Fachgespräch zur „Initiative Nationale Risiko-Analyse“
Zeit:
Montag, 5. Oktober 2026,
17
bis 19 Uhr
Ort: Berlin, Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, Sitzungssaal 3.101
Eine gute und eine schlechte Nachricht hatten die Sachverständigen beim Fachgespräch zum Thema „Nationale Risikoanalyse“ im Unterausschuss „Krisenprävention, strategische Vorausschau, Stabilisierung und Friedensförderung“ des Auswärtigen Ausschusses am Montag, 5. Oktober 2026, im Gepäck. Die schlechte: Globale Risiken, mit denen Deutschland sich zunehmend konfrontiert sieht, sind in der Nationalen Sicherheitsstrategie (NSS) von 2023 nicht ausreichend berücksichtigt. Die gute: Politik, Gesellschaft und Wirtschaft haben es in der Hand, erfolgreich etwas dagegen zu unternehmen.
Initiative Nationale Risiko-Analyse
Die wesentlichen Risiken, durch die Deutschland herausgefordert wird, zu identifizieren und zu priorisieren, das haben sich die in der „Initiative Nationale Risiko-Analyse“ zusammengeschlossenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler namhafter Think Tanks und Forschungsinstitute vorgenommen. Ihr Ziel: die NSS von vor drei Jahren mit einer aktuellen, fundierten Risiko-Analyse weiterzuentwickeln. Zu wissen, wogegen es sich prioritär zu wappnen gilt, ist unerlässlich, um strategische Prioritäten zu setzen und Ressourcen gezielt einzusetzen, so die Wissenschaftler. Erste Ergebnisse ihrer Forschung präsentierten sie in dem Fachgespräch.
Im Sinne eines umfassenden Sicherheitsverständnisses haben die Wissenschaftler eine möglichst große Bandbreite vorstellbarer Sicherheitsrisiken systematisch erhoben und bewertet und daraus zehn Handlungsfelder für Deutschland ermittelt: zwei „zentrale Bedrohungen“ und acht „Schwachstellen“. Man sei dabei, „eine Kartografie der Risikolandschaft, in der sich Deutschland befindet“, zu erstellen, sagte Studien-Ko-Autor Thomas Kleine-Brockhoff von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Damit wolle man nicht nur Input für die neue NSS liefern, sondern auch die öffentliche Diskussion über Risikomanagement fördern.
Großmachtrivalitäten anstelle regelhaften Verhaltens
Seit 2023 habe sich die Risikolage zugespitzt, sei bedrohlicher geworden. Man befinde sich in einer Weltordnungskrise, in der Großmachtrivalitäten an die Stelle von regelhaftem Verhalten träten. Viele Gefahren kämen zudem gleichzeitig auf und bedrohten Freiheit, Sicherheit und Wohlstand der Bundesrepublik. Das hegemoniale Russland stelle „die größte Bedrohung für den Frieden in Europa und damit für die Bundesrepublik“ dar, sagte Kleine-Brockhoff. Zu den fundamentalen Risiken zähle man ferner „den Weltmachtanspruch Chinas mit seiner Macht- und Wettbewerbsverzerrungspolitik“.
Als zwei weitere, „zentrale Risiken“ für Deutschland haben die Wissenschaftler einen unkontrollierten Rückzug der USA als sicherheitspolitischer Akteur aus Europa bei gleichzeitig nur langsam wachsender eigener Verteidigungsfähigkeit Deutschlands sowie eine „Desintegration“ der Europäischen Union identifiziert. Beide wirkten bislang als „Ordnungsanker“. Würden sie geschwächt oder verschwinden, würde das die „Risikoexposition“ der Bundesrepublik verschärfen.
Zwei unangenehme Wahlmöglichkeiten
Der schrittweise Rückzug der USA aus der kollektiven Verteidigung Europas stelle Deutschland und den Kontinent vor zwei unangenehme Wahlmöglichkeiten, sagte Ko-Autor Dr. Stefan Mair, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP): Entweder versuche man, mit massiver Aufrüstung das, was die USA geleistet haben, zu ersetzen oder „wir akzeptieren einen gewissen Hegemonialanspruch Russlands, wenn wir nicht verteidigungs- und abschreckungsfähig sind“. Das werde unsere Gesellschaften weiter polarisieren und die Handlungsfähigkeit von Politik einschränken.
Für das zweite Szenario, der Desintegration und Mächterivalität in Europa, sehe man drei begünstigende Faktoren, so Mair: den Druck Russlands, aber auch der USA, die die EU als Gegner und Rivalen identifiziert hätten und versuchten, den Kontinent zu spalten, die Krise der Gesellschaften, die unter Veränderungsdruck und Abstiegsängsten litten mit der Folge politischer Polarisierung und dem Aufstieg nationalistischer Kräfte sowie die schwindende und ungleiche fiskalische Handlungsfähigkeit der EU-Mitgliedstaaten.
Priorisiertes Risikoregister für Deutschland
Seit 2012 verfüge Deutschland bereits im Bevölkerungsschutz über ein Instrument zur Risikoabschätzung. Bislang fehle das Gegenstück dazu für die Außen- und Sicherheitspolitik, sagte Ko-Autor Dr. Oliver Gnad, Managing Director des „Bureau für Zeitgeschehen“. Kern ihrer Arbeit sei, „Bedrohungen und einseitige Abhängigkeiten zu identifizieren, die gegen uns verwendet werden können“. Dabei orientiere man sich an den vorbildhaften Strategien aus Großbritannien, Finnland und den Niederlanden und lehne sich methodisch an weitere internationale Strategien an.
Während die Krisenvorsorgestrategie der EU sich vor allem auf Naturgefahren beziehe, strebe der Beitrag der „Initiative Nationale Risiko-Analyse“ die „strategische Bewertung und Priorisierung von großen strukturgebenden Phänomenen“ an. Aus Themenfeldern und Trends werde man ein „priorisiertes Risikoregister“ für Deutschland erstellen, das eine Bewertung der Risiken erlaube. Aus einer „Skalenbewertung zum Schadensausmaß auf fünf zentrale Fähigkeitsdimensionen und der Eintrittswahrscheinlichkeit“ soll ein „Vulnerabilitätsindex“ für die zehn Handlungsfelder errechnet werden, erläuterte Gnad.
Acht Schwachstellen identifiziert
Als acht „Schwachstellen“ identifizierten die Wissenschaftler: die Ausnutzung liberaler Offenheit, belang verstanden als Quelle wirtschaftlicher Macht, für Gegenangriffe vor allem im digitalen Raum, Deutschlands limitierte Kräfte beim Wettlauf um die strategischen Regionen: Weltall, Polregionen und Tiefsee, der schleichenden Verlust technologischer Souveränität und Machtausübung anderer durch digitale Schlüsseltechnologien, „Risse in der Rohstoffkette“ und die Konzentration der Verarbeitung wesentlicher Rohstoffe in China, den Niedergang des globalen Freihandels als Wohlstandsquelle und Nutzung des Handels als geopolitische Waffe, die Gefährdung kritischer Infrastrukturen, begrenzte fiskalische Spielräume, sowie den Megatrend des Klimawandels.
Man wolle aber mit der Studie „keinen Alarmismus“ predigen, so Kleine-Brockhoff. Es gehe vielmehr darum, das Bewusstsein für Handlungsfähigkeit zu stärken und Handlungsmöglichkeiten für Deutschland aufzuzeigen. Man wolle darauf aufmerksam machen, dass Risiken „nicht nur zu Katastrophenszenarien und Abwärtsspiralen führen“, sondern auch „Aufwärtsdynamiken“ auslösen können. Alle aufgezählten Risiken hätten das Potenzial, bei entsprechendem Handeln, bei Beseitigung der „Schwachstellen“, auch „positive Kaskadeneffekte“ nach sich zu ziehen. Deutschland könne Einfluss nehmen auf herausfordernde Bedrohungen und sei in der Lage diese zu überwinden. (ll/06.10.2026)