Ordnung an.“ Das freie, demokratische, rechtsstaatliche, friedliche Deutschland sei auf der historischen Erfahrung unermesslicher Gewalt gebaut, sagte der Bundestagspräsident: „Unsere Verfassung hat daraus die Lehren gezogen. Auch deshalb ist unser Land für viele Menschen in der Welt inzwischen ein Sehnsuchtsort.“

Musik von Ernest Bloch

Musikalisch umrahmt wurde die Gedenkstunde mit Musik von Ernest Bloch (1880-1959). Der Sohn von Anita Lasker-Wallfisch, Professor Raphael Wallfisch, am Violoncello und Professor John York am Piano spielen „Prayer“ aus „From Jewish Life“ (1924).

Nach der Gedenkrede trugen Judith Stapf an der Violine und Kärt Ruubel am Piano „Nigun“ aus „Baal Shem“ (1923) vor. (vom/31.01.2018)

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