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Parlament

26 Schulklassen auf Erkundung im Reichstagsgebäude

Kinder auf dem Kindertag

(© DBT/photothek)

Merkwürdige Szenen spielen sich ab im SPD-Fraktionssaal im Bundestag. Wolfgang Thierse kämpft mit dem Mikro, Sigmar Gabriel gibt sich heute ungewohnt wortkarg, woraufhin Frank-Walter Steinmeier, der zuvor eine zehnprozentige Steuersenkung ins Gespräch gebracht hatte, launisch das Ende der Sitzung durchs Mikrofon bekannt gibt. Das wiederum stößt auf Unverständnis bei Fraktionsvize Joachim Poß, der heute erstaunlich weiblich wirkt.

Doch Grund zur Beunruhiung besteht nicht, die demokratische Parteienordnung ist intakt.

Souveräner politischer Nachwuchs

Im Gegenteil: Die Junior-Doubles der sechsten Klasse der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule aus Berlin-Tempelhof, die auf Empfehlung der SPD-Abgeordneten Mechthild Trabert im Fraktionssaal die angestammten Plätze der Fraktionspitze eingenommen haben, lassen für die Zukunft des politischen Nachwuchses hoffen.

Souverän leitet „Frank-Walter-Steinmeier“ die Sitzung und erteilt den Mitschülern, die eine Frage an die Abgeordnete haben, großzügig das Wort. Die Redezeit hat er dabei stets im Blick. Das Treffen der Schüler mit der Abgeordneten Trabert bildet zugleich Abschluss und Höhepunkt ihres Bundestagesbesuchs im Rahmen des sechsten und letzten Kindertages in diesem Jahr am Montag, 20. Dezember 2010. Sie gehören damit zu den insgesamt 580 Kindern, die in 26 Schulklassen den Weg durch Schnee und Eis in das Reichstagsgebäude gefunden haben.

Schlafen Bayern im Hotel Adlon?

Dabei lassen sie keine Gelegenheit aus, um Zwischenfragen zu stellen oder auch, um ihr - für ihr Alter - beeindruckendes Vorwissen unter Beweis zu stellen. Zu klären gibt es allerdings auch Organisatorisches: „Was machen eigentlich die Abgeordneten, die aus Bayern kommen, schlafen die im Hotel Adlon?“, möchte ein Mädchen wissen. Fragen nach ihrem Monatsverdienst oder ihrem Weg in die Politik treffen Mechthild Trabert dagegen weniger unvorbereitet.

Dr. Sebastian Balta hatte die Kinder zuvor genauestens auf ihren Weg hinauf in die Fraktionsebene vorbereitet und ihnen anhand des Bundestagsmodells im Erdgeschoss erklärt, welche Fraktionssäle sich in welchen Türmen befinden. Der promovierte Politiologe und Historiker hatte die Gruppe zuvor rund eine Stunde lang auf eine Reise durch den Bundestag mitgenommen, bei der die auffallend ruhig und konzentriert wirkenden Teilnehmer der Tour unter dem Eindruck der vielen Zahlen und Geschichtsdaten noch ein bisschen ruhiger wurden.

Das meistbesuchte Parlamentsgebäude der Welt

Zu verarbeiten gab es so einiges: Das Reichstagsgebäude ist mit 5.000 bis 10.000 täglichen Gästen das meistbesuchte Parlamentsgebäude der Welt. Drei Millionen Besucher kommen jedes Jahr - auch um sich die insgesamt 28 Kunstwerke anzuschauen, mit denen internationale Künstler Bezug auf die deutsche Geschichte genommen haben.

Die „Graffiti“ der russischen Soldaten, die 1945 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs das Reichstagsgebäude erstürmt haben, hat sich hier mit schwarzer und blauer Kreide verewigt - und ganz unfreiwillig zum authentischsten und historischsten Teil der Kunstsammlung im Bundestag beigetragen.

Scheidemanns Balkon

Auch wenn die Kuppel aufgrund der widrigen Winterwitterung geschlossen bleibt, gibt es innerhalb des Gebäudes, das in den neunziger Jahren für damals 600 Millionen Mark kernsaniert wurde, genug zu entdecken. Zum Beispiel den Balkon, von dem aus Philipp Scheidemann 1918 die Republik ausrief - angeblich hatte er hierfür zuvor sein Mittagessen im Reichstagsrestaurant unterbrochen, das hinter dem Balkon lag.

Den Geschichtstest von Dr. Balta und seine Fragen nach Jahreszahlen bestehen die Schüler spielend. Umgekehrt gelingt es ihnen später auf der Besuchertribüne im Plenum, Balta mit ihren Fragen etwas aus der Reserve zu locken. „Warum sind denn hier manche Stühle blauer als andere?“, will ein Mädchen mit offenbar überdurchschnittlich geschultem Sehvermögen wissen.

Warum sind nicht auf allen Tischen Telefone?

Doch auch Grundsätzliches wollen die Kinder geklärt wissen. Wie lange dauert eine Sitzung? Warum sind nicht auf allen Tischen Telefone? Darf man hier oben auf der Tribüne stehen? Zwischen den Fragen klicken die Foto-Handys und Digicams im Stakkato, bevor die nächsten Hände für weitere Zwischenfragen nach oben schießen.

Doch wie im Leben eines echten Abgeordneten, geht auch dieser Tagesordnungspunkt einmal zu Ende, die Rede- und Fragezeit ist begrenzt, denn draußen wartet die nächste Gruppe. Bei dieser Wissbegierde sollte es aber nicht verwundern, wenn der eine oder die andere in ein paar Jahren mehr ist als nur das Junior-Double im Fraktionssaal. (jmb)

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