Jan N. Lorenzen erhält Medienpreis Parlament 2025 des Bundestages

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner mit den Nominierten für den Medienpreis Parlament 2025: links Nicolas Richter (Süddeutsche Zeitung), rechts Andrea Maurer und Christiane Hübscher (beide ZDF); vorne Olaf Jacobs, der die Urkunde stellvertretend für den Preisgewinner Jan N. Lorenzen entgegennahm. (© Deutscher Bundestag/Inga Haar)
„Wir waren in der AfD – Aussteiger berichten“ lautet der Titel eines 90-minütigen Films, den die ARD am 18. Januar 2024 erstmals ausgestrahlt hat. Darin berichten fünf jüngere ehemalige Mitglieder der AfD und der einstige Parteivorsitzende Jörg Meuthen, weshalb sie der 2013 gegründeten Partei beigetreten sind und sich darin engagiert hatten, was sie während ihrer Mitgliedschaft erlebten und was für sie den Ausschlag gab, die Partei wieder zu verlassen. Für diesen Beitrag hat Bundestagspräsidentin Julia Klöckner dem Autor und Regisseur Jan N. Lorenzen am Dienstag, 13. Januar 2026, den „Medienpreis Parlament 2025“ des Deutschen Bundestages verliehen. Stellvertretend für den verhinderten Preisträger nahm Professor Olaf Jacobs, Geschäftsführer der Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft Hoferichter & Jacobs und Produzent des Beitrags, die Urkunde entgegen.
Für das Jurymitglied Eckart Lohse, Leiter der Parlamentsredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, lässt der Beitrag Lorenzens „sehr gut erkennen, dass die AfD nicht als von Anfang an rechtsextremes Ungeheuer über die deutsche Parteienlandschaft gekommen ist, sondern wie sie sich zunehmend radikalisiert und genau damit Erfolg hat“. Jurymitglied und „Stern“-Chefreporterin Miriam Hollstein würdigte die „herausragende journalistische Rechercheleistung“ Lorenzens. In intensiven Gesprächen gelinge es ihm, die Gründe für die Ein- und Austritte offenzulegen, wobei er weitgehend auf Kommentare und Einordnungen verzichte. So entstehe ein eindrucksvolles Bild vom Innenleben der Partei. Jacobs sagte, man habe versucht, einen Prozess der Radikalisierung zu erzählen.
Die von der Bundestagspräsidentin berufene Fachjury hatte „Wir waren in der AfD – Aussteiger berichten“ aus 48 eingereichten Beiträgen für den Medienpreis vorgeschlagen, wie Jurymitglied Katharina Hamberger (Deutschlandfunk) berichtete. 75 Personen hätten sich um den Medienpreis beworben, darunter mehr Männer als Frauen. Hamberger ermutigte daher Journalistinnen, sich mit eigenen Beiträgen zu bewerben.
Klöckner: Auch der politischen Mitte Raum geben
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner sagte, Demokratie brauche genaue Beobachtung, sorgfältige Recherche und nachvollziehbare Einordnung. Berichte über die politischen Ränder seien aus journalistischer Sicht eine spannende Aufgabe und demokratisch absolut notwendig. Sie warb aber zugleich dafür, auch der politischen Mitte wieder Raum zu geben. Ohne das Ringen, ohne die Fähigkeit zum Kompromiss bleibe die Demokratie stehen. Daher sei es eine besondere Herausforderung, nicht immer weiter die Aufmerksamkeitsspirale anzutreiben, sondern auch diese Kompromissfindung transparent darzustellen. Wer verstehe, wie parlamentarische Arbeit entsteht, sei weniger anfällig für Misstrauen und Verschwörungsgeschichten.
Guter Parlamentsjournalismus sei auch da „notwendig und wunderbar“, so Klöckner, wo es um die Details, die Kärrnerarbeit gehe. Sie wünsche sich mehr Parlamentsjournalismus in seiner ganzen Breite: „Das investigative Stück, das Missstände sichtbar macht, ebenso wie das präzise Stück, das Verfahren erklärt, Hintergründe ordnet und die Arbeit im Maschinenraum der Demokratie verständlich übersetzt. Beides stärkt die demokratische Öffentlichkeit.“
„Herr Schreiber lernt Politik“
Für den Preis nominiert waren darüber hinaus zwei weitere Beiträge. „Herr Schreiber lernt Politik“, ein dreiseitiges Feature über den Bürgerrat „Ernährung im Wandel: Zwischen Privatangelegenheit und staatlichen Aufgaben“, den der Bundestag am 10. Mai 2023 eingesetzt hatte und der seine Empfehlungen am 20. Februar 2024 in Form eines Bürgergutachtens an die Mitglieder des Bundestages übergeben hatte. Der Text erschien in der Wochenendausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) vom 20./21. Januar 2024.
Die Autoren Boris Herrmann, derzeit US-Korrespondent der SZ, und Nicolas Richter, Leiter der SZ-Parlamentsredaktion, zeichneten darin die Arbeit des Bürgerrates anhand der Eindrücke eines der beteiligten Bürger, des damals 66-jährigen Berliner Rentners René Schreiber, nach. Der Bürgerrat bestand aus 160 Deutschen, die per Los ausgewählt worden waren und sich mit Fragen der Umwelt- und Klimaverträglichkeit, der Haltungsbedingungen von Nutztieren und mit der Produktion, Kennzeichnung und Verschwendung von Lebensmitteln befassten. Der „stilistisch hervorragende“ Text, so Jurymitglied Micky Beisenherz, „veranschaulicht am Beispiel des einfachen Bürgers, wie Politik funktioniert. Es ist der Blick unter die Motorhaube, und am allerbesten, er macht Lust auf Politik in Zeiten, wo sich immer mehr Leute abwenden“.
„Inside Bündnis Wagenknecht“
Der dritte nominierte Beitrag mit dem Titel „Inside Bündnis Wagenknecht“ dokumentiert die Entstehungsgeschichte und die Anfänge der Partei „Bündnis Sahra Wagenknecht – Vernunft und Gerechtigkeit“ (BSW) in den Jahren 2023 und 2024. Die fünfteilige Serie der beiden Autorinnen und Regisseurinnen Christiane Hübscher und Andrea Maurer wurde am 9. Oktober 2024 auf ZDFinfo ausgestrahlt und ist seither im Streaming-Portal des ZDF zu sehen. Sie zeigt die frühen Planungen hinter verschlossenen Türen, den Bruch mit der Partei Die Linke, den Aufbau des BSW, interne Konflikte und Wahlerfolge bei der Europawahl und den drei ostdeutschen Landtagswahlen 2024. Die dreistündige Dokumentation gibt Einblicke in Personen und Strukturen der Partei, allen voran der Parteigründerin Sahra Wagenknecht, und liefert Aussagen von anderen Parteimitgliedern, Politikern anderer Parteien, Journalisten und weiteren externen Beobachtern.
Den Autorinnen, beide sind Korrespondentinnen im ZDF-Hauptstadtstudio, gelinge „ein seltenes, ein sehenswertes Kunststück“, urteilt Jurymitglied Steffen Schwarzkopf, Chefreporter des Fernsehsenders „Welt“. „Ihre Aufnahmen sind nah, intim, persönlich und gleichzeitig mit der gebotenen journalistischen Sorgfalt zusammengetragen, ohne jegliche eigene Wertung, Bewertung. Die überlassen sie dem Zuschauer, der viel lernt über die Strukturen des Politikbetriebs, in dem Ellbogen manchmal die geringste Waffe im Umgang mit Gegnern sind.“
Würdigung herausragender publizistischer Arbeiten
Mit dem seit 1993 vergebenen und mit 5.000 Euro dotierten Medienpreis des Deutschen Bundestages werden herausragende journalistische Beiträge gewürdigt. Die Beiträge sollen zur Beschäftigung mit Fragen des Parlamentarismus anregen und zu einem vertieften Verständnis parlamentarischer Abläufe, Arbeitsweisen und Themen beitragen. Die eingereichten Arbeiten für das Preisverfahren 2025 mussten zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 2024 in Tages- oder Wochenzeitungen und in Online-Medien erschienen oder in Rundfunk oder Fernsehen ausgestrahlt worden sein.
Der von Bundestagspräsidentin Klöckner für die Dauer der Wahlperiode berufenen, unabhängigen Fachjury gehören an: Dr. Helene Bubrowski (Table Media/Juryvorsitzende), Katharina Hamberger (Deutschlandfunk), Miriam Hollstein (Stern), Andrea Kümpfbeck (Augsburger Allgemeine), Micky Beisenherz (unter anderem Nachrichten-Podcast „Apokalypse & Filterkaffee“), Dr. Eckart Lohse (Frankfurter Allgemeine Zeitung), Markus Preiß (ARD-Hauptstadtstudio), Jörg Quoos (Funke Zentralredaktion) und Steffen Schwarzkopf (Welt TV). (vom/14.01.2026)