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Ottmar Hörl, geboren 1950 in Nauheim, lebt in Frankfurt/Main, Nürnberg und Wertheim, Martin Luther: Hier stehe ich, Kunststoff, vier Farben (Schwarz, Grün, Blau, Rot), 2010

Das Schadow-Haus, in dem sich heute die Arbeitsräume des Sekretariats des Kunstbeirates des Deutschen Bundestages befinden, beherbergt vier verkleinerte Nachbildungen der bekannten Luther-Statue des preußischen Hofbildhauers Johann Gottfried Schadow (1764-1850). Sie stammen aus der Hand des Bildhauers Ottmar Hörl, der sie der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages stiftete. Auf diesem Wege ist Schadows Luther-Standbild an genau den Ort zurückgekehrt, an dem Schadow wohnte und arbeitete und an dem vor 200 Jahren die Überlegungen zur Erstellung einer Luther-Statue begannen: Am Abend des 21. November 1816 trat erstmals die „Denkmalkommission“ zusammen. So trafen sich im Erdgeschoß des Schadow-Hauses in Berlin der Bildhauer Johann Gottfried Schadow sowie die Architekten Karl Friedrich Schinkel und Martin Friedrich Rabe. Sie sollten im Auftrag des preußischen Königs über die Errichtung eines Luther-Standbildes zum 300jährigen Reformationsjubiläum für das Jahr 1817 beraten. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. hatte den Vorschlag einer „vaterländisch-literarischen Gesellschaft der Grafschaft Mansfeld“ aufgegriffen und sich bereit erklärt, ein Luther-Denkmal zu errichten. Der König ließ mitteilen, dass Schadow aufgrund seiner „schätzbaren Talente“, mit denen er sich in der Bildhauerei „so rühmlich“ ausgezeichnet habe, das Standbild entwerfen solle, die beiden Architekten hingegen erhielten den Auftrag, ein Gesamtkonzept zu erstellen.

Im weiteren Verlauf der Beratungen entwickelte Schinkel umfangreiche Denkmalskonzepte, in denen er bis zu 40 Skulpturen und zahlreiche Reliefs in von ihm entworfenen Kuppel- oder Hallenräumen anordnete. Jedoch genehmigte der König am 18. Oktober 1817 Schadows deutlich schlichteren Entwurf, eine „kolossale Bildsäule Luthers von Bronze, die Bibel in der linken Hand“, und legte als Standort Wittenberg fest. Unmittelbar darauf fand am 1. November 1817 im Rahmen der Säkularfeier des Reformationsfestes und in Gegenwart des Königs die Grundsteinlegung für das Denkmal statt.

Bei der Ausführung der Skulptur konnte Schadow auf Vorarbeiten aus den Jahren 1805 und 1806 zurückgreifen. Durch die Niederlage Preußens gegen Napoleon bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 musste das damalige Projekt jedoch abgebrochen werden. Erst im Jahre 1816 konnte es wieder aufgenommen werden.

Schadows Konzept für das Luther-Standbild hätte erstmals einem Nichtadeligen ein freistehendes Denkmal gewidmet. Während der Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung regte der Kronprinz, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., jedoch an, die Skulptur unter einen Baldachin im neugotischen Stil zu stellen. Diesen solle Schinkel entwerfen. Damit wurde Schadows Idee einer freistehenden Statue relativiert. Zudem sah Schadow die Raumwirkung des Standbildes auf dem großen Marktplatz durch architektonisches Beiwerk beeinträchtigt. Da der König dem Vorschlag des Kronprinzen zustimmte, erhielt Schinkel den Auftrag, Sockel und Baldachin zu gestalten. Der Sockel war auf Wunsch des Königs aus Granit, um symbolträchtig auf Luthers Charakterfestigkeit zu verweisen, und musste nun von Schinkel aufwendig umgestaltet werden, um Standflächen für den gusseisernen Baldachin zu gewinnen. Ferner brachte Schinkel auf drei Seiten des Sockels Tafeln mit Bibelzitaten an, ausgewählt von dem Theologen und Kirchenhistoriker Philipp Konrad Marheineke, sowie eine vierte Tafel, die an die Anregung des Projektes durch den Mansfelder Verein erinnerte.

Im Jahre 1818 genehmigte der König schließlich das Gesamtkonzept und besah sich im Februar 1819 im Atelier Schadows die Skulptur in Originalgröße. Anschließend konnte der Bronzeguss im Königlichen Gießhaus, der „Königlichen Kanonen-Gießerei“, durch den aus Paris engagierten Gießer Lequin erfolgen. Die einzeln gegossenen Formen setzte Schadow im Laufe des Jahres 1820 in seinem Atelier wieder zusammen und räumte den Berliner Bürgern im Februar 1821 die Möglichkeit ein, das Luther-Standbild gegen eine Eintrittsgebühr zu besichtigen. Im Herbst 1821 erfolgte schließlich der Transport nach Wittenberg, wo das Denkmal am 31. Oktober, dem Reformationstag, in einer prächtigen Zeremonie in Gegenwart des Königs enthüllt wurde. Schadow berichtete: „Abends war die ganze Stadt erleuchtet, das Denkmal mit brennenden Pechpfannen umstellt.“

Die Würdigung Luthers durch den preußischen König in der ehemals sächsischen Festungsstadt, die erst 1814 von preußischen Truppen eingenommen worden war, stellte ein politisches Bekenntnis zu den neuen sächsischen Landesteilen dar, war aber auch ein religionspolitisches Signal: Friedrich Wilhelm III. hatte im selben Jahr die Vereinigung der Gemeinden des evangelisch reformierten Bekenntnisses (dem die Hohenzollern angehörten) und der Gemeinden des lutherischen Bekenntnisses (der Mehrheit der Bevölkerung in Preußen) zu einer „unierten“ Kirche in Preußen verordnet.

Im Jahre 2010 wurde die Skulptur in Wittenberg für eine Restaurierung von ihrem Sockel entfernt. Der Künstler Ottmar Hörl reagierte auf den Leerstand des Sockels und schuf eine verkleinerte Version der Skulptur, die er in vier verschiedenen Farben in Kunststoff gießen ließ. Eine solche Idee ist Schadows Bildhauerkunst nicht fremd: Das kleine Gipsmodell seiner Statue wurde im 19. Jahrhundert in großer Auflage als Bronze- oder Eisenguss populär, und bereits zuvor wurde seine „Prinzessinnengruppe“ für die Königliche Porzellanmanufaktur (KPM) in verschiedenen Größen produziert. Ottmar Hörl verteilte 800 Exemplare seiner farbigen und mobilen Plastik „Martin Luther: Hier stehe ich“ auf dem Marktplatz in Wittenberg, wo sich Luther auf diese Weise vom 14. August bis 12. September 2010 wortwörtlich unters Volk mischte. Eine Serie der „Lutherbotschafter“ stiftete der Künstler der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages. So kehrte Schadows „Luther“, en miniature und farbig vervierfacht, zurück ins Schadow-Haus, wo am 21. November 1816 die Überlegungen zur Entwicklung eines Luther-Denkmales ihren Anfang genommen hatten.

Text: Andreas Kaernbach, Kurator der Kunstsammlung des Deutschen Bundestages