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Vor 20 Jahren: Václav Havel spricht im Deutschen Bundestag

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Vor 20 Jahren, am 24. April 1997, sprach der Präsident der Tschechischen Republik, Václav Havel, im Deutschen Bundestag. Sein Besuch stand am Ende eines Versöhnungsprozesses, den er selbst seit 1989 entscheidend vorangebracht hatte. Nach einem ersten Schritt zur Normalisierung der deutsch-tschechischen Beziehungen mit dem Vertrag über gute Nachbarschaft von 1992 hatten nun beide Parlamente die „Deutsch-tschechische Erklärung über die gegenseitigen Beziehungen und deren künftige Entwicklung“ vom Januar 1997 ratifiziert.

Mit großer Freude und Dankbarkeit begrüßte die damalige Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth ihren Gast. „Dieser Tag und diese Stunde im Deutschen Bundestag ist Ihr und unser Tag, sehr geehrter Herr Präsident. Auf ihn haben wir lange gewartet. Ihr mutiger Einsatz, Ihre Initiative haben sich gelohnt. Ihr Grundsatz, „in der Wahrheit zu leben“, hat sich trotz Kritik und Widerstand bewährt.“

„Historische Chance für ein dauerhaftes Zusammenleben“ 

In ihrer Begrüßungsansprache würdigte sie die Bedeutung der Erklärung, die „um unserer gemeinsamen Zukunft willen“ so notwendig sei und zeitweise fast unerreichbar erschien. Sie erinnerte an das unendliche Leid, das beide Seiten einander in der Vergangenheit zugefügt hätten und gab gleichzeitig zu bedenken: 50 Jahre seien eine kurze Zeit, und tiefe Wunden würden nicht allein durch die Zeit verheilen. Deshalb plädierte sie dafür gerade diese Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Dialog und die Aussöhnung an vorderster Stelle mit einzubeziehen.

Die Erklärung sei eine wahrhaft historische Chance für ein dauerhaftes Zusammenleben beider Völker im zusammenwachsenden Europa und dürfe nicht vertan werden, mahnte der tschechische Staatspräsident. Sie schaffe ein außerordentlich günstiges Klima sowohl für die Entwicklung unseres nachbarlichen Zusammenlebens als auch für unsere Zusammenarbeit auf der europäischen Bühne.

„Erklärung von großer Bedeutung“ 

In seiner Rede bekundete er der moralischen Haltung all jener Hochachtung, die während der NS-Zeit Opfer der politischen und Rassenverfolgung waren und jetzt dieses Versöhnungswerk zwischen Deutschen und Tschechen unterstützten.

Die gemeinsame Deklaration sei zwar kein Zauberstab, der all die bitteren Erfahrungen, die im 20. Jahrhundert „unser Zusammenleben“ beeinträchtigten und all den traditionellen und traditionsgemäß genährten Irrglauben, der über dieses Zusammenleben und diese Erfahrungen auf beiden Seiten besteht, auf einmal verschwinden lassen würde. „Trotzdem bin ich der Meinung, dass die Erklärung von großer Bedeutung ist, vielleicht von größerer Bedeutung, als manchen von uns bewusst ist“, betonte Havel.

„Nicht das Unmögliche anstreben“ 

So wie das heutige Deutschland nicht in der Lage sei, die Zehntausende tschechischer NS-Opfer ins Leben zurückzurufen, so wenig könne die heutige Tschechische Republik den vertriebenen Deutschen ihr altes Zuhause zurückgeben, erklärte Havel.

Seines Erachtens habe man durch diese Erklärung klar gesagt, „dass wir nicht das Unmögliche anstreben, dass wir nicht versuchen, die eigene Geschichte zu ändern und ihre nicht wiedergutzumachenden Folgen wiedergutzumachen, sondern dass wir diese Geschichte unvoreingenommen erforschen, ihre Wahrheit suchen und dadurch die einzig möglichen und sinnvollen Grundlagen unseres künftigen guten Zusammenlebens legen wollen“.

„Sudetendeutsche sind bei uns willkommen“ 

Den Sudetendeutschen versicherte er, dass sie „bei uns“ willkommen sind, „nicht nur als Gäste, sondern auch als unsere einstigen Mitbürger beziehungsweise deren Nachkommen willkommen sind, die bei uns jahrhundertealte Wurzeln haben und das Recht darauf haben, dass wir diese ihre Verbundenheit mit unserem Land wahrnehmen und achten“.

In seiner Rede überraschte der Politiker mit seiner Forderung nach einer Neuinterpretation des Begriffes Heimat. Heimat solle nicht länger als abgeschlossene Struktur begriffen werden, schlug er vor. „Wir“ sollten sie als unseren Teil der „Welt im Ganzen“ empfinden, als etwas, das „uns einen Platz in der Welt“ verschafft, statt „uns von der Welt zu trennen“. Heimat sei vielmehr ein Raum, der sich öffne und Menschen verbinde. Sie mache neugierig, schaffe Lust auf das Unbekannte, vermittle Verständnis für das Geheimnisvolle.

„Gemeinsame Heimat der Gedanken, Werte und Ideale“ 

Die bisherige Denkweise habe in ihrer extremen Form nicht mehr und nichts Besseres als Chauvinismus, Provinzialismus, Gruppenegoismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus geboren: „Wozu solche kollektiven Gemütszustände führen, wenn sie von nationalistischen Anführern geschickt angespornt werden, wissen wir alle nur zu gut: zu Gewalt, ethnischen Säuberungen, Kriegen und Konzentrationslagern.“

Auf dieser Basis betonte Havel die wichtige Aufgabe beider Staaten, zu dem großen Werk der europäischen Vereinigung in dem Bewusstsein beizutragen, dass „wir miteinander eine gemeinsame Heimat der Gedanken, Werte und Ideale teilen“.

Nixon, Reagan, Mitterrand, Weizman, Mandela, Havel

Nach US-Präsident Richard Nixon am 26. Februar 1969, US-Präsident Ronald Reagan am 9. Juni 1982, dem französischen Präsident François Mitterrand am 20. Januar 1983, dem israelischen Staatspräsidenten Ezer Weizman am 16. Januar 1996 und dem südafrikanischen Präsident Nelson Mandela am 22. Mai 1996 war der Präsident der Tschechischen Republik das sechste amtierende ausländische Staatsoberhaupt, das eingeladen worden war, um zu den Abgeordneten zu sprechen. Václav Havel erhielt für seine Rede lang anhaltenden Beifall.

1936 in Prag geboren, wurde Havel in den 1960er-Jahren Dramaturg. Er war in der Oppositionsbewegung gegen die Regierungspolitik der kommunistischen Partei aktiv und verbrachte deshalb fast fünf Jahre in Haft. 1990 wurde er zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt, nach deren Auflösung 1993 dann zum ersten Präsidenten der Tschechischen Republik.

„Ein Staatsmann von Weltrang“ 

Er starb am 18. Dezember 2011. Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte den verstorbenen früheren tschechischen Präsidenten und Schriftsteller Václav Havel. „Wir Deutschen und alle Europäer verlieren mit Václav Havel nicht nur einen Schriftsteller und Künstler, sondern einen Staatsmann von Weltrang. Er ist eine der herausragenden Persönlichkeiten, deren Name auf immer mit dem weltpolitischen Umbruch der Jahre 1989/90 verbunden sein wird.“

Und weiter: „Václav Havel war ein Visionär und ein Vorbild - als Schriftsteller und Künstler mit seiner grandiosen Ausdrucksgabe wie auch als Politiker und Staatsmann mit seiner Klugheit und Strahlkraft.“ (klz/13.04.2017)