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Wolfgang Bosbach: Ich kann meine Meinung nicht so schnell ändern

Wolfgang Bosbach (CDU/CSU)

Wolfgang Bosbach (CDU/CSU)

© DBT/photothek

Wolfgang Bosbach ist nicht nur einer der bekanntesten CDU-Politiker, er ist vor allem ein Politiker, der sich nie verbiegt. Mit der direkten Art des Juristen kommen nicht alle klar, aber er kann nur geradeaus und direkt. Deshalb hat er auch nicht das Alter oder einen Generationenwechsel für seinen Ausstieg aus der aktiven Politik genannt, sondern den Kurswechsel seiner Partei. Der Nachrichtenagentur AFP sagte Wolfgang Bosbach: "Die CDU hat in wichtigen Fragen Kurskorrekturen vorgenommen, die ich nicht mehr mit der notwendigen Überzeugung vertreten kann."

Kurswechsel der Partei als Rückzugsgrund

Selbstverständlich drückt sich Wolfgang Bosbach nicht um konkrete Beispiele, die zu seiner Entscheidung geführt haben und die für ihn den Kurswechsel ausmachen: Die von der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel vertretene Flüchtlingspolitik, die Vergabe von Milliardenkrediten an Griechenland und die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die zu einer Enteignung der Sparer führe. Er vertrete bei keinem Thema eine Auffassung, die nicht auch einmal die Auffassung der CDU gewesen sei.

„Das einzige, was man mir vielleicht vorwerfen kann, ist die Tatsache, dass ich meine Meinung nicht so schnell ändern kann. Ich habe aber in meiner Partei im Laufe der Jahre wesentlich mehr Unterstützung als Kritik erfahren.“ Dass er manchmal als Rebell bezeichnet wird, quittiert Bosbach mit den Worten: „Offenbar gelten heute schon jene als Rebellen, die bei ihrer Meinung bleiben!“

Großer Rückhalt im Wahlkreis

Vielleicht haben einige geahnt, dass Wolfgang Bosbach geht. Wirklich geglaubt haben es wenige, dass der Vollblutpolitiker die politische Bühne 2017 verlässt. Er hatte etwas zu sagen, auch wenn er nicht immer bequem war und in der Presse „Der ewige Dissident“ genannt wurde, der sich traut, der Kanzlerin zu widersprechen. Bosbach blieb sich und seinen konservativen Überzeugungen immer treu. Dafür schätzten ihn die Menschen in seinem Wahlkreis, sie gaben ihrem Bundestagsabgeordneten mehr als zwei Jahrzehnte großen Rückhalt.

Sechs Mal gewann er das Direktmandat im Wahlkreis Rheinisch-Bergischer Kreis, zuletzt mit sensationellen 58,5 Prozent. Diese Unterstützung verschaffte ihm Unabhängigkeit. Er konnte bei Abstimmungen im Bundestag seinem Gewissen und seinen Überzeugungen folgen, und die lagen nicht immer auf der Parteilinie. Wenn Bosbach 2017 nicht mehr im Bundestag sitzen wird, werden ihn parteiübergreifend sicher viele Kollegen vermissen. 

Seit 44 Jahren Mitglied der CDU

Als Wolfgang Bosbach 1972 in die Junge Union, später in die CDU eintrat, war er 20 Jahre alt, politisch interessiert, und er wollte sich politisch engagieren. Er erinnert sich: „Die Stimmung in Deutschland war damals innenpolitisch extrem angespannt. Die RAF verbreitete Terror, es gab Streit um die neue Ostpolitik, und das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt war unter dubiosen Umständen gescheitert. Damals haben sich viele vor allem junge Menschen parteipolitisch engagiert. Für mich kam nur die CDU infrage. Ich bin dort nicht zufällig eingetreten, sondern aus voller Überzeugung, denn die CDU entsprach schon damals meinen Werten.“

Wie politisch diese Zeit war, lässt sich an der Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl im gleichen Jahr ablesen. Die lag bei über 90 Prozent, aus heutiger Sicht ein unerreichbarer Wert.

2015 Rücktritt als Vorsitzender des Innenausschusses

Wolfgang Bosbach übte im Laufe seiner politischen Karriere viele politische Ämter aus. Er war 20 Jahre Mitglied im Rat der Stadt Bergisch Gladbach, stellvertretender Vorsitzender der CDU Nordrhein-Westfalen, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der CDU/CSU im Bundestag und Vorsitzender des Innenausschusses des Deutschen Bundestages. Im September 2015 trat er wegen des dritten Hilfspaketes für Griechenland von dieser Funktion zurück.

Das Haftungsrisiko für die deutschen Steuerzahler sei zu hoch, denn dass Griechenland seine Schulden jemals vollständig zurückzahlen kann, daran glaubt der CDU-Politiker nicht. In einem Interview sagte Bosbach: „Die Kluft zwischen Wählern und Gewählten ist groß. Viel zu groß. Je nach Betrachtungsweise trauen uns Berufspolitikern die Menschen entweder alles zu – oder nichts.“

„Junge Menschen interessieren sich sehr wohl für Politik“

Der Behauptung, dass sich immer weniger junge Menschen für Politik interessieren, widerspricht der Politiker vehement. „Junge Menschen interessieren sich sehr wohl für Politik, das erlebe ich tagtäglich. Aber die Bereitschaft, sich auf Dauer an eine Partei zu binden, ist geringer geworden. Diese Erfahrung machen allerdings nicht nur Parteien, sondern auch Gewerkschaften, Kirchenverbände und andere große gesellschaftliche Organisationen.“

Trotzdem will Wolfgang Bosbach für die Zukunft der CDU keine Untergangsstimmung aufkommen lassen. „Ich habe in den vergangenen Jahren so oft die Frage gehört: Was soll nur in Zukunft werden? Wir haben in der CDU viele junge Leute, die sich mit klugen Gedanken und viel Engagement einbringen. Denen muss die Partei nur etwas zutrauen und ihnen eine Chance geben, dann ist die CDU ganz sicher zukunftsfähig.“

„Keine Mehrheit zu haben, ist keine Niederlage“

Wie Wolfgang Bosbach mit Niederlagen umgeht? Der CDU-Politiker hat es nie als Niederlage begriffen, wenn er für seine politischen Positionen keine Mehrheit finden konnte. „Wenn ich mit meiner politischen Überzeugung in der Minderheit war, dann habe ich das immer akzeptiert und daraus keine Niederlage gemacht“, erklärt der Politiker und fügt an: „Ganz sicher habe ich aber in den vergangenen 22 Jahren Fehler macht. Ich habe oft einen zu hohen Aufwand an Zeit und Energie betrieben, und ich hätte bei unzähligen Einladungen öfter Nein sagen müssen, als ich es getan habe. Es wäre der Gesundheit sicher förderlicher gewesen“, sagt der Politiker.

Wenn sich Wolfgang Bosbach 2017 aus der aktiven Politik zurückzieht, wird es ein endgültiger Schnitt sein und kein Rückzug auf Raten. Er steht nicht mehr für Parteiämter zur Verfügung und wird der CDU keinesfalls ungefragt Ratschläge geben. „Ich habe mich politisch immer gern engagiert und mit Freude ein Politikerleben geführt. Aber ich sage auch, Politik war nie mein ganzes Leben, ich hatte und habe auch viele andere Interessen“, sagt Bosbach und fügt an: „Wenn ich meine Zeit ohne Parteikalender planen kann, werde ich wieder mehr Sport treiben, denn ich war immer ein begeisterter Tennisspieler und habe gerade mit dem Golfen begonnen, das macht mir richtig Spaß.“ 

Außerdem gibt es viele Länder, in die Wolfgang Bosbach gern reisen würde, aber nicht „irgendwann“, sondern jetzt, „denn niemand kann wissen, wie lange man fit genug ist, um sich die Welt noch mal ganz genau anzusehen“, sagt der CDU-Politiker. (bsl/05.01.2017)